IT-Fachkräftemangel: Für welche Programmiersprachen ist der Bedarf am höchsten?

Wer programmieren kann, hat die Qual der Wahl: In Deutschland sind 155.000 Stellen frei. Am gefragtesten sind dabei Java, SQL, Python – vor allem in Berlin.

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Geldscheine mit Kluppen zum Trocknen aufgehängt

(Bild: Olga Donchuk/Shutterstock.com)

Von
  • Silke Hahn

Die Debatte um einen Fachkräftemangel wird in Deutschland kontrovers geführt, allerdings sprechen die absoluten Zahlen im Bereich der Softwareentwicklung eine klare Sprache: Anfang Juni 2022 waren bundesweit über 155.000 Entwicklerstellen ausgeschrieben. Dabei sind jeweils unterschiedliche Programmiersprachen die Voraussetzung – in Anbetracht der Fülle offener Positionen dürfte allerdings für fast jeden, der programmieren kann, etwas Passendes dabei sein.

Das Team der Vermittlungsplattform WorkGenius hat bei einer Recherche offene Ausschreibungen nach Programmiersprachen ausgewertet und nach den Standorten der Projekte und Arbeitgeber aufgeschlüsselt. Kenntnisse in Java, SQL und Python sind demnach zurzeit am stärksten gefragt: Rund 31.600 offene Stellen setzen Java voraus, die Datenbank-Abfragesprache SQL (streng genommen zählt sie nicht zu den Programmiersprachen) ist in 28.100 offenen Stellen verlangt. Das besonders im Bereich Data Science und Machine Learning etablierte Python ist den Herausgebern zufolge bei 26.800 der ausgewerteten Stellen die Voraussetzung.

Wenig überraschen dürfte das Ranking nach Orten: Hier haben die deutschen Großstädte die Nase vorn, allen voran Berlin mit derzeit mindestens 13.900 offenen Entwicklerstellen (von denen 3000 Java voraussetzen, 2900 Python und 2200 Kenntnisse in SQL). Auf die Bundeshauptstadt folgen München mit 12.300 offenen Stellen und Hamburg mit 7700 Vakanzen.

Frankfurt am Main hingegen hat die meisten offenen Stellen pro 100.000 Einwohnern, wenn man die Zahlen in Relation setzt statt absolute offene Stellen zu vergleichen: In der hessischen Bankenstadt sind rund 6600 Entwicklerjobs ausgeschrieben, was 863 Stellen pro 100.000 Einwohnern entspricht. Der Wandel von der Hardware- in die Softwarewelt spiegelt sich auch in Baden-Württemberg in den Zahlen: Stuttgart, Deutschlands Hochburg der Automobilindustrie, liegt gleich hinter Frankfurt auf Platz zwei mit 5300 offenen Entwicklerstellen je 100.000 Einwohnern. Am wenigsten Bedarf herrscht in NRW (Wuppertal, Duisburg und Bochum), und im direkten Bundesländervergleich bildet Mecklenburg-Vorpommern das Schlusslicht.

Die in Deutschland meistegesuchten Programmiersprachen laut WorkGenius, Stand: Juni 2022.

(Bild: WorkGenius)

Doch wie lauten die weiteren Ergebnisse der WorkGenius-Recherche? Offene Stellen verlangen auch Kenntnisse von JavaScript (22.444 Angebote), HTML/CSS (erneut keine Programmiersprache, aber oftmals in Rankings inkludiert: 16.572 Angebote), C# (12.297 Stellen), PHP (rund 9000 Angebote), C/C++ (etwas über 6000 Angebote) und Swift mit 1600 offenen Stellen. Visual Basic und Delphi/Object Pascal bilden im Beitrag die Schlusslichter mit unter 1000 Gesuchen. Die genauen Ergebnisse schlüsselt das WorkGenius-Team nach Städten und Bundesländern auf. Andere Programmiersprachen tauchen sonderbarerweise in dem Beitrag nicht auf, weshalb die Recherche durchaus mit Vorsicht zu genießen ist. Womöglich liegt hier ein Bias der Analysten vor, und eine Erklärung folgt weiter unten.

Die Top-Ergebnisse decken sich mit Blick auf Python und Java weitgehend mit aktuellen Rankings, die Programmiersprachen nach ihrer Popularität auswerten. So galt Python laut TIOBE-Index als "Programmiersprache des Jahres 2021" und hat bei Rankings regelmäßig Oberwasser – wobei Java und Python meist ähnlich gut abschneiden. Allerdings lag zuletzt oft JavaScript vorne, und mit Newcomern wie Rust scheint eine wachsende Zahl an Entwicklern sich auseinanderzusetzen (laut SlashData umfasst die Rust-Community mittlerweile über zwei Millionen Entwickler) – was sich noch nicht unbedingt in Arbeitgebernachfrage und Stellenangeboten niederschlägt.

Die Vermittlungsplattform WorkGenius hat das Jobportal adzuna.de auf Ausschreibungen untersucht, die eine bestimmte Programmiersprache oder Datenbanksprache (wie SQL) voraussetzen. Berücksichtigt haben die Analysten dabei alle am 3. Juni 2022 offenen Ausschreibungen. Die Namen der Programmiersprachen nutzte das Team dabei als Stichwort. Um die Treffer für die Auswertung vergleichbar zu machen, ist das Verhältnis zwischen den Ausschreibungen und der Einwohnerzahl der jeweiligen Orte und Bundesländer auf 100.000 Einwohner hochgerechnet, geben die Herausgeber der Untersuchung im Kleingedruckten an.

Die regelmäßige Sichtung und das Auswerten von Stellenangeboten dürfte im Arbeitsbereich (und Eigeninteresse) der Plattform liegen: WorkGenius vermittelt laut Website freiberufliche Entwicklerinnen und Entwickler – und zwar nicht in feste Anstellungen, sondern projektgebunden an Unternehmen. Repräsentativ im wissenschaftlichen Sinne ist die Vorgehensweise der Analysten allerdings nicht. Ein klares Manko ist die beschränkte Auswahl an Programmiersprachen bei der subjektiv wirkenden Auswahl an Keywords. Offenbar hatten die Analysten nicht alle relevanten Programmiersprachen am Schirm: Sprachen wie Rust, Kotlin, Go oder R fielen unter den Tisch, wofür der Blogeintrag keine Gründe nennt.

Für belastbare Ergebnisse hätten die Herausgeber zudem weitere Jobportale berücksichtigen und den Untersuchungszeitraum breiter fassen und durch weitere Stichproben ihr Ergebnis überprüfen müssen. Zudem bieten zahlreiche internationale Arbeitgeber Entwicklern die Möglichkeit zur Remote-Arbeit, weshalb eine Differenzierung nach räumlicher Streuung der Adressaten und Angebote im Verhältnis zu einer etwaigen Ortsungebundenheit (statt grober Auflistung nach Bundesländern) interessant gewesen wäre. Absolute Zahlen aus Jobportalen zu einem bestimmten Zeitpunkt sind stets nur Schnappschüsse mit begrenzter Gültigkeit für künftige Trends am Arbeitsmarkt.

Wer sich für die Details der WorkGenius-Recherche interessiert, kann die Ergebnisse im Blogeintrag auf deren Website nachlesen.

(sih)