Israels Armee setzt Gesichtserkennung gegenüber Palästinensern ein

Medienberichten zufolge setzt die israelische Armee Gesichtserkennungssoftware ein, um Palästinenser zu überwachen. Das haben ehemalige Soldaten enthüllt.

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(Bild: Scharfsinn/Shutterstock.com)

Von
  • Andreas Knobloch

Das israelische Militär hat ein umfangreiches Gesichtserkennungsprogramm eingesetzt, um Palästinenser im israelisch besetzten Westjordanland zu überwachen. Ehemalige israelische Soldaten berichteten von einer Smartphone-Technologie namens "Blue Wolf", die Fotos von Palästinensern aufnimmt und in einer großen Datenbank speichert. Sobald ein Bild aufgenommen wird, gleicht Blue Wolf dieses Bild mit Personen in seiner Datenbank ab. Die Mobiltelefone der Soldaten blinken dann in einer bestimmten Farbe, die anzeigt, ob diese Person verhaftet, festgehalten oder ungestört gelassen werden sollte. Das schreibt die US-Tageszeitung Washington Post am Montag.

Die Gesamtzahl der fotografierten Personen ist unklar, der Zeitung zufolge aber hat die israelische Armee die Datenbank in den letzten zwei Jahren mit Tausenden Bildern von Palästinensern gefüllt und sogar "Wettbewerbe" veranstaltet, bei denen Soldaten für die meisten Fotos von Personen belohnt wurden. Die Datenbank ist im Grunde ein "Facebook für Palästinenser", so ein ehemaliger Soldat gegenüber der Washington Post. In der Stadt Hebron im Westjordanland hat das israelische Militär demnach außerdem Kameras aufgestellt, die die Gesichter von Palästinensern scannen und sie für die Soldaten an den Kontrollpunkten identifizieren. Ein breiteres Netz von Überwachungskameras, das als "Hebron Smart City" bezeichnet wird, ermöglicht die Echtzeitüberwachung der Stadtbevölkerung und kann, so der Ex-Soldat, manchmal auch in Privathäuser hineinsehen.

Der Washington Post zufolge wurde den ehemaligen Soldaten von ihren Vorgesetzten gesagt, dass das Überwachungssystem zur Terrorismusprävention eingerichtet wurde. Das Programm zeigt aber auch, wie Überwachungstechnologien, die in westlichen Demokratien heiß diskutiert werden, hinter den Kulissen bereits dort eingesetzt werden, wo die Menschen weniger Freiheiten haben. Hebron ist seit langem Schauplatz von Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern. Ein großer Teil der Stadt wird direkt vom israelischen Militär verwaltet, das Ausgangssperren und andere Beschränkungen für die Bevölkerung durchsetzt. Doch selbst im Zusammenhang mit den extremen Sicherheitsmaßnahmen fanden die ehemaligen Soldaten, die mit der Washington Post sprachen, das Gesichtserkennungssystem beunruhigend. "Ich würde mich nicht wohl fühlen, wenn sie es in einem Einkaufszentrum in [meiner Heimatstadt] einsetzen würden, um es mal so auszudrücken", sagte einer der Ex-Soldaten. "Die Leute machen sich Sorgen über Fingerabdrücke, aber das hier ist ein Vielfaches davon."

In anderen Ländern wurde bereits eine Reihe ähnlicher Systeme eingeführt, die alle umstritten sind. China hat ein ähnliches Gesichtserkennungssystem entwickelt, um die uigurische Minderheit zu überwachen. Allerdings ist unklar, wie weit das System eingesetzt wurde. In der Moskauer U-Bahn wiederum ist das Bezahlen per Gesichtserkennung möglich. Hunderte von U-Bahn-Stationen wurden dort mit Gesichtserkennungssystemen ausgestattet. Im Vereinigten Königreich wurde ein ähnliches System zur Bezahlung des Mittagessens von Schulkindern eingeführt, bei dem das Gesicht gescannt wird. Das EU-Parlament dagegen fordert das Aus für biometrische Massenüberwachung und Social Scoring. Eine biometrische Identifikation von Personen im öffentlichen Raum aus der Ferne etwa durch Videoüberwachung mit automatisierter Gesichtserkennung und andere biometrische Verfahren soll Strafverfolgern in der EU demnach nicht erlaubt werden.

(akn)