ICANN-Versammlung: Russlands Vorstoß "eine Bedrohung" für die Netzverwaltung​

Vor einem russischen Angriff auf die Selbstverwaltung des Internets warnt ICANN-CEO Göran Marby. Die ICANN trifft sich virtuell zur 72. Generalversammlung.

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Künstlerische Darstellung der Erdkugel mit Lichtbögen, die Punkte auf de Erdoberfläche mit einander verbinden

(Bild: Graphics Master/Shutterstock.com)

Von
  • Monika Ermert

Einen russischen Vorstoß für mehr Einfluss der Staaten auf die Internetverwaltung weist ICANN-CEO Göran Marby scharf zurück. Zum Auftakt der 72. Generalversammlung der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) am Montag warnte der CEO vor einem Angriff auf die Selbstverwaltung des Netzes: "Das ist eine Bedrohung für das Multi-Stakeholder-Modell und die Rolle der ICANN im Ökosystem des Internets."

Russland hat bei der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) angeregt, die Rolle der Staaten bei Sicherheit und Integrität des Netzes neu zu bewerten. Dieser Vorstoß ziele darauf ab, den Regierungen mehr Einfluss auch auf regionale Registrys (RIR) und die Protokollentwicklung zu verschaffen, sagte Marby beim Treffen des ICANN-Boards mit der Non-Commercial Stakeholder Group (NCSG). Die NCSG vertritt innerhalb der ICANN Interessen nichtkommerzieller Nutzer.

Zwar habe es schon vergleichbare Vorstöße gegeben, sagte Marby, doch "dieses Mal ist es anders". Die aktuellen Vorschläge, die russische Vertreter in die ITU-Arbeitsgruppe für das Internet eingebracht haben, seien weniger extrem als noch vor fünf Jahren und sprächen viele Regierungen an. Russland wolle zudem den nächsten ITU-Generalsekretär stellen, betonte Marby. Das brächte dem Kreml erheblichen Einfluss in der ITU.

Tatsächlich spricht Russlands Vorschlag Probleme an, mit denen die Namens- und Nummernverwaltungen aktuell zu kämpfen haben. Dazu gehören Sanktionen, die es Ländern wie Afghanistan oder Iran schwer machen, IP-Adressen zu beziehen.

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Stimmen dürfte Russland auch dafür einsammeln, dass es das Primat ökonomischer Grundsätze gegenüber politischen kritisiert. Die russischen Diplomaten verweisen auf die Vergabe von ".amazon" an den US-Handelskonzern, wogegen die Amazonas-Anrainerstaaten Sturm vergebens gelaufen sind. Auch die stärkere Verschlüsselung des Domain-Name-Systems (DNS) bezeichnet der Kreml als Angriff auf staatliche Souveränität. In diesem Punkt befinden sich russische Diplomaten in guter Gesellschaft mit britischen Lords.

Die EU scheint mehr staatlichem Einfluss auf die Internet-Infrastruktur ebenfalls nicht abgeneigt. Wenn es nach dem aktuellen Entwurf für die novellierte Richtlinie Netzwerksicherheit (NIS2) geht, soll die EU die bislang privat verwalteten Root-Server beaufsichtigen. Das passt gut zur russischen Mahnung, dass man das Internet als zentral bedeutsame Infrastruktur nicht Selbstverwaltungen aus den 1990er Jahren überlassen dürfe.

ICANN-Vizepräsidentin Tripti Sinha unterstrich die Sorge der ICANN, dass die Regierungen übers Ziel hinausschießen. Beim Versuch, den Umgang mit Inhalten und Nutzerdaten durch einzelne große Plattformen einzuhegen, drohten sie die grundlegende Infrastruktur gleich mit einzureißen. "Es ist wichtig, dass wir die Transportschicht des Netzes intakt halten", sagte Sinha. "Wir sollten die Auflösung von Namen mithilfe des Systems eineindeutiger Identifier erlauben, und Bits durchs globale Netz fließen lassen."

NCSG-Sprecherin Tatiana Tropina sieht auch die ICANN selbst in der Pflicht. Sie beschwor die ICANN-Spitze, mehr für die Legitimierung der Selbstverwaltung zu tun. Die in Leiden forschende Kriminologin und Cybersecurity-Expertin hält klaren Fokus auf die technischen Aufgaben der Namensverwaltung für sinnvoll. Zudem fordertn sie mehr Transparenz bei Multi-Stakeholder-Prozessen.

(vbr)