Indirektes Satelliten-Internet: OneWeb bringt Ureinwohner Alaskas online

Das Satelliten-Netz OneWeb nimmt den Betrieb auf, zunächst in Alaska. Indianerstämme erhalten erstmals Breitband. In 200 Tagen kommt ein lokaler Satellit dazu.

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4 Reihen mit insgesamt 29 Satellitenschüsseln im Schnee

OneWebs erste Bodenstation in Alaska steht in Talkeetna, etwa 180 Kilometer nördlich Anchorage'.

(Bild: PDI/Microcom)

Von
  • Daniel AJ Sokolov

Der indische Satellitenbetreiber OneWeb nimmt mit mehr als 250 Satelliten den Betrieb auf. Die ersten Kunden wird die Firma in Alaska ans Internet bringen. Dort gibt es riesige Gebiete, die noch nie Breitband-Anschluss hatten. Ab Herbst soll sich das ändern. Als Erster errichtet der Akiak-Stamm für seine Mitglieder ein drahtloses Zugangsnetz, das über OneWeb-Satelliten ans Internet angebunden wird. Für globale Abdeckung muss OneWeb noch mehr als 400 Satelliten starten.

OneWeb ist in technischer Hinsicht mit SpaceX' Starlink vergleichbar: Genau wie Starlink hat OneWeb hunderte Satelliten im Orbit stationiert. Sie funken zu Bodenstationen mit Glasfaseranschluss einerseits und zu Kunden, die Internetzugang wünschen, andererseits. Während Starlink-Satelliten derzeit in etwa 550 Kilometer Höhe um die Erde sausen, kreisen OneWeb-Satelliten mit etwa 1200 Kilometern etwas weiter weg. Damit benötigt OneWeb für die gleiche Erdabdeckung weniger Satelliten, hat aber etwas längere Signallaufzeiten (Latenz).

Das Geschäftsmodell unterscheidet sich deutlicher: Anders als Starlink verkauft OneWeb nicht direkt an Endbenutzer, sondern an Großhändler. Und während Starlink die für die Anbindung ans Internet notwendigen Bodenstationen selbst errichtet, setzt OneWeb auch dabei auf Partner. Zu diesen gehören in Alaska die Firma Pacific Dataport (PDI) und deren Schwesterfirma Microcom. Letztere hat in Talkeetna, etwa 180 Kilometer nördlich Anchorage', bereits eine OneWeb-Bodenstation mit 29 Satellitenterminals und redundanter Glasfaseranbindung errichtet. Weitere Standorte sind in Arbeit.

Doch auch Pacific Dataport verkauft nicht selbst an Privatkunden, sondern fungiert als Middle Mile Provider für Satelliten-Internet. PDI verschafft lokalen Anschlussnetzbetreibern die notwendige Internetverbindung, und greift dabei auf OneWeb-Satelliten zurück.

Das machen sich Ureinwohner im Westen Alaskas zu Nutze: In der Region, wo die Flüsse Yukon und Kuskowim in die Beringsee münden, haben sich 56 Indianerstämme zum Yukon Kuskowim Delta Tribal Broadband Consortium zusammengeschlossen. Das Gebiet ist etwa eineinhalb mal so groß wie Österreich, nicht mit Straßen erschlossen und hat bislang kein Breitband-Internet. Letzteres zu ändern hat sich das Tribal Broadband Consortium zur Aufgabe gestellt.

Von der Bundesregulierungsbehörde FCC haben sich die Ureinwohner Funkspektrum im 2,5-GHz-Band gesichert, das US-Wirtschaftsministerium subventioniert den Bau lokaler Funknetze in Siedlungen ohne Breitband. Das erste solche Fixed-Wireless-Netz wird diesen Herbst im Dorf Akiak gebaut und soll schon im November den Betrieb aufnehmen. Dann werden die etwa 400 Einwohner erstmals Breitband-Internet nutzen können. [Update 17.8., 23:25 Uhr]: Zur Funkübertragung gelangt LTE zum Einsatz. Damit soll die Gesamtlatenz samt Weg zu den OneWeb-Satelliten und zurück unter 100 Millisekunden bleiben. [/Update]

Vorgesehen sind Nutzungsvolumen von bis zu 150 GByte pro Monat und Anschluss; der Preis steht noch nicht fest, soll aber für Privathaushalte erschwinglich sein. Gebaut wird das lokale Funknetz von Microcom, Eigentümer wird der lokale Indianerstamm, die Akiak Native Community. Die Backhaul-Verbindung zum Internet liefert PDI über OneWeb-Satelliten, wie PDI-Vizepräsident Shawn Williams im Gespräch mit heise online erläutert hat. Sein Unternehmen plant, in den nächsten zwei Jahren bis zu 90 Dörfer in Alaska online zu bringen.

Schematische Darstellung des Hybrid-Netzes aus erdnahen sowie geostationären Satelliten (nicht maßstabsgetreu)

(Bild: Pacific Dataport)

Dafür wird Pacific Dataport auch zwei eigene, geostationäre Satelliten bereitstellen. Der erste heißt Aurora 4A und soll in 200 Tagen an Bord einer SpaceX-Rakete in den Orbit reisen. Er würde dann noch im März den Betrieb aufnehmen und wird etwa Gigabit/Sekunde Übertragungskapazität bieten. Mitte 2024 soll sich Aurora IV hinzugesellen, ein Very High Throughput Satellite (vHTS) mit etwa 100 Gigabit/Sekunde Kapazität. Weil die beiden Aurora-Satelliten in 36.000 Kilometern Höhe stationiert werden, müssen Endkunden mit Latenzzeiten von um die 600 Millisekunden rechnen. Dafür soll der Internetzugang mit 99 US-Dollar pro Monat (etwa 84 Euro) günstig werden.

Schematische Darstellung des Load Balancing zwischen erdnahen und geostationären Satelliten

(Bild: Pacific Dataport)

PDI wird seine eigenen Satelliten auch in Kombination mit OneWeb anbieten. Anwendungen, die kurze Latenzzeiten erfordern, darunter Computerspiele, werden vorrangig über OneWeb online gehen, während datenintensive Anwendungen wie beispielsweise Videostreaming eher über die Aurora-Satelliten versorgt werden. Spezielle Endkunden-Router steuern diese Form des Load Balancing automatisch. Durch die Kombination von LEO- und GEO-Satelliten werden günstige Übertragungskapazitäten mit kurzen Signallaufzeiten kombiniert. Inmarsat plant, in den nächsten fünf Jahren ebenfalls ein Hybridnetz mit 150-175 eigenen LEO- und mehreren GEO-Satelliten zu errichten.

Die beiden Aurora-Satelliten Pacific Dataports werden ganz Alaska sowie große Teile Kanadas abdecken: Britisch-Kolumbien, den Yukon, die Nordwestterritorien sowie Teile Nunavuts und Nordalbertas. Also überlegt das Unternehmen, auch in den kanadischen Markt als Middle Mile Provider einzusteigen. OneWebs gut 250 Satelliten erreichen bereits jetzt die gesamte Arktis, Bodenstationen mit Glasfaseranschluss gibt es aber noch kaum. Bis Ende kommenden Jahres sollen 400 Satelliten dazukommen, um globale Abdeckung zu erreichen. Bei der darauf folgenden zweiten Ausbaustufe spart OneWeb 41.000 Satelliten ein – es sollen "nur noch" 6.372 werden.

(ds)