Hitzewellen: Forscher warnen vor Gesundheitsrisiken und fordern Warn-App

Laut einer Studie war Hitze allein 2019 global an 356.000 Todesfällen schuld. Gefragt seien grünere Städte, Schutzpläne und eine kostenlose Hitzewarn-App.

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(Bild: Georgii Shipin/Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl
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Zwei Forscherteams haben die gesundheitlichen Risiken durch Hitzewellen sowie Kühlungsstrategien wie die Begrünung von Städten beschrieben und am Freitag im Fachmagazin Lancet veröffentlicht. Teil davon ist eine modellhafte Berechnung der globalen Krankheitslast für 2019. Demnach waren allein in diesem Jahr weltweit mehr als 356.000 Todesfälle auf Hitze zurückzuführen.

Wie schwer Hitzewellen die Bevölkerung treffen können, wurde hierzulande vor allem im bislang heißesten Sommer 2003 sichtbar. Damals lag die Übersterblichkeit aufgrund der hohen Temperaturen in Deutschland bei rund 9400 Toten.

In der Studienserie arbeiten die Wissenschaftler zunächst die physiologischen Folgen von hohen Temperaturen anhand einer Literaturrecherche heraus. Demnach wird vor allem das Herz-Kreislauf-System in Mitleidenschaft gezogen. Das Herz muss bei Hitze stärker und schneller schlagen, um die Umverteilung des Blutflusses zur Haut zu gewährleisten. Die erhöhte Schweißproduktion kann außerdem zu Dehydration führen. Insbesondere Kleinkinder und über 65-Jährige sowie Vorerkrankte haben den Autoren zufolge ein erhöhtes Gesundheitsrisiko.

Zu den ebenfalls dargelegten konkreten Hitzeschutz-Maßnahmen zählen vor allem Dampfkompressions-Klimaanlagen sowie eine sogenannte blau-grüne Infrastruktur, also die Bewässerung und Begrünung urbaner Flächen. Als zentralen Punkt empfehlen die Experten auch, evidenzbasierte Hitzeschutzplänen zu erstellen beziehungsweise zu optimieren. Diese sollen als konkrete Handlungsrichtlinien bei Hitzewellen und als Grundlage für die Kommunikation mit der Bevölkerung dienen. Der Weltklimarat IPCC hatte zuvor eine direkte Linie zwischen dem menschengemachten Klimawandel und der Häufigkeit von Extremwetterereignissen gezogen.

Deutsche Forscher mahnen, den erneuten Weckruf ernst zu nehmen. Der überwiegende Teil der Verantwortlichen in der hiesigen Politik, Wirtschaft und im Gesundheitssektor verstehe die vorgestellten Gefahren "in ihrer Dramatik" noch nicht, moniert der Vorsitzende der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit, Martin Herrmann. Bis vor zwei Jahren hätten die Entscheider hier teils "vollständig geschlafen". Das ändere sich zwar mittlerweile. Aber es bestehe weiterhin "ein riesiger Nachholbedarf" auf der Wissens- und vor allem der Handlungsebene. Was in beiden Artikeln nicht berücksichtigt werde, seien drohende Brände und massive Ernteverluste insbesondere im globalen Süden, die zu Hunger und Mangelernährung führten.

Bei "strukturierten Hitzeaktionspläne" gebe es gerade bei der Koordination zwischen Bund, Ländern und Kommunen sowie bei "der Motivation und Einbeziehung der vertragsbasierten Gesundheitsversorgung" noch viel zu tun, bestätigt Dea Niebuhr, Professorin für Gesundheitssystemdesign an der Hochschule Fulda. In Deutschland existiere bislang keine systematische Risikokommunikation zum Anpassen des Verhaltens an Hitze, "die gefährdete Gruppen gezielt und bedürfnisorientiert informiert".

Dass die Gesundheitswetter-App des Deutschen Wetterdiensts (DWD) – wenn auch nur geringfügig – kostenpflichtig sei, ist für Niebuhr kein gutes Signal. So könnten "derzeit die gefährdeten Bevölkerungsgruppen womöglich nicht erreicht" werden. Die Mobilanwendung enthalte amtliche Hitzewarnungen, wenn mindestens an zwei Tagen in Folge eine hohe Wärmebelastung erwartet wird. Eine gratis angebotene Hitzewarn-App könnte dagegen "ein zusätzliches Element" in einer Kaskade von Instrumenten zur Risikokommunikation sein.

Auch Andreas Matzarakis vom DWD hält Hitzewarnungen über verschiedene Kanäle wie E-Mail-Newsletter oder Apps dagegen für einen "zukünftigen Schlüsselfaktor", um die Auswirkungen heißer Temperaturen zu vermeiden beziehungsweise zu reduzieren. In Deutschland existiere seit 2015 ein Warnsystem, das alle wichtigen Faktoren wie Hitzebelastung tagsüber im Freien, nächtliche Bedingungen in Innenräumen, Anpassung der Menschen im Laufe des Jahres, besondere Belastungen in Städten und spezielle Reaktionen älterer Menschen berücksichtige.

Mehrere Gemeinden sind laut Matzarakis auch "gerade dabei, Hitzeaktionspläne zu erstellen". Langfristig sei die Diskussion um viel mehr Grün und Blau in Städten ein wichtiger Faktor. Dabei sollten auch "die negativen Aspekte von Kühlung mit Blick auf die Umwelt diskutiert werden, wie zum Beispiel Klimaanlagen für private Zwecke". Ein Ausfall von Arbeitspersonal beziehungsweise zusätzliche Belastungen von Gesundheits- und Pflegeberufen können zum teilweisen Kollaps des Gesundheitssystems führen. Auch der wirtschaftliche Schaden durch Missmanagement im Zuge des Klimawandels und die Erfahrungen mit der Zunahme der hitzebedingten Morbidität und Mortalität seien klar belegt.

In China hätten sich die wirtschaftlichen Schäden durch die Hitzewelle im Januar 2008 auf rund 21 Milliarden US-Dollar belaufen, erläutert Hanns-Christian Gunga, Vizedirektor des Zentrums für Weltraummedizin und Extreme Umwelten an der Charité. Er rät, sich nicht zu sehr auf Klimaanlagen zu versteifen. Die kühlten zwar die Innenräume, "aber für sich genommen sind sie nicht nachhaltig und sorgen insbesondere in Großstädten für eine zusätzliche Hitzebelastung. Haus- und Dachbegrünungen etwa könnten einen besseren Beitrag leisten".

Schon bei Umgebungstemperaturen von etwa 27 Grad Celsius und geringer Luftfeuchte beginne der menschliche Körper mit Gegenmaßnahmen, um die Körperkerntemperatur von rund 37 Grad aufrechtzuerhalten, weiß Gunga. Die Forscher veranschaulichten nun, wie schmal dieser Temperaturbereich sei und wie Hitzestress in Kombination mit Erkrankungen zu schwerwiegenden bis hin zu lebensbedrohlichen Situationen führen könne. Zurecht verwiesen die Verfasser darauf, dass Kleinkinder, Sport treibende Jugendliche und allein lebende, ältere, multimorbide Personen mit unterschiedlicher Prämedikation zu den besonders gefährdeten Personen gehörten.

(mho)