IT-Branche unterschlägt die Hälfte ihrer Treibhausgas-Emissionen

Die globalen Tech-Konzerne verursachen doppelt soviel CO₂ wie ihre selbst gemeldeten Daten nahelegen. Das zeigt eine Studie der TU München.

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Von
  • Ulrich Wolf

Zwischen den freiwillig gemeldetenTreibhausgas-Daten der weltweit größten IT-Unternehmen und ihrem mutmaßlichen tatsächlichen Ausstoß klafft oft eine riesige Lücke. Zusammengenommen ergeben die "vergessenen" Emissionen von 391 Megatonnen CO2-Äquivalent ungefähr den Treibhausgas-Ausstoß von Australien. Das geht aus einer Forschungsarbeit der TU München hervor. Bei den Softwareherstellern ist SAP weltweit das Unternehmen mit der weitaus größten Differenz.

Unternehmensberichte über den CO2-Ausstoß sind freiwillig und folgen unterschiedlichen, miteinander schwer vergleichbaren Metriken. Die Autoren der in Nature Communications veröffentlichten Studie haben eine Methode entwickelt, um die tatsächlichen Treibhausgas-Emissionen aus den von den Unternehmen selbst gemeldeten Daten und bekannten Zahlen vergleichbarer Firmen abzuschätzen.

Der kleinste gemeinsame Nenner ist das Greenhouse Gas (GHG) Protocol des World Resources Institute, einer NGO, und dem Wirtschaftsverband World Business Council on Sustainable Development. Das GHG Protocol unterscheidet drei Kategorien von Emissionsquellen: die direkten Emissionen eines Unternehmens, Treibhausgase, die bei der Energieerzeugung entstehen und schließlich alle Emissionen entlang der Wertschöpfungskette, die beispielsweise von Lieferanten und Zwischenhändlern erzeugt werden. Diese, im GHG Protocol als Scope 3 bezeichnet, werden von einigen verbreiteten Reporting-Standards teilweise gar nicht erfasst und von anderen nur ungenügend spezifiziert.

Das führt dazu, dass die CO2-Fußabdrücke globaler IT-Unternehmen trotz entsprechender Berichte kaum vergleichbar sind. So spiegeln die Reports der beiden größten Emittenten im Software- und Service-Sektor, Microsoft und der Google-Mutter Alphabet, annähernd den tatsächlichen Ausstoß wider. Bei SAP, der Nummer drei der Liste, erfassen die hauseigenen Klimaberichte aber nur weniger als jede zehnte Tonne CO2, folgt man der Methodik der Münchner Forscher.

Ähnliche Diskrepanzen, aber auf mehrfach höherem Niveau, zeigen sich bei den Hardware-Herstellern. Hier gehören HP, Nokia und Apple zu den Firmen mit den korrektesten Umweltberichten, Cisco steht am anderen Ende des Spektrums.

Die beiden größten CO2-Produzenten im IT-Sektor sind gemäß der Methodik der Münchner Forscher – nicht jedoch nach ihren selbst veröffentlichten Daten – Samsung und Hon Hai Precision (Foxconn) mit jeweils etwa 85 Megatonnen CO2-Äquivalent. Laut Selbstauskunft sind es bei Samsung aber nur 31 Megatonnen, bei Foxconn 8,4 Megatonnen.

Das gesamte Paper ist als Open Access veröffentlicht und frei zugänglich. Es unterliegt der Creative Commons Attribution License. Die zugrunde liegenden Daten stammen aus dem Jahr 2019.

(ulw)