Höhere Bildqualität: Netflix führt AV1-Streams für Smart-TVs und PS4 Pro ein

Verglichen mit bisherigen Codecs sehen Filme und Serien, die per AV1 gestreamt werden, bei gleicher Bitrate besser aus. Netflix weitet die Umstellung aus.

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(Bild: c't)

Von
  • Mark Mantel

Netflix baut den technischen Unterbau seines Streaming-Dienstes um. Die Firma setzt verstärkt auf den modernen Codec AV1 zum Komprimieren der Streams, um eine Vielzahl verschiedener Alternativen wie H.264 oder H.265 (High Efficiency Video Coding, HEVC) zu ersetzen. Das hat zwei Vorteile: AV1 komprimiert effizienter, sieht also bei gleicher Bildrate besser aus oder benötigt bei gleicher Bildqualität weniger Bandbreite, zudem fallen wegen des offenen Charakters von AV1 keine Lizenzgebühren an.

Wer die Netflix-App eines aktuellen Smart-TVs nutzt oder über Sonys Spielekonsole Playstation 4 Pro laufen lässt, könnte bereits Filme und Serien per AV1-Streams geschaut haben. In einem Blog-Beitrag erklärt Netflix die anlaufende Umstellung bei Fernsehern, nachdem die Firma knapp zwei Jahre mit AV1-Streams bei Smartphones experimentiert hatte.

Anders als bei Smartphone-Apps kommt zumindest bei Smart-TVs jedoch kein Software-Dekodierer zum Einsatz, der über die CPU-Kerne läuft. Stattdessen streamt Netflix nur per AV1, wenn der Prozessor im Fernseher einen Hardware-Dekodierer für effizientes AV1-Streaming bereitstellt. Ist das nicht der Fall, verwendet die App weiterhin HEVC oder andere Codecs. Bei der PS4 Pro dekodieren offenbar die Shader-Kerne den AV1-Stream.

Netflix strahlt alle AV1-Streams in der höchstmöglichen Auflösung und Bildrate aus sowie immer mit einer Tiefe von 10 Bit pro Farbkanal. Der sogenannte Dynamic Optimizer kommt weiterhin auf der Enkodierungsebene zum Einsatz. Dabei prüft eine KI die Komplexität jedes einzelnen Bildes innerhalb eines Films beziehungsweise einer Serie und passt die Bitrate, also die übermittelten Bildinformationen pro Bild, dynamisch an. Visuell komplexe Bilder bekommen mehr Bits zugeteilt als Bilder mit großen einheitlichen Flächen. Lediglich Filme und Serien mit hohem dynamischem Umfang (HDR) strahlt Netflix noch nicht mit AV1 aus.

Um sich der Vorteile von AV1 nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Praxis sicher zu sein, hat Netflix einen A/B-Test durchgeführt. Die Testgruppe mit AV1-Streams empfand die Filme und Serien subjektiv schöner, insbesondere bei einer schlechten Netzwerkverbindung mit reduzierter Bitrate. Generell strahlte Netflix mehr Streams in der höchsten Qualitätsstufe aus, zudem wurde seltener die Auflösungsstufe reduziert, um Ladezeiten zu vermeiden.

Um herauszufinden, inwieweit Smart-TVs mit dem AV1-Codec umgehen können, starten die Fernseher-Apps im Hintergrund einen AV1-Test-Stream, der verschiedene (extreme) Komprimierungsprofile ausprobiert. Übermittelt der Dekodierer Fehler, will Netflix etwaige Probleme mit den TV-Herstellern angehen. Zudem wird in Rechenzentren kontinuierlich die Performance überwacht, um Fehler auf der Serverseite auszuschließen.

Welche Fernseher genau AV1-Streams erhalten, gibt Netflix derzeit nicht preis. Im Blog verlinkt die Firma eine Meldung zum AV1-Support von Samsungs QLED-Smart-TVs mit 8K-Auflösung und schreibt, dass stetig weitere Geräte AV1-Streams erhalten sollen. Immer mehr Systems-on-Chip (SoCs) für Smart-TVs enthalten inzwischen einen AV1-Dekodierer, darunter MediaTeks MT9602 und Realteks RTD2851M. Laut einem Bericht von XDA Developers schreibt Google allen Herstellern seit dem Frühling 2021 vor, dass neue Smart-TVs für eine Zertifizierung ab Android (TV) 10 den AV1-Codec unterstützen müssen.

Bei Desktop-PCs und Notebooks können Grafikchips aus AMDs Baureihe Radeon RX 6000 und Nvidias GeForce RTX 3000 sowie Intels integrierte Xe-GPUs ab den Prozessorserien Core i-11000 (Rocket Lake-S, Alder Lake-S, Tiger Lake-U, Tiger Lake-H) mit AV1 dekodieren. Windows-App- und Browser-Versionen erhalten Codec-Updates von Streaming-Anbietern jedoch erfahrungsgemäß spät.

(mma)