Bits & Bäume: Rechenzentren des Bundes verschwenden zu viel Energie

Keine Abwärmenutzung, klimaschädliche Kältemittel und zum Teil nicht mal getrennte Stromzähler: Die Datenzentren des Bundes hinken beim Klimaschutz hinterher.

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(Bild: PeachShutterStock / Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl
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Wirtschaftsstaatssekretärin Franziska Brantner hat auf der Bits & Bäume eingeräumt, dass die Datenzentren des Bundes beim Klimaschutz erschütternd schlecht aufgestellt sind. Der Zustand der Rechenzentren des Bundes beim Klimaschutz "ist nicht akzeptabel". Dies gab Franziska Brantner, parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, beim Auftakt der Nachhaltigkeitskonferenz "Bits & Bäume" in Berlin zu.

Die aktuelle Lage bezeichnete die Grüne als "ernüchternd und erschütternd". Sie versicherte, dass dieses Problem angegangen werde. Zuvor hatte eine Anfrage der Linksfraktion des Bundestags ergeben, dass allenfalls ein einziges Rechenzentrum des Bundes die Kriterien des Blauen Engels für solche Datenknotenpunkte erfüllt. Die entsprechenden Maßgaben entwickelte das Umweltbundesamt selbst.

Ob die Messlatte in dem einen Fall überhaupt eingehalten wird, ist nicht ganz klar, da die Datenlage zur Nachhaltigkeit der Bundes-IT schlecht ist: Bei 118 von 184 Rechenzentren fand die Bundesregierung laut ihrer Antwort zu keinem einzigen der acht Kriterien des Blauen Engels einschlägige Informationen. Auch sonst sind die erhobenen Messwerte unvollständig und widersprüchlich. Teils gibt es in den Rechenzentren nicht einmal einen getrennten Zähler für den Stromverbrauch.

Fest steht, dass nicht einmal jedes zehnte Datenzentrum des Bundes die Abwärme der Server nutzt. Nicht einmal jedes Dritte verwendet Strom aus erneuerbaren Energien. Andererseits setzen immer noch Zweidrittel der Rechenzentren klimaschädliche Kältemittel ein. Seit Mitte 2021 sind zudem zumindest alle neuen Rechenzentren eigentlich dazu verpflichtet, die Kriterien des Blauen Engels einzuhalten. In der Praxis scheint dies bislang aber nur für die Hälfte der 34 neu entstehenden Anlagen zuzutreffen. Die schwarz-rote Vorgängerregierung habe in der Vergangenheit kein Gewicht auf den Klimaschutz bei der Bundes-IT gelegt, erklärte Brantner.

Die Ampelkoalition will nun erreichen, dass neue Rechenzentren auch in der Wirtschaft von 2027 an klimaneutral betrieben werden. Solche Anlagen sollen etwa durch die Nutzung von Abwärme "auf ökologische Nachhaltigkeit und Klimaschutz" ausgerichtet werden, heißt es im rot-grün-gelben Koalitionsvertrag. "Wir sitzen an einem Energieeffizienzgesetz", führte Brantner aus. Dieses werde klare Vorgaben für Rechenzentren mit einer Pflicht zur Nutzung von Abwärme und zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes enthalten.

Hendrik Zimmermann von der zivilgesellschaftlichen Organisation Germanwatch kritisierte, dass laut dem Gebäudeprogramm der Regierung nur 30 Prozent Abwärme durch Rechenzentren genutzt werden müssten. Würde dieser Anteil höher gesetzt, stelle sich eventuell heraus, dass man die ein oder andere Einrichtung dieser Art doch "gar nicht braucht".

Brantner verwies auf Gespräche mit den Kommunen, wonach diese nicht in der Lage seien, aktuell mehr als 30 Prozent Abwärme abzunehmen. Deswegen sei geplant, jedes Jahr zehn Prozent draufzusatteln, um die erforderlichen Umstellungen zu ermöglichen. Die Perspektive sei damit klar. Bisher scheitert die Abwärmenutzung von Rechenzentren einer Studie des IT-Verbands Bitkom zufolge vor allem an fehlenden Abnehmern für die erhitzte Luft beziehungsweise das erwärmte Wasser und an der Wirtschaftlichkeit.

Auf das Potenzial von Abwärme etwa für"Vertical Farming" hatte die Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen in Deutschland bereits 2019 verwiesen. Die Staatssekretärin kündigte zudem an, dass die Regierung ein Gütesiegel für Künstliche Intelligenz (KI) und Software inklusive Apps entwickeln wolle. Daran solle auch ablesbar sein, ob ein Algorithmus oder eine Anwendung besonders viel Energie verbrauchen. Generell zeigte sie sich überzeugt, dass die digitale Technologie einen Beitrag zum Klimaschutz leisten können.

Politik und Gesellschaft müssten aber aufpassen, dass es nicht zu Rebound-Effekten komme. Dadurch lässt sich das Einsparpotenzial von Effizienzsteigerungen etwa durch eine massenhafte Nutzung von Smartphones oder Streaming-Diensten nicht oder nur teils verwirklichen. Durch die Digitalisierung gebe es "viele Einsparmöglichkeiten", zeigte sich die Grüne zuversichtlich.

