Ingenieure und Informatiker: Ist der Fachkräftemangel Phantasie?

Umbruch im Maschinen- und Fahrzeugbau

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Für Ingenieure im Maschinen- und Fahrzeugbau ist die Situation schwierig. "Beide Branchen sind im Umbruch, unter dem insbesondere der Fahrzeugbau leidet mit seinem weitreichenden Wandel hin zur Elektromobilität", sagt Rauhut. Die aktuelle Situation am Arbeitsmarkt schade dem Image des Berufsstands Ingenieur dennoch nicht.

"Nur weil Studierende nicht gleich zu Beginn ihres Studiums eine Stelle haben, wie noch vor Jahren, deshalb ist der Beruf nicht schlecht", meint Rauhut. Sein Rat an die Arbeitslosen: "Nicht den Kopf in den Sand stecken, weiter bewerben und weiterbilden, am besten in IT." Fahrzeugtechniker werden künftig zwar weniger gebraucht, dafür mehr Ingenieure mit gründlichem IT-Wissen.

Informatiker sind die neuen Ingenieure, sie haben deren Bedeutung und Wichtigkeit auch mengenmäßig übernommen. "In den vergangenen sechs, sieben Jahren wurden mehr Informatiker zusätzlich beschäftigt als Ingenieure", weiß Professor Axel Plünnecke vom IW, Leiter des Kompetenzfelds Bildung, Zuwanderung und Innovation. Es ist ein Trend, dass die Anzahl der Ingenieure langfristig weiter zunimmt, die der Informatiker aber noch stärker steigt. Noch aber gibt es viel mehr Ingenieure als Informatiker, doch mit der Zeit nähern sich diese Berufsgruppen nicht nur mit ihren IT-Kompetenzen, sondern auch in ihrer Anzahl an.

Dass in Deutschland aufgrund der Vielzahl an Ingenieuren ein Schweinezyklus am Arbeitsmarkt droht, verneint Plünnecke. "Der Neubedarf an Ingenieuren ist gering, aber der Ersatzbedarf durch altersbedingt ausscheidende Ingenieure sehr hoch." Insbesondere im Maschinenbau und Metall. Der Schweinezyklus ist ein Arbeitsmarkt-Klassiker: Sind die Berufschancen prächtig, schreiben sich viele Studierenden für ein Fach ein. Einige Jahre später suchen alle zur gleichen Zeit darin einen Job. Wenn sie scheitern, spricht sich das bei Abiturienten schnell herum, die Studierendenzahlen in dem Fach zurück, so entsteht ein ständiges Auf und Ab. Ärzteschwemme und Lehrermangel sind Beispiele dafür.

"Die Demografie ist aktuell der Treiber für die Nachfrage nach Fachkräften", sagt Plünnecke. Bislang hätten Zuwanderung und längere Erwerbstätigkeit über das Rentenalter hinaus gereicht, um die offenen Stellen zu besetzen. Künftig wird das zunehmend schwieriger werden wegen des demografischen Wandels unserer Gesellschaft.

Demografischer Wandel bedeutet für den Arbeitsmarkt, dass sich an der Menge der Nachrückenden nichts ändert, aber viel mehr Personen altersbedingt ausscheiden als nachkommen. "In den kommenden 20 Jahren werden Angebot und Nachfrage nach Ingenieuren um 300.000 Stellen sinken", sagt Gerd Zika, der als Forscher am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, IAB, unter anderem Langzeitstudien betreut. "In denen sehen wir in Ingenieurberufen kein Überangebot und deshalb auch keinen Schweinezyklus."

Die aktuelle Situation für Ingenieure am Arbeitsmarkt stellt für Zika deshalb kein Problem für diese Berufsgruppe dar, sondern sei lediglich eine Momentaufnahme, "in der die Einstellungsbereitschaft aufgrund von Unsicherheit über die Dauer von Pandemie und konjunktureller Krise niedrig ist". Das werde sich schon im nächsten Jahr ändern, denn das IAB geht davon aus, dass die Konjunktur wieder anzieht.

Dann wird es sein, wie davor und Ingenieurmangel herrschen, allerdings mit Verschiebungen innerhalb der Berufsgruppe. So lautet die einhellige Prognose des Trios.

[UPDATE: 2.12.2020, 18:50]

Fehlerhafte Zahlen beim Zuwachs der Ingenieursstudenten wurden korrigiert.

(axk)