ISS-Andockmanöver: NASA-Experte sieht "Schlampigkeit" und warnt vor Katastrophe

Nach dem missglückten Andockmanöver an die ISS wiegeln NASA und Roskosmos ab. Das zeige eine gefährliche Kultur auf, warnt ein Experte nun.

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Das inzwischen friedliche angedockte Modul Nauka (oben rechts)

(Bild: NASA)

Von
  • Martin Holland

Der Umgang der NASA mit den Problemen rund um das missglückte Andockmanöver des russischen Forschungsmoduls Nauka an die ISS deuten darauf hin, dass Fehler wiederholt werden, die zu den verheerendsten Katastrophen der Raumfahrtgeschichte geführt haben. Das jedenfalls meint der ehemalige NASA-Ingenieur James Oberg, der bei der US-Raumfahrtagentur mehr als 20 Jahre gearbeitet hat und unter anderem Experte für Rendezvous im Weltraum ist. Seine harsche Kritik an dem Umgang seines ehemaligen Arbeitgebers mit dem ersten "Raumschiffsnotfall" der ISS hat der Journalist nun in einem US-Magazin zusammengefasst.

Das russische ISS-Modul war am 21. Juli gestartet worden und hatte die Internationale Raumstation am 29. Juli erreicht. Der Andockvorgang klappte dann ohne Probleme, woraufhin man in den Kontrollzentren wieder zum Standardbetrieb übergegangen war. Doch dann hatte das Modul plötzlich und ohne jede Vorwarnung erneut die Triebwerke aktiviert, obwohl es fest mit der ISS verbunden war. Dadurch drehte es die gesamte Station mehr als einmal um die eigene Achse und lediglich automatisch aktivierte weitere russische Triebwerke stemmten sich gegen das gefährliche Manöver. Weil Nauka von Boden aus nicht zu erreichen war, hörte das Modul wohl erst auf Gas zu geben, als der Treibstoff aufgebraucht war.

Wie Oberg nun im Magazin IEEE Spectrum schreibt, war das Fehlverhalten des Moduls auf der Erde nicht einmal direkt erkannt worden, weil Nauka sich da schon weit außerhalb der Reichweite der russischen Antennen befand. Erst als die fehlerhafte Ausrichtung der ISS bemerkt wurde, sei zum ersten Mal überhaupt der "Raumschiffsnotfall" ausgerufen und nach Lösungsmöglichkeiten gesucht worden. Da Nauka aber erst wieder über Europa kontaktiert werden konnte, habe man nicht viel machen können – laut Oberg waren wohl fast alle oder sogar alle Gegenmaßnahmen automatisch eingeleitet worden. Wie nah die Station einer Katastrophe war, sei eine unbeantwortete Frage, erklärt der Experte. Seine Kritik konzentriert sich nun auch vor allem auf die Reaktionen danach.

Um die Öffentlichkeit zu beruhigen hatte die NASA umgehend erste Schätzungen dazu veröffentlicht, wie weit die Station überhaupt gedreht worden war. Die stellten sich aber im Nachhinein als deutlich zu gering heraus. Von Russlands Raumfahrtagentur Roskosmos seien die Geschehnisse sogar als normaler Fehler abgetan worden, der keine formale Untersuchung, vor allem nicht unter Beteiligung der NASA, nötig mache. Oberg kritisiert das als Selbstgefälligkeit und eine unzulässige Hoffnung, dass alles schon gut gehen werde. Beides können sich überhaupt nur verbreiten, weil so lange alles scheinbar normal verlaufen sei. Die Sicherheit werde nur noch angenommen, aber nicht überprüft. Sowohl vor der Challenger-Katastrophe als auch dem Absturz des Space Shuttles Columbia habe es das ebenfalls gegeben.

Um dieser Kultur bei der NASA entgegenzuwirken, müsse jemand einschreiten, fordert Oberg. Die Ursachen des missglückten Andockmanövers müssten untersucht und verifiziert werden. Außerdem müsse der Entscheidungsprozess offengelegt werden, der dazu geführt hat, dass die NASA das Andocken eines Moduls mit Triebwerken an die ISS erlaubt hat, ohne Vorkehrungen, um die notfalls direkt abschalten zu können. Diese offensichtliche "Schlampigkeit" hänge offenbar direkt mit dem Ansinnen zusammen, gute Beziehungen zu Russland zu unterhalten. Der neue NASA-Chef Bill Nelson müsse deswegen von ganz oben eine unabhängige und gründliche Untersuchung einleiten.

Oberg erinnert nun noch daran, dass es schon beim Start des allerersten ISS-Moduls aus Russland ein vergleichbares Problem gegeben habe. Nach dem Start Ende 1998 habe das Modul keine Befehle vom Boden akzeptiert, um den Orbit anzuheben. Während Verantwortliche von NASA und Roskosmos den Start gefeiert hätten, sei in der Bodenstation alles versucht worden, um das Modul zur Kurskorrektur zu bringen. Erst bei der allerletzten Möglichkeit sei das gelungen und das Projekt ISS gerettet worden. Auf US-Seite habe man davon jahrelang nichts erfahren. Die NASA müsse sich nun auf ihre traditionelle Sicherheitskultur besinnen und den gestorbenen Astronauten und Astronautinnen gerecht werden, die sie in der Vergangenheit im Stich gelassen habe.

(mho)