Kollisionsalarm: Test einer russischen Anti-Satellitenrakete gefährdet ISS

Am Montag musste sich die Besatzung der ISS mehrfach auf eine mögliche Evakuierung vorbereiten. Ursache war wohl ein russischer Waffentest.

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(Bild: NASA)

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  • Martin Holland

Beim Test einer Antisatellitenrakete hat Russland angeblich einen sowjetischen Satelliten zerstört und wohl das Trümmerfeld geschaffen, welches für die ISS am heutigen Montag ein potenzielles Kollisionsrisiko dargestellt hat. Laut dem US-Außenministerium wurden bereits 1500 Trümmer entdeckt, Hunderttausende seien wahrscheinlich entstanden. Laut CNN analysiert das US Space Command das entstandene Trümmerfeld, dort sei auch die Verbindung zu den Vorgängen auf der ISS gezogen worden. Ein Sprecher des US-Außenministeriums hat den Test inzwischen als "rücksichtslos" und "unverantwortlich" verurteilt. Solches Verhalten würden die USA nicht tolerieren.

Zuerst hatte vorher mit Seradata ein Anbieter von Satellitendaten über die Zerstörung berichtet und mit dem Alarm auf der ISS in Verbindung gebracht. Der seit langem inaktive sowjetische Satellit Kosmos 1408 wurde demnach von einer bodengestützten Rakete zerstört, wodurch wohl auch Trümmer entstanden, die der ISS auf ihrer Bahn gefährlich nahe kamen. Auch private Beobachter haben bereits Dutzende Objekte entdeckt und gehen ebenfalls von Tausenden oder mehr aus

Antisatellitenwaffen (ASAT) sollen im Orbit befindliche Satelliten zerstören oder unschädlich machen. Das funktioniert auf verschiedene Arten, eine sind kinetische Angriffe, bei denen Projektile mit hoher Geschwindigkeit auf Satelliten gefeuert werden. Wegen der hohen Energien, die bei solchen Kollisionen auftreten, lässt sich schwer vorhersagen, auf was für Bahnen die dabei entstehenden Trümmer landen. Erst vor wenigen Wochen hatten deswegen Dutzende Expertinnen und Experten die Vereinten Nationen aufgefordert, Tests von kinetischen Antisatellitenwaffen zu verbieten. Denn wenn auch nur ein Trümmerteil nach solch einem Test – oder einem gezielten Angriff – einen anderen Satelliten trifft, droht ein Schneeballeffekt, durch den letztlich ganze Bahnen leergeräumt werden könnten. Für die die ISS als größtes Objekt im niedrigen Erdorbit ist die Gefahr ungleich größer.

Als sich nun am heutigen Montag die Besatzung der ISS – darunter auch zwei Russen – in ihre Raumkapseln zurückziehen musste, um notfalls schnell zur Erde zurückkehren zu können, erfolgte dies nur wenige Tage nach einem Korrekturmanöver der Raumstation. Die musste dabei zum bereits dritten Mal Trümmern ausweichen, die 2007 beim Test einer chinesischen Antisatellitenwaffe entstanden waren. Sollte sich bewahrheiten, dass ein neuerlicher Test solch einer Waffe den bemannten Außenposten der Menschheit einem – wenn auch geringen Risiko – ausgesetzt hat, dürfte das zu Verstimmungen zwischen den ISS-Betreibern und Russland führen. Erst vor wenigen Monaten hatte es beim Andockmanöver eines russischen Forschungsmoduls an die ISS ein Problem gegeben, woraufhin die ISS unplanmäßig gedreht worden war. Am Umgang mit dem Vorfall hatte es massive Kritik gegeben.

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Während des Kalten Kriegs hat es Tests von Antisatellitenwaffen gegeben, die von Flugzeugen oder anderen Satelliten aus gestartet wurden, ergänzt Seradata. Erfolgreiche Abschüsse vom Boden gab es demnach vier, einen aus China, einen aus den USA, einen aus Indien und nun aus Russland. Den indischen Test im Jahr 2019 hatte der damalige NASA-Chef mit scharfen Worten kritisiert und eine "schreckliche, schreckliche Sache" genannt. Die Trümmer erreichten die Bahnen der Raumstationen ISS und Tiangong sowie verschiedener geplanter und bereits realisierter Mega-Konstellationen wie Starlink und OneWeb. Außerdem weist Seradata noch darauf hin, dass die ISS einem Trümmerfeld normalerweise ausweicht – wenn es rechtzeitig genug von der Erde aus entdeckt wird. Dass dies nun nicht erfolgt ist, habe angedeutet, dass der Weltraumschrott erst kurz zuvor entdeckt worden war.

[Update 16.11.2021 – 06:20 Uhr] Inzwischen haben US-Vertreter den Zusammenhang zwischen dem kritisierten Test der zweimaligen Räumung der ISS bestätigt. "Wir verurteilen Russlands rücksichtslosen Test", zitiert die dpa US-Außenminister Blinken. Der Beschuss habe Weltraumschrott hinterlassen, "der das Leben von Astronauten, die Integrität der Internationalen Raumstation und die Interessen aller Nationen gefährdet".

Animation des Aufeinandertreffens (Quelle: Leo Labs)

"Ich bin empört über dieses unverantwortliche und destabilisierende Vorgehen", ergänzte NASA-Chef Bill Nelson. "Mit seiner langen und traditionsreichen Geschichte in der bemannten Raumfahrt ist es unvorstellbar, dass Russland nicht nur die amerikanischen und internationalen Partner-Astronauten auf der ISS, sondern auch seine eigenen Kosmonauten gefährdet." Das Vorgehen bedrohe auch die chinesische Raumstation.

"Russland hat gezeigt, dass es die Sicherheit, den Schutz, die Stabilität und die langfristige Nachhaltigkeit des Weltraums für alle Nationen bewusst missachtet", meint außerdem US-General James Dickinson. "Russland entwickelt und setzt Fähigkeiten ein, um den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten und Partnern den Zugang zum Weltraum und dessen Nutzung aktiv zu verweigern."

[Update 16.11.2021 – 09:30 Uhr] Russland hat die Vorwürfe inzwischen zurückgewiesen. "Diese Aussagen entsprechen nicht der Wirklichkeit", sagte Juri Schwytkin, Vize-Vorsitzender des Verteidigungsausschusses der Staatsduma, am Dienstag der Agentur Interfax. Der Fantasie des US-Außenministeriums sei keine Grenze gesetzt. "Wir haben uns immer gegen die Militarisierung des Weltraums ausgesprochen", sagte der Abgeordnete. Die russischen Raumfahrtagentur Roskosmos versicherte, die Sicherheit der ISS-Crew sei immer die "höchste Priorität" gewesen. Auf die potenziell gefährlichen Trümmer geht das Statement nicht ein.

(mho)