Mit KI intelligenter durch die Krisen – oder ins Desaster

Die Digitalministerin von Taiwan, Audrey Tang, plädiert für "assistierende Intelligenz", der Soziologe Harald Welzer lehnt die technikgetriebene Debatte ab.

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In Taiwan werden die Hygieneregeln auf lustige Art mit einem Hund erklärt, referierte die Digitalministerin Taiwans, Audrey Tang, auf der KI-Konferenz der Bundestagsfraktion der Grünen.

(Bild: Audrey Tang)

Von
  • Stefan Krempl

Auf schöne neue Begriffe setzt die taiwanesische Digitalministerin Audrey Tang, um den Bürgern die Technikwelt schmackhafter zu machen. Das "Internet of Things" ist für sie das Netz der "Beings", die möglicherweise nahe Singularität, mit der die Maschinen die Herrschaft übernähmen, interpretiert sie als "Pluralität", aus Künstlicher Intelligenz (KI) macht sie die "assistierende Intelligenz". Nur die Quarantäne-App, mit der das Land die Corona-Pandemie zu bekämpfen sucht, kommt begrifflich schmucklos als "digitaler Zaun" daher.

14 Tage gilt die Pflicht zur Selbstisolation für Infizierte und potenzielle Verbreiter des neuartigen Coronavirus auf der Insel. "Wir zahlen allen in Quarantäne rund 30 Euro pro Tag, damit sie zuhause bleiben", berichtete Tang am Donnerstag auf der KI-Konferenz der Grünen-Bundestagsfraktion unter dem Motto "Intelligenter durch die Krise". Bestandteil der Mobilanwendung ist zudem ein "Gesundheits-Bot", mit dem die Nutzer chatten können. Wer seine Telefonnummer nicht preisgeben will, erhält für die zwei Wochen ein Smartphone vom Staat.

Nur freundlich ist das System aber nicht. "Der Chatbot registriert, wenn sich das Telefon längere Zeit nicht bewegt und man auf SMS nicht reagiert", erläuterte die Ministerin eine der Funktionen, mit der die Selbstisolation durchgesetzt werden soll. GPS oder Bluetooth kämen zwar nicht zum Einsatz, der Standort werde aber über Abstandsmessung anhand der Funkmasten per Triangulation auf rund 50 Meter genau gemessen.

Witziger ist die Hunde-Animation, die den Taiwanesen erklären soll, warum sie in Pandemiezeiten Abstand halten, eine Schutzmaske tragen und in die Armbeuge niesen sollen. Zugleich helfe die assistierende Intelligenz auch gegen die parallel grassierende Infodemie, führte Tang aus. So könne jeder Social-Media-Nutzer fragwürdige Nachrichten und Verschwörungserzählungen markieren und an ein staatlich betriebenes "kollektives Fact-Checking-Netzwerk" senden.

"Die Ministerien senden dann lustige Meme zurück", verwies die Regierungsvertreterin auf das Motto: "Humor over rumor". Ein führender Politiker habe auf diese Weise mit einem Bild, auf dem er von hinten zu sehen sei, die Falschbehauptung konterkariert, dass die Regierung Klopapier konfisziere, um mehr Masken produzieren zu können.

Künstliche Intelligenz könne helfen, "die großen Krisen zu bekämpfen", hatte die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt zuvor auch mit Blick auf den Klimawandel als Losung ausgegeben. Sie müsse dafür aber "zivil, nachhaltig und sozial sein" sowie am besten "in Europa autonom" entwickelt werden "nach unseren Werten".

Ein falscher Ansatz, meinte der Soziologe Harald Welzer. Die Klimakrise etwa sei nicht durch technische, sondern nur durch soziale Innovationen zu lösen. Die Gesellschaft müsse andere Lebensstile und Formen der Mobilität etablieren. Digitale Technologien können vielleicht bei der Entwicklung einer modernisierten Form des Kapitalismus helfen, dafür müsse aber zunächst klar sein, was die Frage sei beziehungsweise welches Problem man lösen wolle.

Der Mitgründer des Rats für digitale Ökologie veranschaulichte seine These am Beispiel des "Phantasma" autonomer Fahrzeuge. Dabei gelte es erst zu klären, welche Art von Fortbewegung und Partizipation man haben wolle. Seiner Ansicht nach müsse die Technik so allenfalls "für die Orchestrierung" des öffentlichen Nahverkehrs eingesetzt werden. Statt technikgetrieben gelte es "andersrum" zu diskutieren. Die menschliche Kreativität dürfe nicht ans Ende einer Entscheidungskette gestellt werden, in der schon viel vorgegeben sei. Es bringe nichts, etwa der KI nach ihrem Durchbruch noch Ethik und Nachhaltigkeit aufpfropfen zu wollen.

Er sehe die Option, den Verkehr oder die Energiewende mit Daten besser zu steuern, ging Dieter Janecek, Sprecher der Grünen für die digitale Wirtschaft, mit dem Wissenschaftler nicht ganz konform. Die Richtung beim Ressourcenverbrauch dürfe dabei aber "nur noch nach unten weisen". Algorithmen sollten effizienter werden, wobei auch eine "faire CO2-Bepreisung" helfen könne. Lösungen wie ein digitales Parkraummanagement seien aber "katastrophal", da der Raum in der Stadt anders verteilt werden müsse.

Wenn Entscheidungen an Maschinen ausgelagert würden, entstünden gerade im Bereich der inneren Sicherheit Probleme bis hin zur Frage der strafrechtlichen Verantwortung, warnte Fraktionsvize Konstantin von Notz. Etwa bei Predictive Policing, der Gesichtserkennung, den Drohnen und der Fernmeldeaufklärung tue die Politik daher gut daran, einen klaren rechtlichen Rahmen zu setzen. Sonst müsse immer wieder das Bundesverfassungsgericht eingreifen, um die Bürger vor Diskriminierung zu schützen sowie ihre Privatsphäre und Freiheit zu verteidigen.

(olb)