Hass und Hetze auf Twitter: Studie zeigt Verbindung zwischen Tweets und Taten

Hasstiraden in Tweets gehen realen Übergriffen oft voraus oder folgen auf sie. Eine Studie untersucht, wie beides zusammenhängt und was sich vorhersagen lässt.

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(Bild: Ascannio/Shutterstock.com)

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Hasserfüllte und hetzerische Kommentare auf Twitter sind leider ein dauerhaftes Phänomen, das sich zwar durch Moderation und Kontensperrung eindämmen, aber nie ganz abschaffen lässt. Schon länger sind mögliche Wechselwirkungen zwischen entsprechenden Tweets und tatsächlichen Übergriffen auf betroffene Personen Gegenstand von Untersuchungen. Nun hat eine neue Studie einen Zusammenhang zwischen einem homophoben Signalwort auf Twitter und Angriffen auf Menschen mit queerer Geschlechtsidentität betrachtet. Darüber berichtet die Washington Post.

Das Unternehmen Network Contagion Research Institute (NCRI Inc.) analysiert die Verbreitung von Falschinformationen im Web und deren Wechselwirkung mit Politik, Wirtschaft und anderen gesellschaftlichen Bereichen. Eine neue NCRI-Analyse stellt eine statistische Korrelation her zwischen der Häufung des englischen Begriffs 'groomer' in Tweets und schwulenfeindlichen Übergriffen. Der Slang-Ausdruck 'groomer' (ursprünglich eine Art Tierpfleger, etwa ein Hundefriseur) verweist speziell unter schwulenfeindlich eingestellten Menschen auf das Vorurteil, Schwule würden sich besonders häufig Kindern zum Zweck des sexuellen Missbrauchs nähern (vergleichbar der deutschen Wendung 'Cyber-Grooming' für eine Anbahnung übers Web). Für eine derartige Häufung gibt es jedoch keine Belege. Dennoch hält sich dieses Vorurteil bei einer Minderheit der Bevölkerung hartnäckig.

Vor der Übernahme durch Elon Musk stufte Twitter den Begriff 'groomer' als Hassrede ein und ging gegen seine Verwendung vor. Bereits einige Zeit nach Musks Ankündigung, den Kurznachrichtendienst übernehmen zu wollen, stieg der Gebrauch des Begriffs sprunghaft an, stellte das NCRI fest. Seit der Übernahme nimmt die Nutzung weiter zu, insbesondere nach queer-feindlichen Übergriffen, etwa nach einem Amoklauf in einem vor allem von Schwulen besuchten Nachtclub in Colorado Ende November 2022.

Als Musk Ende Oktober 2022 die Twitter-Übernahme abschloss und CEO der Firma wurde, registrierte das NCRI das zweithöchste tägliche Vorkommen von 'groomer' auf Twitter. In den Monaten seitdem beobachte man eine Zunahme von Übergriffen gegen Menschen mit queerer Geschlechtsidentität sowie in Korrelation dazu Spitzen bei der Verwendung dieses Begriffs, sagte Alexander Reid Ross vom NCRI der Washington Post. Die bislang häufigste Verwendung an einem Tag, 4000 Mal, habe man an demselben Tag festgestellt, an dem ein Register mit politisch motivierten Gewalttaten die größte Häufung schwulenfeindlicher Übergriffe vermerkt habe (7 gemeldete Übergriffe). Unter Musk wurden Kontrollinstanzen gegen Hassrede bei Twitter aufgelöst und die Regeln zur Eindämmung einschlägiger Begriffe gelockert.

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Die Ergebnisse der Studie stellen keinen Kausalzusammenhang her – zunehmende Hetze auf Twitter ist also nicht die Ursache von Gewalttaten; und solche Taten erzeugen auch nicht eine (vorher noch nicht vorhandene) feindselige Einstellung, die sich etwa im Anschluss daran auf Twitter zeigt. Vielmehr schaffen Plattformen wie Twitter erst ein Betätigungsfeld für Menschen, die ihre (längst vorhandenen) Vorurteile kundtun wollen und sich unter ihresgleichen die Richtigkeit und Berechtigung ihrer Einstellung bestätigen, sich dafür geeignete Tatsachen zurechtlegen oder potenzielle Opfer suchen und sie diffamieren. Kommt diese wechselseitige Verstärkung in Schwung, kann die Wortwahl immer gewalttätiger werden, hat das NCRI beobachtet. Daraufhin wird es wahrscheinlicher, dass jemand sich entschließt, den Worten Taten folgen zu lassen – sich also dazu 'inspirieren' zu lassen, weil er der sprachlichen Auseinandersetzung alle dazu passenden Urteile, Aufforderungen und Rechtfertigungen entnommen hat.

Ähnliche Verbindungen sah das NCRI auch bei antisemitischen Schimpfworten auf Twitter bei der Kontroverse um den Rapper Ye (früher Kanye West). Der Rapper war zunächst wegen antisemitischer Hassrede auf Twitter gesperrt worden. Elon Musk reaktivierte dessen Konto nach der Übernahme, woraufhin Ye sich erneut antisemitisch äußerte und umgehend erneut gesperrt wurde. Die in Tweets beobachtete antisemitischen Äußerungen betrafen nicht nur abwertende Begriffe oder Beschimpfungen, sondern auch antisemitische Vorurteile, etwa (sprachlich unauffällige) Andeutungen der Art, dass Juden häufiger bevorzugte Positionen einnähmen oder eine Weltherrschaft anstrebten.

Das NCRI beobachte solche Zusammenhänge auch bei Protesten und Aufständen weltweit, sagte NCRI-Chef Joel Finkelstein der Washington Post. So gehe etwa die Häufung von Begriffen wie 'Apartheid' oder 'Kolonialismus' tatsächlichen Unruhen voraus. Auch kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Staaten würden auf Twitter mitunter nicht nur privat kommentiert, sondern zu regelrechten Wortgefechten ausgeweitet und der Konflikt zu einem 'Krieg der Zivilisationen' übersteigert. (tiw)