Holocaust-Leugnen auf Facebook nicht mehr willkommen

Der Holocaust darf nun auch auf Facebook nicht mehr geleugnet werden. Bis 12. Oktober 2020 hat der Konzern solchen Schund ausdrücklich geduldet.

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"Those who do not remember the past are destined to repeat it." Dieses Zitat George Santayanas steht auf dem Fundament des Holocaust-Denkmals in Baltimore, Maryland, zu lesen.

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

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  • Daniel AJ Sokolov

Mehr als 16 Jahre lang hat Facebook Holocaust-Leugnern eine Plattform geboten – ganz bewusst. Noch 2018 hat Facebook-Chef Zuckerberg Holocaust-Lügen mit anderen "Fehlern" gleichgestellt. Es hat bis Montag gedauert, dass Zuckerberg und sein Datenkonzern ihre Einstellung ändern: Den Holocaust zu leugnen oder zu verzerren ist auf Facebook nicht länger willkommen.

Schwerpunkt: Monopole, Datenmissbrauch, Hass - Wie reparieren wir das Internet?

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Wer fragt, wie das Internet zu reparieren ist, kann eben nicht nur über Monopole, Datenmissbrauch und Cyberkriminalität diskutieren, er kann nicht nur technologisch und juristisch argumentieren, sondern muss eingestehen, dass viele Probleme im Web menschlicher Natur sind. Im Schwerpunkt haben wir aufgeschrieben, wie wir mit dieser Gemengelage am besten umgehen.

"Ich bin jüdisch, und es gibt eine Gruppe von Leuten, die den Holocaust leugnen", hatte Zuckerberg 2018 in einem Interview mit Recode gesagt, "Ich finde das sehr abstoßend. Aber am Ende glaube ich nicht, dass unsere Plattform das herunternehmen sollte, weil ich denke, dass es Dinge gibt, bei denen verschiedene Menschen falsch liegen. Ich denke nicht, dass sie absichtlich falsch liegen." Ohne die Absichten solcher Poster verteidigen zu wollen, wie er kurz darauf hinzufügte.

Facebook solle solche Inhalte nicht mehr über den Newsfeed weiterverbreiten, aber eben auch nicht löschen, sagte Zuckerberg damals. Umgesetzt wurde das, wenn überhaupt, unzureichend. Erst im August hat das Institute for Strategic Dialogue festgestellt, dass Facebook als einschlägig interessiert eingestuften Usern aktiv mehr Holocaust-Leugnungen anbietet.

Nun hat der Facebook-Chef seine Meinung geändert. "Mein eigener Zugang hat sich weiterentwickelt, als ich die Daten gesehen habe, die eine Zunahme antisemitischer Gewalt zeigen", schreibt Zuckerberg auf seiner eigenen Facebook-Seite, "Die richtigen Grenzen zwischen akzeptabler und inakzeptabler Rede zu ziehen, ist nicht einfach, aber angesichts der aktuellen Weltlage glaube ich, dass es die richtige Balance ist."

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Erst kürzlich hat sich Facebook antisemitische Stereotypen verbeten, die Juden eine kollektive Macht andichten und sie als Weltherrscher darstellen. Außerdem möchte Facebook in den nächsten Monaten damit beginnen, bei Suchanfragen zum Holocaust, auch bekannt als Schoah, oder dessen Leugnung auf verlässliche Informationen zu verweisen.

Löschungen werden allerdings nicht sofort erfolgen. Facebook muss erst seine internen Richtlinien aktualisieren, die mit der Zensur befassten Mitarbeiter umschulen und die einschlägigen Algorithmen neu trainieren. Ob das Verbot auch für die Leugnung des Porajmos, dem Völkermord an Roma in der Zeit des Nationalsozialismus, sowie andere nationalsozialistische Menschenvernichtung gilt, geht aus Facebooks Mitteilung nicht hervor. heise online hat um Klarstellung gebeten.

Die langjährige Duldung von Hass auf Juden hat ihre Spuren hinterlassen. Unter jungen Amerikanern herrscht erschreckende Ahnungslosigkeit über den Holocaust. Eine im September veröffentlichte Umfrage unter Unter-40-Jährigen US-Amerikanern hat gezeigt, dass ein Zehntel noch nie den Begriff Holocaust gehört hat. Ein Neuntel glaubt sogar, dass Juden den Holocaust verübt haben; in New York war es sogar jeder fünfte Befragte

Die Hälfte konnte kein einziges Ghetto, Konzentrationslager oder Vernichtungslager benennen. Fast zwei Drittel der Befragten wussten nicht, dass im Holocaust sechs Millionen Juden ermordet wurden. Mehr als ein Drittel aller Befragen meinte, es seien "zwei Millionen oder weniger" gewesen.

Gut möglich, dass dieses Un- und Falschwissen weniger verbreitet wäre, hätte Facebook früher Grenzen gesetzt. Es war in jedem Fall höchste Zeit.

(ds)