Industriestrategie: EU-Kommission schmiedet Allianzen für Halbleiter und Cloud

Beim geplanten Halbleiterbündnis peilt Binnenmarktkommissar Thierry Breton nun Fabriken für die Fertigung von Chips im Bereich 22 bis 10 Nanometer an.

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(Bild: spainter_vfx/Shutterstock.com)

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  • Stefan Krempl

Auf der Basis einer Analyse strategischer Abhängigkeiten und Kapazitäten wichtiger Industriebranchen hat die EU-Kommission am Mittwoch im Rahmen eines Pakets für ein Update ihrer Industriestrategie angekündigt, Allianzen für Prozessoren und Halbleitertechnologien sowie für Industriedaten und Cloud-Computing auf den Weg zu bringen. Diese Bündnisse sollen "ein breites Spektrum von Akteuren zusammenbringen" und dazu beitragen, "wichtige politische Ziele der EU im Bereich der Mikroelektronik zu erreichen" und die industrielle Position Europas auf dem globalen Cloud-Markt zu stärken.

Entsprechende Allianzen hätten sich etwa im Bereich Batterien bewährt, erklärte Binnenmarktkommissar Thierry Breton. Sie seien gut abgestimmt auf die europäischen Bedürfnisse und schlössen alle Partner ein, "die etwas zu sagen haben". Jeder, der teilnehmen wolle, sei willkommen.

Im Bereich Halbleiter steckte Breton bei seinen zunächst bekannt gewordenen hohen Ambitionen etwas zurück. Momentan würden bei der Chip-Fertigung in Europa Strukturbreiten um die 30 Nanometer (nm) erreicht, führte der Franzose aus. "Wir wollen nun auf 22 bis 10 Nanometer gehen", gab er als Losung aus. Diese würden in Europa – etwa von der Autoindustrie – vor allem benötigt.

Zunächst hatte der Ex-Chef des französischen IT-Dienstleisters Atos den Fokus auf den ultraschmalen Hochleistungsbereich zwischen 5 und 2 nm legen wollen. Ausrüster und Fertiger sehen für solche Vorzeigechips auf dem alten Kontinent derzeit aber kaum Bedarf und warnten vor einem Milliardengrab, wenn mit Geld vom Staat Fabriken ausländischer Produzenten in der EU gefördert würden. Breton unterstrich aber, wie wichtig es sei, den Blick bereits in die Zukunft zu richten und mit Partnern voranzuschreiten. 22 Mitgliedsstaaten hätten bereits ihr Interesse bekundet, auch viele Unternehmen und Forschungseinrichtungen wollten sich an der Allianz beteiligen.

In der Studie der Kommission zu Schwachstellen im Bereich der technologischen Souveränität heißt es, dass "die am weitesten fortgeschrittenen Chips in der Produktion im Jahr 2020 bei 5 nm liegen". Derzeit seien nur TSMC aus Taiwan und Samsung aus Südkorea fähig, solche Strukturen herzustellen. Intel habe seine 7nm-Technologie bis 2022 verzögert, "was die technologische Komplexität der Chipfertigung in solchen Dimensionen verdeutlicht". Eine entsprechende Spitzenfertigungsanlage würde Investitionen von bis zu 20 Milliarden Euro erfordern.

Der Anteil Europas an der Halbleiterindustrie sei im Vergleich zu anderen Regionen klein, ist dem Bericht zu entnehmen. Verglichen mit seinem wirtschaftlichen Gewicht mit fast 23 Prozent des weltweiten Bruttoinlandproduktes betrage der Anteil der EU an den weltweiten Umsätzen für Halbleiterchips insgesamt zwischen 10 und 6 Prozent für die Segmente Computer und Kommunikation. Begrenzte Produktionskapazitäten, hohe Einstiegskosten, das Fehlen gleicher Wettbewerbsbedingungen sowie unterschiedliche Vorschriften in einzelnen Regionen bedrohten die Fähigkeit von EU-Firmen, aus diesem Bereich der digitalen Transformation Kapital zu schlagen.

