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Interview Martin Gommel: Fotograf in der Flüchtlingskrise

Der Fotograf Martin Gommel dokumentiert in schwarzweißen Bildern menschliche Schicksale. Im Interview erklärt er, warum er niemals so arbeiten könnte wie ein Paparazzo und warum er auf ein 40-Millimeter-Objektiv schwört.

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Fotograf Martin Gommel

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Martin, du hast Ende letzten Jahres das von dir gegründete Online-Fotomagazin kwerfeldein verlassen und konzentrierst dich nun ganz auf das Portraitieren von Flüchtlingen. Warum?

Martin Gommel: Weil es das derzeit wichtigste gesellschaftliche Thema ist und ich schon länger ein großes Manko bei der Berichterstattung wahrgenommen habe. Dem will ich eine andere Sichtweise entgegensetzen – als unabhängig agierender Fotojournalist .

Flüchtlingskrise (5 Bilder)

Lesbos
(Bild: Martin Gommel)

Welche Lücke willst du konkret füllen?

Gommel: Die großen Medienhäuser greifen das Thema Geflüchtete als abstraktes Massenphänomen auf. Einzelportraits oder Geschichten über individuelle Schicksale gibt es eigentlich nur, wenn jemand auf seiner Fluchtroute ums Leben gekommen ist. Dass individuelle Schicksale kaum vorkommen, führt dazu, dass gerade nach den Ereignissen an Silvester in Köln nur noch über Obergrenzen diskutiert wird – die Bilder und Geschichten der einzelnen Menschen fehlen.

Was meinst du mit "unabhängig" arbeiten?

Gommel: Die Redaktionen, die ich kontaktiert habe, hatten kein Interesse an meinem Konzept, also habe ich mit martingommel.de meinen eigenen Blog aufgezogen, um meine Bilder zu veröffentlichen.

Angefangen hast du in deiner Heimatstadt Karlsruhe, inzwischen bist du in ganz Europa unterwegs. Wie finanzierst du das gegen?

Gommel: Ich bitte meine Follower auf meiner Website, über Facebook und Twitter um Spenden via Paypal. Das Feedback ist überwiegend positiv, und die Mittel reichen bisher aus. Außerdem habe ich eine tolle Frau, die mich unterstützt, auch und gerade was die Familie angeht.

Wie gehst du bei deiner Berichterstattung vor?

Gommel: Ich will die Geflüchteten und ihre Geschichte kennenlernen. Ich stelle mich vor, spreche eine Weile mit ihnen und frage: Wie geht es dir? Was hat dich zu Flucht bewegt? Was ist dir dabei widerfahren? Und wie ist dir die Flucht schlussendlich gelungen? Dann erzähle ich von meinem Projekt und bitte um ein Interview.

Wie viele willigen ein?

Gommel: Etwa 80 Prozent. Ich würde nie ein Bild machen, ohne vorher zu fragen. Ich bin ja nicht als Paparazzo vor Ort. Mir geht es nicht nur um ein Gesicht, sondern auch um die Geschichte dahinter.

Ist das der Grund, warum Text auf deinem Blog so viel Raum einnimmt?

Gommel: Ja, denn selbst das beste Bild kann keine ganze Lebensgeschichte erzählen, es kann keine Auskunft über die Fluchtroute oder darüber geben, wie lange jemand schon vor Ort ist.