Inder, Kinder und der Dotcom-Hype: Vor 20 Jahren kam die Green Card

Eine Green Card für ausländische IT-Experten sollte Anfang der 2000er den Fachkräftemangel lindern. Die Aufregung war groß - nicht zuletzt wegen eines Spruchs.

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(Bild: giggsy25/Shutterstock.com)

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Ein blasses Formular und ein Foto mit dem Minister brachten Harianto Wijaya erst in jede Zeitung und dann ins Museum. Ein grünes Kärtchen gab es nicht. Und einer dieser "Computer-Inder", von denen damals oft klischeebeladen die Rede war, war Wijaya auch nicht. Der Informatiker und Mobilfunk-Experte stammte aus Indonesien und hatte in Aachen studiert. Aber er war der Erste, der im Sommer 2000 die Green Card bekam, eine zuvor im Eiltempo eingeführte und nach dem US-Vorbild benannte Arbeitserlaubnis für händeringend gesuchte ausländische IT-Experten – überreicht vom damaligen SPD-Arbeitsminister Walter Riester persönlich.

Genau 20 Jahre später ist das Problem der fehlenden Fachkräfte in der IT-Branche noch immer nicht gelöst, die deutsche Green Card aber schon lange Geschichte. Offiziell eingeführt zum 1. August 2000, war Ende 2004 schon wieder Schluss – allerdings planmäßig: Neue gesetzliche Regeln zur Zuwanderung traten in Kraft und lösten die Green Card ab. Wijayas Exemplar wanderte in die Sammlung im Haus der Geschichte in Bonn.

Was auf Jahre in den Köpfen blieb, waren vor allem die eher dürftigen Zahlen und die "Kinder statt Inder"-Debatte um Jürgen Rüttgers. Rüttgers, damals CDU-Spitzenkandidat zur Landtagswahl in NRW, hatte den Vorstoß der rot-grünen Bundesregierung mit dem Satz "Statt Inder an die Computer müssen unsere Kinder an die Computer" kritisiert und damit eine monatelange Rassismus-Diskussion ausgelöst.

Was die Zahlen angeht, war das Programm tatsächlich recht bald hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Schätzungen hatten vorher einen Bedarf von bis zu 75.000 Fachkräften in der Branche ausgemacht. 20.000 Green Cards wollte die Regierung vergeben, nur gut 13.000 wurden es am Ende, wie aus dem Migrationsbericht 2005 hervorgeht.

Den Erfolg oder Misserfolg allein daran zu bemessen, halten Experten aber für zu undifferenziert. "Zahlenmäßig war es ein kleines Programm", sagt Franziska Schreyer vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit, die sich damals eingehend mit der Green Card beschäftigt hat. "Für den politischen Wandel aber war es schon sehr bedeutend." Auch wenn am Ende gar nicht so viele kamen: Um hochqualifizierte Fachkräfte aus Drittstaaten zu werben, sei ein politisches Novum in Deutschland gewesen.

Die Vorsitzende des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration, Petra Bendel, sieht das genauso. "Wenn man nur auf die Zielmarke schaut, war das Projekt nicht erfolgreich", sagt sie. Die großen Konzerne hätten die Green Card ohnehin nicht gebraucht, sondern auch damals schon eigene Wege gehabt. "Aber die kleinen und die mittelständischen Unternehmen haben sehr wohl davon profitiert", sagt Bendel.

Zudem habe die Green Card eine Art Politikwechsel markiert und einen langfristigen Prozess angestoßen, der Deutschland mit Blick auf die Erwerbsmigration über die Jahre zu einem der liberalsten Länder der Welt gemacht habe.

"Sie war auch ein Symbol für die neue deutsche Offenheit", sagt der Präsident des IT-Branchenverbandes Bitkom, Achim Berg, und nennt die Green Card einen "epochalen Durchbruch". "Es wurde klar, dass wir qualifizierte Zuwanderung brauchen, wenn wir unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit erhalten wollen", sagt Berg. "Klar wurde auch, dass wir uns anstrengen müssen, wenn wir solche Spitzenkräfte nach Deutschland holen wollen."

Passend zur Eröffnung der Computermesse Cebit hatte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) die Initiative im Februar 2000 angekündigt, gut fünf Monate später hielt Wijaya schon als Erster seine Arbeitserlaubnis in der Hand. Die IT-Branche hatte damals Hochkonjunktur und fand keine Leute, zugleich waren aber auch mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos.

Als der "Dotcom"-Hype weniger später abebbte, ereilte dieses Schicksal allerdings auch einige der eigens ins Land geholten Experten. "Gleichzeitig mit der Green-Card-Einführung begann der Niedergang der New Economy und die Blase platzte", sagt Bendel.

IAB-Expertin Schreyer hat die Folgen damals anhand einer Fallstudie in München untersucht, die ergab, dass mindestens sieben Prozent der Green-Card-Inhaber später wenigstens einmal arbeitslos wurden. Ein Problem, das niemand vorhergesehen und für das zumindest anfangs auch niemand einen Plan hatte, wie sie sagt. "Das war in der ersten Zeit sehr schwierig und regional sehr uneinheitlich." Weil der Aufenthalt eng an den Arbeitsplatz gekoppelt war, seien Betroffene anfangs zum Teil aufgefordert worden, innerhalb von 72 Stunden das Land zu verlassen, erinnert sie sich.

Was Mitte 2000 mit der Green Card begann, ist seither mit immer neuen Regeln und Gesetzen angepasst worden. Erst zum 1. März dieses Jahres ist das Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft getreten. "Was damals aufsehenerregend liberal erschien, erscheint heute eher kleinteilig", sagt die Migrationsexpertin Bendel mit Blick auf die Entwicklung der vergangenen zwei Jahrzehnte. Auch wenn das neue Gesetz aus ihrer Sicht immer noch etwas kleinmütig sei: "20 Jahre danach sind wir deutlich weiter."

Auch Bitkom-Präsident Berg spricht von einem wichtigen Schritt, Deutschland attraktiver für ausländische Fachkräfte zu machen. Rund 124.000 IT-Jobs seien Ende 2019 unbesetzt gewesen, und selbst jetzt in der Corona-Krise sei der Mangel. "Wer meint, Deutschland sei der Sehnsuchtsort der weltweiten IT-Elite, der irrt", sagt Berg. Das hatte man schon vor 20 Jahren bei der Green Card feststellen können.

(mho)