Angesichts hoher Einstiegskosten, eskalierender Handelsspannungen und Subventionen auf globaler Ebene, der Abhängigkeit von Asien bei der fortschrittlichen Chip-Fertigung und von den USA bei Chipdesign-Werkzeugen "ist die EU-Lieferkette zunehmend verwundbar", schlagen die Autoren Alarm. Europa müsse daher seine eigene industrielle Halbleiterposition stärken, um die Risiken von Handelsunterbrechungen zu minimieren und die Innovation sowie Wettbewerbsfähigkeit in gerade in Anwendungsbereichen wie leistungsfähige und energieeffiziente Datenverarbeitung, Kommunikation sowie Künstliche Intelligenz (KI) zu steigern.

Im Cloud-Sektor machten derweil die Marktposition und die Größe der Hyperscaler Amazon, Google und Microsoft den Eintritt anderer Wettbewerber weniger lohnend und verhinderten den Aufstieg einer europäischen Führungsposition in neuen Segmenten, arbeiten die Verfasser der Studie heraus. Die Cloud-Nutzer hätten in der Praxis eine sehr eingeschränkte oder gar nicht vorhandene Möglichkeit, zwischen verschiedenen Dienstanbietern zu wechseln oder ihre Daten zu portieren. Dabei gebe es große Bedenken gegen die Nutzung ausländischer Cloud-Dienste etwa aus Gründen des Datenschutzes und der Cybersicherheit.

Ob aus den beiden vorgesehenen Allianzen formelle "wichtige Vorhaben von gemeinsamem europäischem Interesse" (IPCEI) werden, zeichnet sich noch nicht ab. Die Kommission will die Bemühungen der Mitgliedstaaten, öffentliche Mittel über diesen Weg zu bündeln, aber unterstützen. Ein solches Förderinstitut besteht bereits für den Sektor Mikroelektronik.

Die Kommission erwägt zudem, eine Allianz für Trägerraketen zu schmieden, "um auf einen weltweit wettbewerbsfähigen, kosteneffizienten und autonomen Zugang der EU zum Weltraum hinzuarbeiten". Ein weiteres Industriebündnis bringt sie für eine emissionsfreie Luftfahrt ins Spiel. Ziel dabei soll es sein, die Marktreife für bahnbrechende Flugzeugkonfigurationen wie Wasserstoff und Elektroantrieb zu gewährleisten und zum europäischen Ziel der Klimaneutralität bis 2050 beizutragen.

Für die Abhängigkeitsanalyse untersuchte die Kommission insgesamt 5200 von der EU importierte Produkte. Davon identifizierte sie 137, von denen die Gemeinschaft "in empfindlichen Ökosystemen" in hohem Maße abhängig sei. Diese beziehen sich auch auf Rohstoffe für die energieintensiven Industrien sowie pharmazeutische Wirkstoffe für die Gesundheitsversorgung, was sich während der Corona-Krise besonders gezeigt habe. Etwa die Hälfte aller dieser Importe stammten aus China, gefolgt von Vietnam und Brasilien.

Weitere Schlussfolgerungen aus der Analyse will die Brüsseler Regierungseinrichtung bald ziehen, um weitere Abhängigkeiten in Schlüsselbereichen zu reduzieren. Der Fokus der zuletzt im vorigen Jahr neu ausgerichteten Industriestrategie liegt dabei auf dem Green Deal und dem digitalen Wandel. Bereits durchblicken ließ die Kommission, dass die EU im Bereich der Normung wieder eine Führungsrolle übernehmen solle. Auf den Weg brachte sie zudem eine Verordnung, um Investitionen aus Drittstaaten besser auf unfaire Subventionen prüfen zu können.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) begrüßte das geplante Update. Damit entstünden gezielte Investitionsanreize in gemeinsamen europäischen Projekte wie der Mikroelektronik und dem Cloud-Projekt Gaia-X "für mehr digitale Souveränität". Der IT-Verband Bitkom sprach von einer wichtigen technologischen Bestandsaufnahme: "Europa kann und muss eine gewichtigere Rolle auf der Weltbühne der Tech-Industrie spielen." Dies hätten weiter schwelenden Handelskonflikte, der Streit um 5G-Netzausrüster und die Lieferengpässe von Chips deutlich gemacht. Die Grünen im EU-Parlament kritisierten, dass die Kommission die Chance verpasst habe, Klimaschutz als Jobmotor Nummer eins zu etablieren.

(bme)