Interview mit Apples Hardware-Technikchefin: Wir sind keine Chip-Firma

Apple drängt Urgesteine wie Intel mit eigenen Chips aus seiner Hardware. Man könne und wolle aber nicht alles selbst machen, so Apple im Gespräch mit Mac & i.

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  • Leo Becker
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M2, A16, S8, H2 – das sind nur einige von Apples hauseigenen Chips und die Liste an "Apple Silicon" wird immer länger. Die Apple-Chips treiben praktisch die komplette Produktpalette des Herstellers an, dazu gehören neben iPhones, iPads, Watches und AirPods seit Kurzem auch die meisten Macs. Das klassische Modell der PC- und Smartphone-Branche hat Apple damit auf den Kopf gestellt, schließlich behält der Konzern die Chips für sich.

Neuland ist Apples Chipentwicklung nicht: Die Grundlage legte das Unternehmen noch unter Steve Jobs mit der Übernahme des Start-ups P.A. Semi im Jahr 2008, das sich auf hocheffiziente PowerPC-Prozessoren spezialisiert hatte. Der Aufbau von Chipexpertise benötige viel Zeit, betonte Apples Hardware-Technikchefin Hope Giles im Gespräch mit Mac & i. "Das passiert nicht einfach über Nacht".

Apple habe früh damit begonnen, die Chips als eine gemeinsame "Plattform sowie als Bausteine" zu betrachten, um sie schrittweise für verschiedene Produktkategorien auszulegen, angefangen beim Smartphone über Tablets und Smartwatches bis zu Notebooks und Desktop-Macs. Jedes der Geräte unterliegt etwa in Hinblick auf Größe und Form unterschiedlichen Einschränkungen, die beim Design-Prozess der Chips Berücksichtigung finden sollen. "Wir können jeweils Entscheidungen für ein Produkt treffen, etwa ob wir weniger GPU-Kerne, mehr CPU-Kerne und vielleicht weniger Strom benötigen. Oder wir reduzieren die Bandbreite, sodass letztlich jeder Chip für die jeweilige Gehäuseform optimiert ist", erklärte Hope unter Verweis auf das lüfterlose MacBook Air. "Die Liste mit Zutaten, aus der wir wählen können, hat sich dramatisch vergrößert", ergänzte Apple-Produktmarketingchef Bob Borchers.

Bis heute geblieben ist bei Apple ein "manischer Fokus auf Performance per Watt", so Borchers, das "zahlt sich in vielerlei Hinsicht aus". Energieeffizienz ermögliche es aber nicht nur, mehr Leistung und längere Akkulaufzeiten auch aus kompakten Geräten herauszukitzeln, sondern sorge letztlich durch geringeren Stromverbrauch für mehr Nachhaltigkeit. "Ich glaube, Leute sehen diesen Zusammenhang manchmal nicht", so Borchers. Pure Leistung allein stehe deshalb nicht im Mittelpunkt: "Wir designen unsere Chips nicht für Benchmarks", so Hope – man schaue zwar auf Benchmarks, aber sie erzählen "nicht die ganze Geschichte".

Die hauseigenen Systems-on-Chip (SoCs) und Systems-in-Package (SIP) sind für Apple nicht zuletzt ein klarer Wettbewerbsvorteil. Das ist auch Konkurrenten wie Microsoft und Google bewusst. Im Unterschied zu Apple können die Betriebssystemhersteller ihre Hardware-Partner aber nur schwer verprellen und müssen entsprechend vorsichtig agieren. Dennoch baut Microsoft offenbar ein eigenes Prozessor-Team für die Surface-Hardware auf. Google steckt in das jüngste Pixel-Smartphone ein eigenes Tensor-SoC, das auf maschinelles Lernen hin optimiert ist.

Die Neural Engine ist Teil von Apples A- und M-Chips – hier im M1.

Dieser Bereich nimmt in Gestalt der "Neural Engine" längst auch auf Apples SoCs eine immer größere Rolle ein und kommt etwa für Rechenaufgaben rund um computergestützte Fotografie und Bildanalyse zum Einsatz.

Die Neural Engine sei eine "Investition in die Zukunft" und erlaube es, möglichst viele Berechnungen lokal auf den Geräten auszuführen. "Eine der großen Herausforderungen von maschinellem Lernen ist, dass die Modelle sehr groß und rechenintensiv sind, so können aber mehr und mehr Daten auf dem Gerät bleiben", so Borchers. Damit komme Apple seiner Verpflichtung zu mehr Datenschutz nach.

Nach wie vor greift Apple für wichtige Chips auch auf Dritthersteller zurück: Der im November startende Satellitennotruf von iPhone 14 und 14 Pro nutzt das integrierte X65-Modem von Qualcomm. Die Hardware sei nur ein kleiner Teil eines solchen Dienstes, schränkte Borchers ein. Apple habe eigene Software entwickelt, die Nutzern hilft, das iPhone zur Übermittlung einer Notruf-SMS auf einen Satelliten auszurichten. Da viele Notrufzentralen in den USA nicht auf SMS ausgelegt sind, müsse Apple zudem dafür sorgen, dass die per Satellit abgesetzten Notrufe weitergeleitet werden. Um solche Dienste umzusetzen und sicherzustellen, dass es sich nicht nur um ein "Gimmick" handelt, arbeite man mit einem "Ökosystem an externen Partnern" zusammen, pflichtete Hope bei.

MacBook Air M1 und M2 kommen ohne Lüfter aus.

Zugleich wandert bei Apple "immer mehr Technik unter das eigene Dach", wie Hope einräumt. "Wir schauen, wo wir uns abheben können und welche Chips wir nirgendwo anders bekommen". Prominentestes Opfer der Strategie ist das Chip-Urgestein Intel: 14 Jahre nach dem großen Mac-Switch auf x86-Prozessoren hat Apple 2020 damit begonnen, sie durch eigene M-Chips zu ersetzen. Herausgekommen sind dabei etwa deutlich schnellere und länger laufenden MacBooks. Allein der Profi-Tower Mac Pro verharrt noch auf Intels Xeon-Prozessoren, auch er soll aber auf die ARM-basierten Chips umsatteln. Mit Apples 2019 abgewickeltem Aufkauf von Intels Modem-Sparte zeichnet sich bereits ab, dass das Unternehmen auch an einem eigenen Baseband interessiert ist. Apple-Zulieferer Qualcomm prognostizierte bereits öffentlich den Verlust eines Großteils des iPhone-Geschäftes ab 2023.

"Wir wollen aber gar nicht alles selbst machen", beschwichtigte Hope im Gespräch. "Wir können viele Sachen selbst machen, aber wir kennen auch die Grenzen dessen, das für uns Sinn ergibt". Wo diese Grenzen liegen, weiß aber nur Apple selbst – und behält es wie üblich auch für sich. Als Chip-Firma möchte das Unternehmen jedenfalls nicht gesehen werden: Das Silizium bilde zwar das "Herzstück", Apple bleibe aber eine Produktfirma.

  • Ausführliche Tests der neuen Apple-Hardware und über 60 Praxistipps zu macOS 13, iOS 16 und watchOS 9 lesen Sie in Mac & i 5/2022. Die neue Ausgabe erscheint am 6. Oktober.

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(lbe)