Interne E-Mails: Musk überwachte umstrittenes "Autopilot"-Werbevideo persönlich

Ein Werbespot zeigte 2016 ein angeblich selbstfahrendes Model X. Laut internen Dokumenten arbeitete Tesla-Chef Musk mit "absoluter Priorität" selbst daran.

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(Bild: Nadezda Murmakova/Shutterstock)

Von
  • Dr. Stefan Krempl
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Es ist neues Material aufgetaucht, das Tesla-Chef Elon Musk in einem Gerichtsverfahren direkt belastet. Das Verfahren richtet sich gegen den kalifornischen Autobauer wegen eines tödlichen Unfalls des Apple-Entwicklers Wei Huang in einem vom Fahrer nicht gesteuerten Tesla Model X 2018. Der Konzernchef koordinierte demnach persönlich ein Werbevideo aus dem Jahr 2016, in dem das Unternehmen Fähigkeiten des Fahrerassistenzsystems "Autopilot" übertrieben bis falsch darstellte. Dies geht aus internen E-Mails hervor, die der Finanzdienst Bloomberg nach eigenen Angaben einsehen konnte.

Musk steuerte dem Bericht zufolge sogar den entscheidenden Einleitungssatz für den dreieinhalbminütigen Spot bei. In diesem ist bereits die Rede davon, dass das Auto autonom unterwegs sei. Anfang der Woche sagte der leitende Ingenieur Ashok Elluswamy in dem Verfahren aber aus, dass der Tesla nicht selbständig gefahren sei. Vielmehr folgte der Wagen demnach einer vorab festgelegten Route auf einer hochaufgelösten Karte. Das Video sei inszeniert, die Technik etwa noch nicht in der Lage gewesen, auf Ampeln zu reagieren – entgegen dem Versprechen auf der Tonspur.

Parallel zu der Veröffentlichung des Spots am 19. Oktober 2016 erklärte Musk in einem Blogbeitrag auf der Tesla-Webseite, dass alle Fahrzeuge des Konzerns von diesem Tag an mit der Hardware ausgeliefert würden, die für eine autonome Fahrfähigkeit erforderlich sei. In den nun publik gewordenen E-Mails an die Mitarbeiter im gleichen Monat hob der Unternehmer die Bedeutung der geschönten Demo-Tour hervor, um den "Autopiloten" glaubhaft darzustellen und den Tesla-Absatz anzukurbeln.

Am 11. Oktober schickte Musk laut Bloomberg eine E-Mail mit dem Betreff "The Absolute Priority" an das "Autopilot"-Team. Darin setzte er dieses in Kenntnis, dass er seine Pläne für das kommende Wochenende abgesagt habe, um an dem Video mitzuarbeiten. Der 51-Jährige betonte demnach: "Ich möchte nur absolut klarstellen, dass die oberste Priorität für alle darin besteht, eine erstaunliche Autopilot-Demofahrt zu erreichen."

"Da es sich um eine Demonstration handelt, ist es in Ordnung, einiges davon fest einzubauen" beziehungsweise vorab zu programmieren, lautet ein weiteres Zitat. Die entsprechenden Funktionen würden später über ein "Over-the-Air-Update" (OTA) mit produktivem Code ausgefüllt. Musk soll sich an diesem Punkt insbesondere auf den Einsatz der digitalen 3D-Karte bezogen haben. Er gelobte schließlich: "Ich werde der Welt mitteilen, dass das Auto dies tun *wird*, und nicht, dass es dies bei Erhalt tun kann."

Trotzdem ist den E-Mails zu entnehmen, dass Musk selbst das Team bat, das Video mit den Worten einzuleiten: "Die Person auf dem Fahrersitz ist nur aus rechtlichen Gründen da. Sie macht gar nichts. Das Auto fährt selbst." Als der Milliardär den Spot später auf dem mittlerweile von ihm gekauften Dienst Twitter ankündigte, schrieb er: "Tesla fährt selbst (ganz ohne menschliches Eingreifen) durch städtisches Gebiet, über Autobahnen und Straßen und findet dann einen Parkplatz."

Unter der auch hierzulande umstrittenen Bezeichnung "Autopilot" fasst Tesla seit Jahren eine Reihe von Assistenzsystemen zusammen, die aktuell auch die Längs- und Querführung für kurze Zeit übernehmen können. Der Konzern bewirbt die Lösung aber immer wieder mit angeblichen Fähigkeiten zum autonomen Fahren.

Für Musk steht in der Auseinandersetzung ein Teil seiner Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. Immer wieder behauptet er auch, der "Autopilot" werde demnächst die höchste Stufe 5 bei automatisierten Fahrzeugen erreichen. Menschliches Eingreifen wäre dabei nicht mehr erforderlich, das völlig autonome System müsste alle Fahraufgaben dauerhaft übernehmen. Immer wieder hatten sich Kunden darauf verlassen und sich über weite Strecken von ihren Teslas chauffieren lassen – teils mit tragischen Unfällen als Folge.

Auch US-Behörden untersuchen die Anpreisungen Teslas. Im vergangenen Juli beschuldigte das California Department of Motor Vehicles (DMV) das Unternehmen, irreführende Werbeaussagen für seine Systeme zu machen. Außerdem untersucht die National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) mehrere Unfälle im Zusammenhang mit "Autopilot". Die Enthüllungen kommen zudem in einer Zeit, in der Musk mit der Twitter-Übernahme beschäftigt ist und nach einer Sammelklage von Anlegern vor Gericht steht. Hier geht es um seine Tweets vom August 2018 mit der voreiligen Ankündigung, er wolle die Elektroauto-Firma von der Börse nehmen.

(tiw)