IT-Bündnis: Europa muss bei der Cloud mit den USA auf Augenhöhe kommen

Laut einer Roadmap sollte sich die EU für das Zeitalter riesiger Datenmengen rüsten und bei der Infrastruktur auf Transparenz, Vertrauen und Sicherheit setzen.

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 49 Beiträge

(Bild: Gorodenkoff / Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl

27 europäische Technologie-Unternehmen haben der EU-Kommission am Freitag einen Fahrplan für die nächste Generation des Internets mit dem Schwerpunkt Cloud-Computing übergeben. Politik und Unternehmen in Europa sollen laut dem 75-seitigen Papier in den kommenden Jahren die Entwicklung von "datensouveränen Diensten" vorantreiben, die mit den Angeboten der Hyperscaler in den USA und in Asien mithalten und so ernsthafte Alternativen zu den Cloud-Services von Amazon, Alibaba, Google und Microsoft bilden können.

Zu den Verfassern der "Roadmap" gehören Konzerne wie Airbus, Amadeus, Atos, De-Cix, die Deutsche Telekom, Ericsson, Ionos, Nokia, Orange, OVHCloud, SAP, Schneider Electric, Siemens, Telefónica und Telecom Italia. Sie erarbeiteten ihren Vorschlag nach einem Runden Tisch mit EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton im Dezember. Die Kommission hat gerade mit einem Update für ihre Industriestrategie angekündigt, im zweiten Quartal eine Cloud-Allianz ins Leben rufen zu wollen.

Bis 2025 soll die europäische Cloud-Branche laut der Initiative "weltweit für ihre technologische Führerschaft und Wettbewerbsfähigkeit in Bezug auf Klimaneutralität, Cybersicherheit, vertrauenswürdigen Datenaustausch und Interoperabilität bekannt sein und weltweite Standards prägen". Durch die Entwicklung hochenergieeffizienter Infrastrukturen, den Einsatz verbrauchsarmer Hard- und Software, eines verbesserten Ressourcenmanagements, Energiemixes und einer erhöhten Kühlleistung von Rechenzentren könne die EU auf diesem Feld eine Vorreiterrolle übernehmen.

Um nachhaltige Datendienste in den Rechnerwolken und am Rand des Netzwerks mit dem sogenannten Edge-Computing zu schaffen, müsse die EU einen Schwerpunkt auf Sicherheit legen und etwa "innovative Hardware-Verschlüsselungstechnologien" einsetzen, schreibt das IT-Bündnis. Lösungen, die sichere Kommunikationsnetzwerke ermöglichten, sowie ein adäquates Management von Cyberangriffen seien wichtig.

Auch die Förderung von Offenheit, Interoperabilität und der Fähigkeit, ein Ökosystem mit mehreren Providern zu managen, ist den Verfassern zufolge im Sinne der künftigen Nachfrage entscheidend. Die Nutzer würden so zugleich in die Lage versetzt, "Cloud-Edge-Dienste weiter an ihren eigenen Bedarf anzupassen". Durch die Definition gemeinsamer Standards und den Aufbau zentraler Komponenten könnten europäische Akteure eine führende Rolle einnehmen.

Die europäische Infrastruktur werde im Interesse einer effizienten Nutzung eine "fortschrittliche Netzwerkmanagement- und Orchestrierungstechnologie" sowie neutrale Verbindungsdienste benötigen, heißt es in dem Aufgabenbuch. Nur so seien innovative Anwendungsfälle im großen Maßstab realisierbar. Neben schnellen Festnetzverbindungen sei dafür ein leistungsfähiges 5G-Mobilfunknetz die Voraussetzung.

Bestehende europäische Angebote für Infrastrukturdienste müssten gestärkt werden, fordern die Unterzeichner. Der Fokus sollte dabei auf "souveränen Optionen" liegen, "die in Bezug auf Preis und Ausfallsicherheit globalen Standards entsprechen". Gerade bei Online-Plattformen hinke Europa hinterher. Eine Killer-App dafür könnten rechtskonforme Angebote und Standards zum Teilen vor allem nicht-personenbezogener Maschinendaten sein. Bestehende öffentliche und private Initiativen wie das europäische Cloud-Projekt Gaia-X sollten genutzt werden, "um sich auf dieses gemeinsame Ziel auszurichten".

Die EU sollte sich laut den Branchenvertretern zudem auf Big-DataLösungen vorbereiten, "die voraussichtlich bis 2030 ausgereift sein werden, sind". Dazu zählen sie "Swarm Computing" mithilfe intelligenter Edge-Geräte, "die automatisch und sicher zusammenarbeiten, um komplexe Aufgaben zu erfüllen". Ein solcher Rechnerschwarm werde "zunehmend nanotechnologische Komponenten" etwa in Form von "smartem Staub" beinhalten.

Am Horizont sehen die Firmen auch kollaborative Roboter und Exo-Skelett-Anzüge, fortschrittliche Mensch-Maschine-Schnittstellen und interaktive Augmented-Reality-Umgebungen. Dazu kämen neuronale Schnittstellen, Computer, die Emotionen verstehen können, sowie Fortschritte in Richtung "Allgemeine Künstliche Intelligenz". Mit solchen neuen Formen von Rechenkraft seien viele Fragen rund um Sicherheit, Ethik und Nachhaltigkeit verknüpft, denen sich die EU frühzeitig stellen sollte.

Mit derlei Trends erreichten die zu verarbeitenden Datenmengen Zetta-Maßstäbe, also den Bereich von Trilliarden Bytes, schätzt das Bündnis. So dürfte "die Abhängigkeit der Gesellschaft von der Integrität und Verfügbarkeit digitaler Lösungen das Niveau kritischer nationaler Infrastrukturen" erreichen. Um diese Herausforderung zu bewältigen, seien zwangsläufig mehr Regulierung und interdisziplinäre Arbeit auf verschiedenen Ebenen erforderlich.

"Europa kann in vielen Bereichen heute schon punkten", erklärte Ionos-Chef Achim Weiß. Er verwies auf "wettbewerbsfähige Rechenzentren, eine starke Open-Source-Kultur oder auch neue Technologien wie 5G". Mit Gaia-X zeige die europäische IT-Industrie, "dass sie zusammenarbeitet und gemeinsam und schnell tragfähige Lösungen produziert". Weitere Investitionen seien nötig. An die Kommission appellierte er, "gemeinsam mit uns dafür" zu sorgen, "dass Europa auf Augenhöhe bleibt". Behörden und Regierungen der Mitgliedsstaaten sollten "eine Vorbildfunktion wahrnehmen und selbst verstärkt auf Cloud-Anbieter aus Europa setzen".

(bme)