Um die "desaströsen" Recyclingquoten bei Elektrogeräten in Europa zu erhöhen, erstelle die Rohstoffagentur mit dem Bundesumweltamt ferner "für jedes einzelne" einen Fußabdruck, ob sich das teils ebenfalls sehr energieintensive Wiederaufbereiten lohne. Mit Blick auf die viel diskutierten digitalen Thermostate forderte Brantner das Publikum auf: "Bitte macht, das spart unglaublich viel."

Friederike Rohde vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) gab dagegen zu bedenken, dass man über zwei Jahre sechs Prozent weniger Energie verbrauchen müsse, um den CO2-Fußabdruck von intelligenten Thermostaten wieder rauszuholen. Christiane Rohleder, Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, berichtete, dass zumindest das eigene Ressort eine Zertifizierung nach dem Umweltmanagementsystem Emas (Eco Management and Audit Scheme) anstrebe. Die IT stelle dabei aber oft noch eine Herausforderung dar: "Wir verwenden noch ganz normale Geräte." Open Source komme auf der gängigen Anwendungsebene nicht zum Einsatz.

"Wir wollen ein Recht auf Reparatur" mit entsprechenden Anleitungen, unterstrich die Grüne. Dazu habe sich die Bundesregierung auf eine "ambitionierte Position" zur geplanten neuen Ökodesign-Verordnung geeinigt, die derzeit auf EU-Ebene verhandelt wird. Den bereits seit Monaten angekündigten Beschluss eines Aktionsprogramms "Reparieren statt Wegwerfen", bei dem das Umweltministerium federführend ist, hat das Bundeskabinett aber wiederholt verschoben. Es soll nun im November verabschiedet werden.

Der Trägerkreis der "Bits & Bäume" fordert in einem 60-Punkte-Katalog unter anderem einen Stopp der Praxis, unter ausbeuterischen Bedingungen nach Rohstoffen für digitale Technologien zu schürfen. Zudem müsse Schluss damit sein, globale Wertschöpfungsketten "für Cookies zu verschwenden", postulierte Rohde. "Datenschutz ist der Schutz von Menschen", spannte Henriette Litta, Geschäftsführerin der Open Knowledge Foundation Deutschland, den Bogen weiter. Wenn der Gesetzgeber an dieser Stelle zu wenige Regeln aufstelle, drohten "die gläserne Konsumentin" und der Überwachungsstaat.

Wer nur die wirklich benötigten Daten erhebe, speichere und verarbeite, verbrauche auch weniger Ressourcen und Strom, verdeutlichte Zimmermann die Zusammenhänge. Privacy by Design sei daher eine gute Sache. Die Konferenzveranstalter machten sich daher auch dafür stark, "Tracking, Profilbildung und personalisierte Werbung" zu verbieten. Diese Formen des Überwachungskapitalismus hätten auch ökologische Auswirkungen: Allein der Strombedarf für gezielte Online-Reklame sei schätzungsweise ebenso hoch wie der von ganz Großbritannien.

Zudem würden durch manipulative, aus Russland gesteuerte Anzeigen-Kampagnen in sozialen Netzwerken "umweltpolitische Diskurse massiv beeinflusst" und Energiesparen diskreditiert. Der Bundesregierung gab der Germanwatch-Vertreter für ihr Reparaturprogramm mit auf den Weg, dass damit auch eine Lieferung von Ersatzteilen, der Einbau von Open-Source-Komponenten und offene Schnittstellen obligatorisch werden müssten. Wer nach der üblichen Nutzungsdauer keine Software-Updates liefere, sollte angehalten werden, den Quellcode unter einer freien Lizenz zu veröffentlichen.

Zudem sei eine primäre Ressourcensteuer nötig, um Sekundärprodukte marktfähig zu machen. Nur mit einem Gesamtpaket lasse sich "Green IT" verwirklichen. Litta verlangte ein "hartes Transparenzgesetz des Bundes mit Klagemöglichkeiten", um die zivilgesellschaftlichen Beteiligungsmöglichkeiten zu verbessern. Dann können auch nachgefragt werden, was wirklich passiere. Ein Regierungsbündnis wäre dann nicht mehr in der Lage, sich mit Koalitionszwängen und "dauert einfach etwas länger" herauszureden.

Mit individuellen Lebensstilen vor allem der Menschen in den reichen Ländern im globalen Norden brachte Lewis Akenji von der Denkfabrik Hotor Cool Institute den Klimawandel zusammen. Diese müssten ihr alltägliches Verhalten ändern und etwa über die Auswirkungen ihres Wohnens, ihrer Mobilität, ihres Güterbezugs und so auch über die Nutzung von Uber, Airbnb und anderer Plattformen nachdenken. Es gelte, soziale Ungleichheiten zu korrigieren, Partnerschaften zu knüpfen und die Lebensqualität für alle zu verbessern, ohne dabei kulturelle Eigenheiten zu nivellieren und alles zu digitalisieren.

(mack)