IBM schnappt sich das Storage-Team: Filetiert Big Blue jetzt Red Hat?

Bald gibt es bei IBM nur noch einen Storage-Bereich: den eigenen. Für das übernommene Red Hat sehen viele in der Open-Source-Gemeinde dunkle Zeiten anbrechen.

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Von
  • Martin Gerhard Loschwitz

Über drei Jahre ist es mittlerweile her, dass IBM in einem spektakulären Deal Red Hat für 34 Milliarden US-Dollar übernommen hat. Bisher waren die Auswirkungen dieser Akquisition zumindest nach außen hin aber eher übersichtlich. Das wird sich absehbar ändern: IBM hat nämlich angekündigt, die bestehenden Teams für die Entwicklung von Ceph sowie der OpenShift Data Foundation (ODF) aus Red Hat herauszulösen und unmittelbar in die eigene Business-Unit für Speicher zu integrieren. Ceph ist eine Technik für Software-Defined Storage (SDS) in Form eines Objektspeichers und ODF ein darauf aufbauender, für Kubernetes optimierter Zugriffs-Layer.

Big Blue begründet den Schritt damit, dass sich die eigene Business-Unit Storage und Red Hats Produkte bis dato de facto in einem Konkurrenzverhältnis innerhalb des Konzerns befänden. So müsse der IBM-Vertrieb nach dem Vorstellen der eigenen Speicherangebote etwa regelmäßig zusätzliche Termine mit potenziellen Kunden ausmachen, um auch das Open-Source-basierte Storage-Portfolio von Red Hat vorzustellen – und das, obwohl der Mutterkonzern in beiden Fällen derselbe ist.

Obendrein erschwere die bisherige Organisationsstruktur es, Produkte von Red Hat in Speicher-Appliances von IBM zu integrieren. Genau das ist laut IBM jedoch der Plan: Künftig soll es etwa Storage-Appliances unmittelbar von IBM geben, die auf Ceph fußen und das bestehende Storage-Portfolio erweitern. Auf diesem Weg will IBM obendrein die bisher strikte Kopplung von Hardware an einzelne Versionen seiner Storage-Software aufweichen – denn Ceph-basierte Appliances sollen Major-Updates künftig ohne Hardware-Update bekommen und vice versa.

Die Euphorie, die IBM in seiner Mitteilung versprüht, teilt allerdings längst nicht jeder in der Open-Source-Gemeinde – und das aus mehreren Gründen: Zunächst besteht die Sorge, dass IBM künftig deutlich stärkeren Einfluss auf die Ceph-Entwicklung nehmen könnte, als es bisher der Fall war. Zwar verspricht der Hersteller, dass alle bisherigen Open-Source-Komponenten auch weiterhin unter quelloffener Lizenz stehen werden. Doch davon hätten Ceph-Nutzer wenig, wenn Ceph sich kaum noch weiter entwickelt, weil das Gros des Entwicklungsaufwandes irgendwann in die Arbeit an Ceph für IBM-Appliances fließt. Ähnliche Sorgen gab es bereits, als Red Hat 2014 Inktank als Upstream von Ceph aufkaufte. In Raleigh hat man es aber gut verstanden, Inktank weitgehend in Ruhe zu lassen.

Zu tun gibt es auf Seiten der Ceph-Entwicklung dabei bis heute genug. Noch immer gilt Ceph wegen seines vergleichsweise langsamen CRUSH-Algorithmus als ungeeignet etwa für IOPS-kritische Setups, die Datenbanken in virtuellen Instanzen betreiben und den Speicher dabei per Netzwerk anbinden möchten. Hier hat es in den vergangenen Jahren kaum substanzielle Verbesserungen gegeben, zumal ein großer Teil der Ceph-Altvorderen mittlerweile auch gar nicht mehr bei Red Hat tätig ist. Ceph-Erfinder und die Seele des Projektes Sage Weil engagiert sich heute etwa für Bürgerrechte in den USA. Im Nachgang der IBM-Ankündigung gab es zumindest vereinzelte Stimmen, die befürchteten, Probleme wie die Latenz des CRUSH-Algorithmus würden bald quasi gar nicht mehr bearbeitet.

Darüber hinaus sehen viele Beobachter in IBMs Übernahme von Red Hats Storage-Teams den Beginn der Filetierung von Red Hat. Die konkrete Sorge: IBM löst jene Teile aus Red Hat heraus, die man für kommerziell nützlich hält, und verhökert den übrig bleibenden, unattraktiven Rest irgendwann vernachlässigt weiter. Anzeichen gibt es dafür aktuell zwar keine – doch wäre es auch nicht das erste Mal, dass eine einst in weiten Teilen der Gemeinschaft gefeierte Akquisition sich im weiteren Verlauf als Griff ins Klo vor allem für das gekaufte Unternehmen entpuppt. Konkrete Vergleiche fehlen freilich, weil es innerhalb der Open-Source-Community eine Akquisition der Red-Hat-Dimension noch nicht und seitdem nicht wieder gegeben hat.

Erste konkrete Ergebnisse und neue Storage-Produkte mit integriertem Ceph will IBM laut eigenem Plan in der ersten Jahreshälfte 2023 auf den Markt bringen. Die Integration der Teams aus Red Hat soll bereits bis Jahresende 2022 abgeschlossen sein, was ein durchaus ambitioniertes Ziel sein dürfte. Für bestehende Kunden etwa von Red Hats OpenStack Platform (RHOP) oder Red Hats Storage-Appliance soll sich aber nichts ändern: Bestehende Verträge will der Konzern erfüllen und auch die Ansprechpartner sollen dieselben bleiben.

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(fo)