Hochwasser-Katastrophe: EU-System EFAS warnte frühzeitig

Nach vier Wochen sind die EFAS-Warnkarten öffentlich. Auch am Sturzfluttag selbst gab es ein Fenster von sieben Stunden, das nicht voll genutzt wurde.

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Zwei Tage vor der Katastrophe zeigte EFAS bereits höchste Alarmstufe an der Ahr.

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  • Stefan Krempl

Einblicke in das Europäische Flutwarnsystem EFAS (European Flood Awareness System) bestätigen die Vorwürfe der Forscherin Hannah Cloke, es habe Tage vor der Flutkatastrophe im Juli bereits deutliche Hinweise auf extreme Hochwasser in den betroffenen Regionen gegeben. Clarkes Forschungsteam von der Universität Reading hatte kurz nach der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen gefordert, solche Warnungen vor Starkregenereignissen ernster zu nehmen. Einen Tag vor der Flut an den Flüssen Ahr und Kyll habe es starke Hinweise gegeben, sodass die Behörden hätten reagieren können.

Die unter anderem satellitenbasierten Frühwarnkarten der EFAS sind grundsätzlich zunächst einen Monat lang nicht öffentlich verfügbar. Nach Ablauf dieser Frist hat Jörg Dietrich, Leiter der Arbeitsgemeinschaft am Institut für Hydrologie und Wasserwirtschaft an der Leibniz-Universität Hannover, nun auf Bitten des Science Media Center einen Blick in die Karten geworfen.

Dietrich zufolge funktioniert EFAS vor allem als Frühwarnsystem, das teils schon bis zu zehn Tage vorab gute Hinweise gibt, um konkrete "Abflüsse" bei Starkregen zu berechnen. Am 10. Juli, vier Tage vor der Katastrophe in den besonders betroffenen beiden Bundesländern, sei der Bereich um große Flüsse wie den Rhein bereits orange gefärbt und mit einer Hochwasserwahrscheinlichkeit von über 50 Prozent versehen gewesen.

Parallel gibt es in EFAS die Option, sich "Flash Floods" anzeigen zu lassen. Dafür werden die Niederschlagsvorhersagen und die Bodenfeuchte in einem Gebiet zusammengenommen. Hier fand sich in dem System am 10. Juli um 10 Uhr bereits die zweithöchste Warnstufe für die Region rund um die Städte Sinzig und Bad Neuenahr-Ahrweiler. Bis zum Mittag des 12. Juli kletterte diese auf die höchste Warnstufe (Violett), die nach dem Hochwasser 2002 in Sachsen bundesweit eingeführt wurde. Das sei zwar "nicht wirklich ortsgenau", weiß Dietrich. Trotzdem handle es sich um "Aufweckmomente", zumal die ganze Region am 13. in lila getaucht gewesen sei.

Ferner bietet EFAS spezielle Berichtspunkte mit einer meteorologischen Simulation. Darin sei die Vorhersage des Scheitels des Hochwassers kurz nach Mitternacht am 15. Juli "ziemlich präzise" gewesen, berichtet der Dozent. Dafür flössen 20 verschiedene Vorhersagen ein. Ein Viertel davon habe "nichts Relevantes" angezeigt, 31 Prozent seien aber im violetten Bereich gewesen. Damit habe zwar "nicht unbedingt das Potenzial" bestanden, Evakuierungsmaßnahmen zu planen. Es würden in einem solchen Fall aber auch konkrete Warnungen an die Behörden versendet, die "sehr ernst" genommen werden sollten.

Für Deutschland ist der Deutschen Wetterdienst (DWD) ein Projektpartner von EFAS. Die Warnungen aus dem System gingen an ihn, erklärte Annegret Thieken, Leiterin der Arbeitsgruppe Geografie und Naturrisikenforschung an der Uni Potsdam. Dieser leite sie "als hydrologische Begleitinformation" an die Länder weiter, die aber alle eigene Modelle hätten. Letztere seien genauer, "was die Zeitreihen angeht". Im EFAS würden Abflüsse "eher als Tagesmittelwerte betrachtet".

Hierzulande ist laut Thieken jeweils nur eine einzelne Behörde befugt, im nächsten Schritt konkrete Warnungen an die Bevölkerung herauszugeben. Für Unwetter sei dies der DWD, für Hochwasser die zuständigen Länderinstitutionen. "Damit möchte man vermeiden, dass die Bevölkerung oder auch die Medien verwirrt werden durch unterschiedliche Aussagen", betont die Forscherin. Eine Evakuierung sei dann Aufgabe der Katastrophenschutzbehörden, die diese an die Bürgermeister, Landkreise und Feuerwehren weitergäben. Um EFAS-Warnungen einzuordnen, brauche es aber "sehr viel Fachwissen", das in den Kommunen oft nicht vorhanden sei.

Starkregenwarnung vom 13. Juli 2021.

(Bild: Screenshot)

Für Thieken steht in diesem Fall fest: "Die Verknüpfung der Gefährdungslage mit Handlungsanweisungen ist leider zu kurz gekommen." Dazu gekommen sei, dass das Ereignis selbst die in den Karten abgebildeten Warnungen noch bei Weitem übertroffen habe. Trotzdem hätten die Leute vor Ort spätestens am Mittag des 14. Juli informiert werden müssen: "Es kann sein, dass wir evakuieren müssen." Im Fernsehen hätte zu diesem Zeitpunkt etwa gezeigt werden sollen, was in einen Notfallkoffer gehört.

Anderthalb Stunden reichten meist aus, "um die meisten Todesfälle zu vermeiden", unterstrich Thieken anhand von Studien. Dass die Katastrophe trotzdem ihren Lauf genommen hat, "war eine schallende Ohrfeige für das Risikomanagement". Deutschland sei in den vergangenen 20 Jahren zwar auf einem gutem Weg gewesen, man habe das Extremereignis dann aber "doch wieder unterschätzt". Die Expertin fordert, die Datengrundlage auszuweiten und die Risikokommunikation – etwa über das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe und dessen Plattformen und Apps – zu verbessern.

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Es habe ein Fenster von 24 bis 36 Stunden vor und während des Regens gegeben für Maßnahmen, bestätigt Bernhard Mühr, Geschäftsführer der Wetterberatung EWB. Fünf Tage im Voraus sei das Potenzial für extreme Niederschlagsmengen mit rund 200 Liter Niederschlag pro Quadratmeter erkennbar gewesen. Angesichts solcher Vorzeichen könne man zwar nicht sofort "die ganze Maschinerie anlaufen lassen". Spätestens kurz vor knapp hätten die Warnungen aber "mit mehr Dringlichkeit versehen werden müssen". Er selbst habe "solche großen Niederschlagsmengen über einem großen Gebiet noch nicht gesehen".

Trotzdem hätten auch viele Experten die Konsequenzen nicht auf dem Schirm gehabt: "Die kamen für alle überraschend." Künftig müssten bei einem solchen sich abzeichnenden Ereignis "alle Kanäle verwendet werden", um Menschen zu warnen und ihnen Handlungsanweisungen zu geben. Nicht hilfreich dabei sei die Flut an Warnungen in Wetter-Apps "vor jedem einzelnen Sommergewitter", da diese den Katastrophenschutz "verwässert". Weniger sei hier mehr, aber die richtigen Hinweise "müssen zwangsübermittelt werden an die Leute".

(vbr)