HealthTech: Patient21 sammelt Daten und Millionen ein – zum Ärger Lauterbachs

Das Start-up Patient21, das Praxen aufkauft und digitalisiert, will mit 100 Millionen frischem Wagniskapital im Ausland wachsen. Hierzulande ist es umstritten.​

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Arzt vor dem Laptop guckt nachdenklich in die Ferne. Um seinen Hals hat er ein Stethoskop.

(Bild: Krakenimages.com/Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl

Das Berliner Unternehmen Patient21, das stationäre Arztpraxen aufkauft und über eine digitale Gesundheitsplattform virtuell zusammenführt, hat sich eine neue Finanzierungsrunde in Höhe von 100 Millionen Euro gesichert. Das vier Jahre alte Start-up hatte zuvor bereits rund 66 Millionen Euro an Wagniskapital eingesammelt. Es kündigte nun an, mit der neuen Finanzspritze seine Software ausbauen und über Deutschland hinaus expandieren zu wollen. "Wir gehen davon aus, dass wir innerhalb der nächsten 12 Monate zwei neue europäische Märkte erschließen werden", erklärte Mitgründer und Geschäftsführer Chris Muhr gegenüber dem Online-Magazin TechCrunch.

Der Fokus aufs Ausland kommt nicht von ungefähr: Hierzulande ist das Geschäftsmodell von Patient21 und Wettbewerbern wie Avi Medical und Doktor.de heftig umstritten. Die HealthTechs, die das Gesundheitswesen aufmischen wollen, kaufen Arztpraxen auf, führen digitale Prozesse mit einer eigenen Patientenverwaltungssoftware ein und die über die Behandelten gesammelten Informationen darin zusammen. Das System von Patient21 deckt nahezu den gesamten Patientenzyklus ab – von Online-Buchungen über digitale Fallgeschichten und Abrechnungen bis hin zu Versicherungen und Terminvereinbarungen.

Gegenüber Techcrunch betont Murh, dass die Einrichtungen dank der effizienten Technik und Apps für Patienten, Ärzte und das Management recht schnell "operativ profitabel" würden. Mittlerweile betreibt Patient21 hierzulande 53 Praxen vor allem für zahnärztliche Untersuchungen, für die sich Telemedizin nicht gut eignet. In anderen Bereichen soll die Tele-Komponente künftig aber eine größere Rolle spielen. Langfristig plant die Firma, Praxen in Form eines Franchise-Modells zu betreiben und Lizenznehmern ein breites Software- und Dienstleistungsangebot zu unterbreiten.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach steht mit dem Ansatz aber auf Kriegsfuß – nicht zuletzt wegen undurchsichtiger Kapitalflüsse im Hintergrund. Der SPD-Politiker will einen Gesetzentwurf auf den Weg bringen, der es privaten Investoren untersagt, Praxen aufzukaufen und zu sogenannten Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) zu verknüpfen. In einem Interview im Dezember betonte Lauterbach, er wolle so "Heuschrecken" mit "absoluter Profitgier" aus dem Gesundheitswesen heraushalten. Es gelte zu verhindern, dass die neuen Betreiber sich auf lukrative Behandlungsmethoden konzentrieren und chronisch Kranke das Nachsehen haben. Muhr kündigte daher bereits an: Komme das Gesetz, werde Patient21 den Bestand in Deutschland halten und zukünftige Investitionen ins Ausland stecken.

Mit dem frischen Geld avanciert Patient21 laut Handelsblatt zum bestfinanzierten HealthTech-Start-up Deutschlands. Bestandsinvestoren wie Target Global, Piton Capital und Pico Venture Partners beteiligten sich an der neuen, von der israelischen Wagniskapital-Firma Pitango geführten Runde genauso wie Bertelsmann Investment als frischer Geldgeber. Bei den Finanzmitteln soll es sich überwiegend um Eigenkapital handeln. Zusätzliches geliehenes Geld stammt vom Schweizer Investor IPF Partners. Das Startup wickelt nach eigenen Angaben derzeit mehr als 300.000 Patientenbesuche pro Jahr ab.

(mki)