Heizlüfter-Boom: Verbände warnen vor Blackouts im Stromnetz im Winter

Elektrische Direktheizgeräte sind keine sinnvolle Alternative, um den Gasverbrauch zu senken, betonen Experten. Die Stromversorgung sei massiv gefährdet.

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(Bild: pan demin/Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl
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Branchenvereinigungen schlagen Alarm angesichts der Tatsache, dass sich immer mehr Verbraucher angesichts einer drohenden Gasmangellage im Winter nach Elektro-Alternativen für warme Wohnungen bei eisigen Temperaturen umschauen. Mobile elektrische Direktheizgeräte seien "keine sinnvolle Alternative, um den Gasverbrauch zu senken", warnen die Experten. Sie befürchten andauernde Blackouts im Stromnetz, wenn Heizlüfter und -Strahler oder Radiatoren in vielen Haushalten parallel angestellt werden.

Einschlägige Geräte seien in der Anschaffung zwar relativ preisgünstig, sodass die Nachfrage bereits sehr stark zugenommen habe, erklären der VDE als einer der größten europäischen Verbände für Elektronik und IT sowie der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) in einer gemeinsamen Mitteilung. Abgesehen davon, dass diese Art zu heizen angesichts allgemein hoher Energiepreise sehr teuer sei, könne ein gleichzeitiger Betrieb vieler solcher Geräte die Stromversorgung massiv beeinträchtigen.

"Bei so einer zusätzlichen, gleichzeitig auftretenden Belastung kann es zu einem Ansprechen des Überlastschutzes und damit zu einem Stromausfall in den betroffenen Netzbereichen kommen", erläutert Hendrik Lens, stellvertretender Leiter der Energietechnischen Gesellschaft (ETG) im VDE. Auch die Wiederherstellung der Stromversorgung dürfte sich dann schwierig gestalten. "Wenn nicht möglichst viele betroffene Kunden ihre Heizgeräte manuell ausschalten, würde ein Zuschaltversuch durch den Netzbetreiber sofort zu einem erneuten Abschalten führen".

Da Heizlüfter & Co. einfach an eine Haushaltssteckdose angeschlossen würden, könnten sie – im Gegensatz zu elektrischen Wärmepumpen oder sogenannten Nachtspeicher-Heizungen – im Falle von drohenden Netzüberlastungen nicht vom Netzbetreiber abgeschaltet werden. Das erklärt Martin Kleimaier, Leiter des Fachbereichs "Erzeugung und Speicherung elektrischer Energie" im ETG. Würden Haushalte nach einem Stromausfall nach und nach wieder ans Stromnetz angeschlossen, flögen die Sicherungen gleich wieder raus, wenn die Heizgeräte weiter angeknipst wären.

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Neben lokalen Netzüberlastungen gibt es laut dem VDE und dem DVGW noch das Problem, "dass die derzeitige Kraftwerkskapazität für diese zusätzlichen Lasten nicht ausreicht". Sie verdeutlichen die Größenordnung anhand einer einfachen Rechnung: Etwa 50 Prozent der rund 40 Millionen Haushalte in Deutschland heizten derzeit mit Gas. Nehme man an, dass an einem sehr kalten Wintertag im Mittel in der Hälfte dieser Heime ein elektrisches Heizgerät mit einer typischen Leistungsaufnahme von 2000 Watt in Betrieb wäre, sei von einem zusätzlichen elektrischen Verbrauch von rund 20 Gigawatt auszugehen.

"Dies entspricht einer Steigerung der aktuellen Jahreshöchstlast in Deutschland um ein Viertel", warnen die Fachleute. Dies könnten weder die Stromnetze noch die vorhandenen Kraftwerke leisten, zumal vergleichsweise schnell aktivierbare Gaskraftwerke in der sich abzeichnenden Krise rund um den fossilen Brennstoff ebenfalls nicht verfügbar wären.

Der Heizlüfter-Boom ist aktuell auf rekordverdächtigem Niveau. Von Januar bis Juni seien in Deutschland rund 600.000 Einheiten verkauft worden, teilte das Marktforschungsinstitut GfK dem "Tagesspiegel" mit. Dies entspreche einem Plus von knapp 35 Prozent verglichen zum Vorjahreszeitraum. Die Nachfrage nach Stromheizgeräten dürfte in den kommenden Monaten weiter steigen, befürchten der VDE und der DVGW. Auch der Verband der Elektro- und Digitalindustrie ZVEI sieht die Entwicklung kritisch.

Derzeit liefere Russland zwar nur einen Bruchteil der vertraglich vereinbarten Gasmengen, versucht die Branche Verbraucher zu beruhigen: "Das bedeutet aber nicht, dass Heizungskunden im Winter frieren müssen." Private Endabnehmer seien gesetzlich geschützt. Zudem werde in das deutsche Netz auch Erdgas aus Norwegen, den Niederlanden und Belgien eingespeist. Um Bedarfslücken zu schließen, werde es "weiterhin zu einer erhöhten Einspeisung aus den LNG-Terminals unserer europäischen Nachbarn kommen, über die Flüssiggas vom weltweiten Markt bezogen wird". Das neue LNG-Terminal in Wilhelmshaven werde zudem bereits im kommenden Winter betriebsbereit sein.

Auch in einer Mangellage verbleibe Gas in den Verteilnetzen, mit dem die Wärmekunden versorgt werden, führt der DVGW weiter aus. Allein aus technischen Gründen könne ein lokales Gasnetz wie ein Straßenzug oder ein Quartier nicht einfach abgeschaltet werden. Sicherheitseinrichtungen in den Gebäuden würden beim Unterschreiten eines Mindestdrucks oder beim Leerlaufen der Gasnetze Alarm und eine Blockade auslösen. Jedes einzelne Sicherheitsventil müsste dann durch Fachpersonal wieder entriegelt werden. Es empfehle sich aber, Wartungen und Effizienzmaßnahmen an Gasheizungen jetzt durchzuführen. Eine Absenkung der Raumtemperatur um ein Grad spare sechs Prozent Energie.

Kleimaier plädierte gegenüber dem "Tagesspiegel" zudem dafür, die drei noch am Netz hängenden Atommeiler länger laufen zu lassen: "Die Nachbarländer hätten wenig Verständnis, uns in Notlagen Strom zu liefern, wenn wir unsere Kernkraftwerke mehr oder weniger mutwillig ausschalten." Eine potenzielle Rolle rückwärts beim Atomausstieg ist heftig umstritten.

(tiw)