Homeoffice: "Die Gefahr einer Benachteiligung besteht"

Aus den Augen, aus dem Sinn: Werden Mitarbeitende bei Gehaltserhöhungen und Beförderungen übersehen, die häufig im Homeoffice sind? Die Vermutung liegt nahe.

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Homeoffice
Von
  • Peter Ilg

In der Schweiz kommt Homeoffice deutlich häufiger vor als in Deutschland. Dies war schon vor Corona so und liegt unter anderem an der Wirtschaftsstruktur der Unternehmen in unserem südlichen Nachbarland. Die Schweiz ist ein Staat der Dienstleistung und daher ist Homeoffice überwiegend möglich. In der Industrienation Deutschland ist Homeoffice nur begrenzt machbar, weil alle Jobs an den Fließbändern und Fabrikhallen davon ausgeschlossen sind.

Dr. Johann Weichbrodt

Dr. Johann Weichbrodt ist Senior Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule für Angewandte Psychologie der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten, einer Stadt auf halber Strecke zwischen Basel und Zürich gelegen. Weichbrodt forscht seit etwa zehn Jahren am Thema Homeoffice. „Es besteht durchaus die Gefahr, dass Mitarbeiter, die häufiger als andere im Homeoffice sind, bei der Vergabe von interessanten Projekten, Beförderungen und Gehaltserhöhungen übergangen werden.“ Dies kommt vor allem dann vor, wenn der Arbeitgeber Homeoffice ablehnend gegenübersteht.

Hybriden Arbeitsmodellen gehört die Zukunft. Einige Tage pro Woche im Büro, einige Tage von daheim: spielt es eine Rolle für den Job, ob man mehr Tage im Büro oder mehr Tage im Homeoffice ist?

Das hängt von vielen Faktoren ab, vor allem von der Aufgabe, die Beschäftigte haben. Wenn ein Job überwiegend aus Organisation, Kommunikation und Abstimmung besteht, dann lässt sich die Arbeit effizienter im Büro erledigen, wo die anderen Angestellten auch sind und man sich somit leichter ungeplant besprechen kann. Wenn die Tätigkeit aber überwiegend aus konzentrierter Einzelarbeit besteht, kann sie im Homeoffice viel effizienter erledigt werden, weil man dort eher ungestört arbeiten kann. Doch eine solche Form der Leistungserbringung muss jemandem auch persönlich liegen.

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Der andere wesentliche Punkt, der hybrides Arbeiten beeinflusst, ist das Umfeld: wenn nur Einzelne aus der Firma im Homeoffice arbeiten und die Geschäftsleitung diese Form der Arbeit kritisch sieht, dann müssen sich Viele an die Bedürfnisse Weniger anpassen. In einer Homeoffice-freundlichen Kultur spielt das keine Rolle.

Wer präsent ist, wird gesehen. Sind diese Angestellten im Vorteil bei der Vergabe von interessanten Projekten, Beförderungen und Gehaltserhöhungen gegenüber den Beschäftigten, die weniger oft ins Büro kommen?

Es gibt in der Tat Studien, die karriereförderliche Hindernisse bei Homeoffice gefunden haben. Diese Studien sind aber alle 10 bis 20 Jahre alt und daher vor der Pandemie erstellt worden. Corona hat Homeoffice bekanntlich ganz stark gepusht und die Akzeptanz deutlich erhöht. Ich gehe davon aus, dass es solche negativen Effekte vor allem dann gibt, wenn in einer Organisation eine Präsenzkultur herrscht, nur wenige im Homeoffice arbeiten und somit die Ausnahme sind. Außenseiter geraten in einer solchen Kultur leicht aus dem Blickfeld. In einer Homeoffice-freundlichen Kultur besteht diese Gefahr nicht. In diesem Fall lassen sich negative Effekte ausschließen, weil Homeoffice Teil der Arbeitsnormalität ist.

Wenn Angestellte im Homeoffice arbeiten wollen, sie aber das Gefühl haben, dadurch Nachteile zu bekommen, sollten sie es dann eher bleiben lassen?

Das müssen sie nicht, denn es gibt verschiedene Möglichkeiten, um dieses Problem zu lösen. Man kann Vorgesetzte offen ansprechen und sagen, weshalb man im Homeoffice arbeiten möchte und Lösungen vorschlagen, um Nachteile, die dadurch eventuell bei Kollegen entstehen, auszugleichen. Man kann die Bürotage auch strategisch wählen, um von den Personen gesehen zu werden, die einem selbst und in der Organisation wichtig sind. So kann man ausschließen, vergessen und übersehen zu werden.

An diesen Tagen kann man proaktiv seine eigene Leistung zeigen und gezielt Gespräche suchen. Wichtige Präsentationen müssen auch nicht unbedingt an den Homeofficetagen gemacht werden, sondern wenn man im Büro ist. Man kann auch Gleichgesinnte suchen, die ebenfalls im Homeoffice arbeiten wollen und gemeinsam mit ihnen Regeln für diese Form der Arbeit finden, um sie den Führungskräften vorzuschlagen. Gemeinsam kommt man eventuell eher ans Ziel.

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Wer im Homeoffice arbeitet, sollte seine Präsenz im Büro also sorgfältig planen?

Ganz genau. Das gilt für alle, die im Homeoffice arbeiten. Also egal, ob die Organisation dem räumlich flexiblen Arbeiten negativ oder positiv gegenübersteht. In beiden Fällen sollte die Beschäftigten schauen, dass Tätigkeit und Arbeitsort zueinander passen.

Gibt es bestimmte Berufsgruppen, die mehr oder weniger durch Homeoffice im Vor- oder Nachteil sind?

Nein, denn die Vor- und Nachteile flexiblen Arbeitens werden größtenteils durch die Aufgabe bestimmt, nicht durch die Berufsgruppe, der jemand angehört.

Immer wieder ist davon zu hören, dass IT-Fachkräfte im Vergleich zu anderen Angestellten einen überdurchschnittlich hohen Anteil beim Homeoffice haben. Können Sie dies aus ihrer Forschungstätigkeit bestätigen?

Ja, IT-Fachkräfte sind eine Gruppe, die zu Recht als Vorreiter beim Homeoffice gilt. Eine andere sind Vertriebsmitarbeiter. Sie mussten eine Lösung dafür finden, unterwegs zu sein und dennoch produktiv. Flexibles Arbeiten macht das möglich.

IT-Fachkräfte kennen sich schon beruflich bedingt mit den Technologien aus, die der virtuellen Zusammenarbeit dienen. Sind sie gegenüber anderen Beschäftigten dadurch im Vorteil?

Vielleicht ein wenig. Denn es geht im Homeoffice auch schon darum, Videokonferenz-Tools oder geteilte Dateiablagesysteme zu beherrschen und produktiv zu nutzen. Aber in der eigentlichen Zusammenarbeit geht es ja viel mehr um Psychologie und Kommunikation. Wer ein Tool perfekt beherrscht, aber in Meetings anderen permanent ins Wort fällt und damit dominant und arrogant wirkt, dem nützt das technische Know-how nichts, sondern es überwiegt der Mangel an kommunikativer Kompetenz. Sich dieses anzueignen fällt den meisten viel schwerer als den Umgang mit Kollaboration-Tools zu erlernen.

(axk)