Hannovers Messegelände bekommt 5G-Netz

Auf dem größten Messegelände der Welt entsteht ein hybrides 5G-Netz für Besucher und Aussteller sowie ein 5G-Testfeld. Mit dabei: Die Telekom und Siemens.

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Messegelände Hannover: Halle 2 mit dem Messehochhaus im Hintergrund.

(Bild: Deutsche Messe AG)

Von
  • Volker Briegleb

Das Messegelände in Hannover bekommt ein hybrides 5G-Netz. Die ersten Hallen und das Außengelände sollen ab September mit 5G versorgt werden, teilte die Deutsche Messe AG in Hannover mit. In der Endausbaustufe soll das von der Telekom realisierte Netz dann spätestens 2023 die gesamten 1,4 Quadratkilometer des Messegeländes abdecken. Dazu kommt ein gesondertes Campusnetz für industrielle Anwendungen, das Siemens in einer der Hallen aufbaut.

Im ersten Ausbauschritt versorgt die Telekom fünf der größeren Hallen, das Freigelände und die Parkplätze mit 5G. Dafür werden im Außenbereich 14 Antenneneinheiten und in den Hallen rund 70 Indoor-Antennen aufgebaut. Die Arbeiten beginnen im Frühjahr, im September soll der erste Netzabschnitt dann live gehen. Anhand der Erfahrungen des ersten Bauabschnitts soll das Netz dann im Gleichschritt mit den nächsten Releases der 5G-Spezifikation weiterentwickelt werden, erläuterte eine Sprecherin. Bis 2022 oder spätestens 2023 werden die weiteren Hallen und Nebengebäude auf dem Messegelände sukzessive ausgebaut.

Dabei entstehen eigentlich zwei Netze: Ein öffentliches 5G-Mobilfunknetz, das Messebesucher mit einer SIM-Karte der Telekom normal nutzen können, sowie ein separates Campusnetz für Messegesellschaft und Aussteller. Während das öffentliche Netz über die dafür vorgesehenen und von der Telekom ersteigerten Frequenzen im 3,5-GHz-Band läuft, wird der private Teil auf dem für die Industrie reservierten Bereich zwischen 3,7 und 3,8 GHz realisiert. Die Messegesellschaft hat dafür von der Bundesnetzagentur eine Lizenz für ein 100 MHz breites Spektrum erhalten. Damit stehen insgesamt 190 MHz Bandbreite für das Messegelände zur Verfügung.

Die Netze teilen sich die Antennen, sind aber dahinter strikt voneinander getrennt. Die Funktechnik für das von der Telekom "Dual Slice" genannte Verfahren liefert Huawei. Das private Campusnetz, für das die Messe AG alleine verantwortlich zeichnet, bekommt ein eigenes Kernnetz mit Technik von Ericsson. Vergleichbare Campusnetze haben die Bonner zum Beispiel schon bei BMW oder Osram eingerichtet, da aber zunächst noch mit LTE.

Für die Messegesellschaft ist das eine Investition in die Zukunft. "Für die Deutsche Messe ist die frühe Entscheidung für ein eigenes, das gesamte Messegelände umfassende 5G-Campusnetz ein strategisch wichtiger Schritt", sagt Messe-Vorstandschef Jochen Köckler. "Wir werden damit vom reinen Veranstalter zum Betreiber eines Geländes für Test- und Demonstrationszwecke in hoch technologisierten Umgebungen. Damit entwickeln wir unser Messegelände zum multifunktionalen Innovations-Campus."

Welche Hallen zuerst ausgebaut werden, ist noch nicht endgültig geklärt. Im Gespräch sind die Hallen 8, 9, 16, 17 und 19/20. Die Entscheidung wird auch davon abhängen, in welcher Halle ein weiteres 5G-Projekt der Messegesellschaft realisiert wird: Siemens baut für die Messe AG ein 5G-Campusnetz speziell für industrielle Anwendungen, das neben dem Messebetrieb auch als Testfeld für Industriekunden dienen soll. Dafür ist auch Halle 9 im Gespräch, in der Siemens traditionell zur Hannovermesse "zu Hause" ist.

Das Siemens-Netz unterscheidet sich von dem Netz der Telekom. Es ist nicht öffentlich und speziell auf den industriellen Einsatz zugeschnitten. Dabei geht es um Ausfallsicherheit, niedrige Latenz und stabile Bandbreiten für zahlreiche maschinelle Clients im Netz. Ein vergleichbares Testnetz läuft bereits in Siemens' Automotive Testcenter in Nürnberg; in den Werken in Amberg und Karlsruhe baut Siemens derzeit ebenfalls eine 5G-Infrastruktur auf.

"Das Besondere an der Siemens-Infrastruktur: Sie verbleibt dauerhaft in der Messehalle und wird der Deutschen Messe zur kommerziellen Nutzung überlassen", erklärt Messe-Chef Köckler. Die Messegesellschaft will sich damit auch ein neues Geschäftsfeld erschließen und die Halle als "Testfeld für 5G-Anwendungsfelder" unterschiedlichster Branchen anbieten. "Andere Kunden können damit ebenfalls die Siemens-Technik für ihre Produkte als Testumgebung nutzen", sagte Köckler.

Siemens entwickelt die Technik dafür größtenteils selbst. Das Netz in Hannover wird als Showcase zum Teil noch mit Vorserientechnik gebaut. Doch erste Produkte sind schon am Markt, im Laufe des Jahres will Siemens sein Portfolio an 5G-Technik für Industriekunden erweitern. Ende vergangenen Jahres hatte das Unternehmen einen 5G-Router vorgestellt, mit dem sich industrielle Infrastruktur in öffentliche 5G-Netze einbinden und so zum Beispiel fernsteuern und -warten lässt.

Auch Siemens ist davon überzeugt, das 5G großes Potenzial für die Industrie hat. "Neue Netzwerktechnologien sind seit jeher ein wichtiger Treiber für Innovationen. Das gilt auch für 5G", sagte Vorstandsmitglied Cedrik Neike. "Durch den Einsatz privater 5G-Netze, etwa an Produktionsstandorten, können Unternehmen die Vorteile dieser Schlüsseltechnologie voll ausschöpfen."

Die Gesamtinvestitionen für das Messegelände sollen sich auf rund 11 Millionen Euro belaufen. Das Niedersächsische Digitalisierungsministerium unterstützt den 5G-Ausbau des Messegeländes im Rahmen des Masterplans Digitalisierung mit über 2,8 Millionen Euro. "Corona wird das Messegeschäft, wie auch andere Wirtschaftsbereiche, nachhaltig verändern", sagte Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU). "Die Deutsche Messe AG richtet sich mit der 5G-Smart-Venue-Strategie konsequent für die Zukunft aus. Wir haben jetzt die Chance, den strukturbedingten Wandel und die damit verbundene beschleunigte Digitalisierung mitzugestalten."

(vbr)