Hacker veröffentlichen Bilder aus Irans Folterknast

Das berüchtigte Evin-Gefängnis läuft noch auf Windows 7, so konnten Hacker offenbar gigabyteweise Daten sichern – darunter Videos der Überwachungskameras.​

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Auf den Bildschirmen im Überwachungsraum machen sich die Hacker bemerkbar.

(Bild: Edalat-e Ali via AP)

Von
  • Volker Briegleb

Eine Hackergruppe ist in das Computersystem des berüchtigten iranischen Evin-Gefängnisses eingedrungen und hat Videoaufnahmen der Überwachungskameras veröffentlicht. Auf dem Material, das die Unbekannten der Nachrichtenagentur Associated Press zur Verfügung gestellt haben, sind unter anderem Misshandlungen der Insassen zu sehen. Ein Video zeigt offenbar den Moment, in dem die Hacker, die sich "Edalat-e Ali" (Alis Gerechtigkeit) nennen, die Monitore im Kontrollraum des Gefängnisses übernehmen.

Die Bilder zeigen, wie in dem Raum mit zahlreichen Überwachungsmonitoren einige der Bildschirme zu flackern beginnen und dann offenbar Botschaften der Hacker anzeigen. Medienberichten zufolge sind neben dem Logo der Hacker die Worte "Cyberangriff" und "Freiheit für alle politischen Gefangenen" zu lesen. Wie die AP betont, laufen die Rechner im Kontrollraum offenbar noch mit Windows 7.

Die Hacker behaupten gegenüber AP, bei dem Einbruch in die Systeme des Gefängnisses "hunderte" Gigabyte an Daten erbeutet zu haben. Die Aufnahmen stammen ausweislich ihrer Timestamps größtenteils aus den Jahren 2020 und 2021. Auf undatierten Aufnahmen sind Wärter mit Atemschutzmasken zu sehen, was auf eine Herkunft jüngeren Datums schließen lässt.

"Wir wollen, dass die Welt unsere Stimme für die Freiheit aller politischen Gefangenen hört", erklärten die Hacker gegenüber den AP-Büro in Dubai. Die Veröffentlichung sei anlässlich der Wahl des ultrakonservativen Ebrahim Raisi zum Staatspräsidenten erfolgt. Raisi wird vorgeworfen, 1988 als Justizbeamter an den Massenhinrichtungen von politischen Gefangenen beteiligt gewesen zu sein.

Der Chef des iranischen Vollzugswesens, Mohammed Mehdi Hajmohammadi, hat die Verantwortung für das "inakzeptable Verhalten" der Wachen übernommen und damit die Echtheit der Aufnahmen bestätigt. Auf Twitter entschuldigte sich der Staatsbeamte bei "Gott dem Allmächtigen" und "unserem lieben Anführer". Die "tragischen Ereignisse" dürften sich nicht wiederholen.

Es passiert selten, dass iranische Offizielle Menschenrechtsverletzungen einräumen. Vorwürfe von internationalen Menschenrechtsorganisationen wischt das Regime in Teheran in der Regel als haltlos beiseite. Doch nach den Erkenntnissen von Organisationen wie Human Rights Watch und laut den Berichten von ehemaligen Gefangenen sind solche "tragischen Ereignisse" in Evin eher die Regel denn die Ausnahme.

Das Gefängnis im Teheraner Stadtteil Evin wurde 1972 unter dem damaligen Machthaber Shah Reza Pahlavi gebaut und unterstand zunächst der gefürchteten Geheimpolizei SAVAK. Neben mehreren Zellblöcken, darunter einem für politische Häftlinge, verfügt das Gefängnis über einen Gerichtssaal und eine Hinrichtungsstätte. Nach der islamischen Revolution haben die Mullahs die Einrichtung übernommen, am Ruf der Einrichtung als berüchtigtes Foltergefängnis hat sich nichts geändert.

Im Iran waren zuletzt die Computersysteme des Verkehrsministeriums und der staatlichen Eisenbahngesellschaft Ziel von Cyberangriffen. Dabei war im Juli der Bahnverkehr im Land gestört worden, als die Hacker ihre Botschaften auf den Anzeigetafeln der Bahnhöfe darstellten. Zudem war es in den vergangenen Wochen zu Protesten gegen ein neues Gesetz für mehr Internetzensur gekommen.

(vbr)