HPI-Schul-Cloud: Projekt endet in Übernahme durch drei Bundesländer

Vier Jahre lang wurde die HPI-Schul-Cloud entwickelt – das Forschungsprojekt endet nun offiziell. Brandenburg, Niedersachsen und Thüringen übernehmen es.

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  • Kristina Beer

Vor vier Jahren startete das Forschungsprojekt des Hasso-Plattner-Instituts für die HPI-Schul-Cloud – nun naht das Ende des Projekts. Am 31. Juli 2021 gibt das HPI die Schul-Cloud ab. Drei Bundesländer, die sich schon während der Entwicklungszeit offen für das Konzept gezeigt hatten, werden die Schul-Cloud nun weiterentwickeln. Damit hat das Forschungsprojekt tatsächlich seinen Weg in eine breitere Anwendung gefunden, aber offenbar keine weiteren Länder überzeugen können.

"Hinter uns liegen spannende und erkenntnisreiche Jahre. Aus einem kleinen Kreis von Pilotschulen des nationalen Excellence-Schulnetzwerks MINT-EC zu Beginn sind inzwischen rund 4.000 Schulen und knapp 1,4 Millionen Nutzerinnen und Nutzer geworden, die auf die HPI Schul-Cloud zugreifen", erklärte Professor Christoph Meinel, Direktor des Hasso-Plattner-Instituts anlässlich der Unterzeichnung des Verwaltungsabkommens, das die Weiterentwicklung der Schul-Cloud nun sichern soll.

Die Bundesländer Brandenburg, Niedersachsen und Thüringen werden das Projekt übernehmen. Alle drei Länder hatten bereits mit der Lernplattform des HPI gearbeitet. Den technischen Betrieb und auch die technische Weiterentwicklung der Schul-Cloud sichert zukünftig die Dataport, Anstalt des öffentlichen Rechts (Dataport AöR). Und auch der größte Teil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Forschungsprojektes des HPI wird durch Dataport übernommen, zum Teil in einer extra neu gegründeten Niederlassung in Potsdam – dem Stammsitz des HPI.

Mit ihrem gemeinsamen Schritt weichen die beteiligten Länder nun auch den besonders in der Coronavirus-Pandemie häufig kritisierten Bildungs-Föderalismus etwas auf. Da der Bund noch wesentlich übergreifendere Lösungen anstrebt, unterstützen die drei Länder mindestens indirekt diese Ziele.

Aus Sicht der Dataport entspreche die Übernahme des Projekts zudem dem Ziel, "die digitale Souveränität von Politik und Verwaltung zu gewährleisten", da die Cloud auf Open-Source-Software basiert.

Zu Beginn der Coronavirus-Pandemie hatte sich der Anwenderkreis schnell vergrößert, da die Schul-Cloud zur Unterrichtssicherung für wesentlich mehr Schulen geöffnet wurde. Zuvor hatten nur Teilnehmer der Pilotprojekte einen Zugang zur Lösung des HPI. Das Institut hatte sich besonders auf sogenannte MINT-Schulen konzentriert.

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In der Pandemie habe die Schul-Cloud des HPI gezeigt, dass sie datenschutzsicher und leistungsfähig sei, erklärten die drei zuständigen Staatssekräterinnen der Länder. Dr. Julia Heesen, Staatssekretärin in Thüringen, führte im Pandemie-Jargon genauer aus: "Die bisher höchste ‚Inzidenz‘ in der Schulcloud gab es bei uns am 18. Mai 2021, als über 85.000 Nutzerinnen und Nutzer gleichzeitig die Cloud genutzt haben, stabil und zuverlässig. 85.000, das entspricht der Bevölkerung zweier typischer Thüringer Städte wie Eisenach und Nordhausen, die gleichzeitig online und aktiv waren. Ohne dieses wichtige Werkzeug hätten zehntausende Schülerinnen und Schüler in der Pandemie nicht gut lernen können. Die schnelle Entwicklung der Schulcloud war also aktive Pandemiebekämpfung."

Ganz so reibungslos verlief der Einsatz der Schul-Cloud in Pandemie-Zeiten allerdings nicht. Wie auch andere Lernplattformen wurde auch die Schul-Cloud zum Teil durch DDOS-Attacken lahmgelegt. Dies geschah im Laufe des Pandemie-Schuljahres mehrfach und ist auch noch in diesem Frühjahr vorgekommen.

Und auch die Datensicherheit war nicht jederzeit gewährleistet. c't konnte im Februar durch Tippgeber entdeckte Sicherheitslücken nachvollziehen und auf diverse Unterlagen von Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern zugreifen. Angreifer hätten unter anderem handschriftlich bewertete Tests und Übungsblätter, teils mit Namen und Noten kopieren können. Auch waren Zugriffe auf Klassen- und Lehrerlisten mit Kontaktdaten möglich. Abgerundet wurde die Liste der Fundstücke durch diverse Videos aus dem Schulalltag.

Die Reaktion des HPI auf die Informationen wurde von der c't allerdings auch "als Musterlösung für Datenschutzbeauftragte" eingestuft. Die schriftliche Antwort habe deutlich gemacht, dass man beim HPI auf solche Fälle mittlerweile vorbereitet war und die Notfallpläne in der Schublade lagen. Zudem stufte das HPI den Fall als meldepflichtig im Sinne der DSGVO ein und informierte nach eigenen Angaben die zuständigen Landesdatenschutzbeauftragten, ebenso die Partner in den Bundesländern und Betroffene.

Private Anbieter von Lernplattformen begleiteten die Entwicklung und den Einsatz der Schul-Cloud bisher kritisch. Mit der Schul-Cloud habe der Staat ein Konkurrenzprodukt aufgebaut, was unter anderem als Wettbewerbsverzerrung bewertet wurde. Ein Vorwurf lautete auch, dass die Entwicklung der Schul-Cloud die Digitalisierung der Schulen behindert habe – denn statt die kommerziellen Angebote zu nutzen, hätten Schulen auf "das vermeintlich kostenlose Allheilmittel vom Bund" gewartet.

Die Kritik oder auch Furcht der privaten Anbieter, dass die HPI-Schul-Cloud sich in allen Ländern durchsetzen und sie damit verdrängen werde, hat sich zumindest bisher nicht bewahrheitet. Mit Brandenburg, Niedersachsen und Thüringen sind nur bereits überzeugte Länder bei der Lösung geblieben, und selbst dort – z.B. in Niedersachsen – werden trotzdem zusätzlich auch die Angebote der privaten Anbieter wie etwa iServ genutzt. Und auch die nun angegebenen hohen Nutzerzahlen sind vor allem auf die schnelle Öffnung während der Coronavirus-Pandemie zurückzuführen – noch im Januar hieß es, dass sich die Zahlen durch die Pandemie nahezu verdreißigfacht haben. Zu diesem Zeitpunkt feierte man die 1-Millionen-Nutzer-Marke. Ohne die Pandemie wäre die Schul-Cloud noch länger auf Pilotschulen beschränkt geblieben.

(kbe)