Jede 4. Firma Österreichs sieht keinen Nutzen in Digitalisierung

Covid19 beschleunigt die Digitalisierung der österreichischen Wirtschaft nur leicht. Zudem erwartet die Mehrheit der Firmen, dass die Neuerungen nicht bleiben.

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Zwei Frauen haben in einem Konferenzraum eine Besprechung, einen hat einen offenen Laptop; im Vorderung steht eine Schale Erdäpfelchips

Könnten sich diese Kolleginnen genausogut vom Homeoffice mittels Telekommunikation austauschen?

(Bild: CIRA/.CA domains)

Von
  • Daniel AJ Sokolov

"Überrascht, fast schockiert, dass jedes vierte Unternehmen mit Digitalisierung nichts anfangen kann" ist Rudolf Schrefl, CEO des österreichischen Netzbetreibers Drei Austria. Die Erkenntnis entstammt dem fünften österreichischen Digitalisierungsindex, den Strategieberater Arthur D. Little (ADL) Austria und Marktforscher Marketmind im Auftrag Dreis erhoben und am Donnerstag in Wien präsentiert haben.

Unstrittig ist, dass die Covid19-Pandemie viele digitale Neuerungen gebracht hat. Dazu gehören beispielsweise neue Wege digitaler Kundenakquise, mehr Verfahren ohne persönlichen Kontakt und mehr Heimarbeitsplätze (neudeutsch Home Office genannt). Allerdings glauben nur 41 Prozent der befragten Unternehmen, dass die digitale Transformation in Zukunft bestehen bleibt.

Dabei zeigt sich ein erhebliches Gefälle zwischen kleinen und großen Betrieben. Bei Ein-Personen-Unternehmen liegt der Wert bei 36 Prozent, bei unter zehn Beschäftigten sind es 45 Prozent – erst bei größeren Firmen glaubt eine Mehrheit, dass die digitale Transformation gekommen ist, zu bleiben. Doch selbst bei Unternehmen mit über hundert Beschäftigten sind das nur 72 Prozent.

Zumindest bei den Heimarbeitsplätzen spiegelt sich diese Einstellung bereits wieder: Während der Anteil großer Unternehmen, die Heimarbeitsplätze anbieten, in einem Jahr um sechs Prozentpunkte auf 81 Prozent gestiegen ist, zeigt sich im gesamtösterreichischen Durchschnitt ein Rückgang um vier Prozentpunkte auf nur noch 38 Prozent. Unterdessen wird in Deutschland bereits über ein Recht auf Homeoffice diskutiert.

Gleichzeitig passen mehr Unternehmen in Österreich ihre eigene Immobiliensituation an: Der Anteil jener Firmen, die von fix zugeteilten Schreibtischen auf flexibel geteilte Arbeitsstellen umgestellt haben, hat sich von vier auf neun Prozent mehr als verdoppelt. Und mehr als sechs Prozent teilen ihre Arbeitsbereiche inzwischen sogar mit anderen Betrieben.

Für Auftraggeber Drei selbst berichtete CEO Schrefl, dass seine Mitarbeiter zwei Tage die Woche im im Büro sein müssen, wo es flexibel nutzbare Schreibtische gibt. Wer möchte, kann den Rest von zu Hause aus arbeiten: "Das ist ein Prozess, bei dem man sich an die Bedürfnisse der Kollegen anpassen muss." Bei kleinen und mittleren österreichischen Unternehmen habe es hingegen nach dem Ende der Corona-Lockdowns häufig den Reflex gegeben, dass "jetzt alle wieder zurück ins Büro" kommen sollen.

Für bestimmte Kreativprozesse und zur Stärkung der Unternehmenskultur sei gemeinsam loziertes Arbeiten durchaus hilfreich, stellte Schrefl fest. Doch generell wäre es hilfreich, brächten Führungskräfte ihren Mitarbeitern mehr Vertrauen entgegen. Es gelte, das Ergebnisse ihrer Arbeit zu überprüfen, anstatt den Weg dorthin zu überwachen. "Mein Appell an die Unternehmen ist: Mehr Zutrauen und mehr Vertrauen", sagte Schrefl.

Die Umfrage blickt bei digitaler Transformation auf Betriebsabläufe und Beschaffung, Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnik (IKT), sowie die Digitalisierung von Kundenbeziehungen, Arbeitsplätzen und Produkten respektive Dienstleistungen. Jene österreichischen Firmen, die in digitale Transformation investieren, erwarten sich davon vor allem Kostenersparnis (45%, speziell in Finanzbranchen) und Gewinnung neuer Kunden (42%, speziell bei Gastronomie, Beherbergung und Kunst). Karim Taga, Managing Partner bei ADL, berichtete, dass diese Reihenfolge vor einem Jahr noch umgekehrt war.

Links Karim Taga, Managing Partner Arthur D. Little Austria, rechts Rudolf Schrefl, CEO Drei Austria, bei der gemeinsamen Pressekonferenz in Wien

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

Auf den Plätzen folgen die Hoffnung auf mehr Agilität und Flexibilität, stärkere Kundenbindung sowie neue Einnahmequellen. 25 Prozent der Unternehmen haben angegeben, in der Digitalisierung keine Chancen zu erkennen. Besonders ausgeprägt ist diese Einstellung bei Land- und Forstwirten, im Bergbau, sowie in den Wirtschaftsbereichen Energie, Wasser und Abfall.

Zudem berichtete Taga, dass 56 Prozent jener Firmen, die bereits in Digitalisierung investiert haben, nicht angeben konnten, welche Wettbewerbsvorteile sie dadurch haben. (Drei Prozent gaben an, keinen Wettbewerbsvorteil ergattert zu haben, zwei Prozent sahen keinen Unterschied zum Mitbewerb.)

Für mehr Nachhaltigkeit hat ein Drittel in Digitalisierung investiert. Immerhin 73 Prozent denken, dass Digitalisierung Nachhaltigkeit fördert, beispielsweise durch Vermeidung von Wegen, effizientere Prozesse, bessere Kommunikation oder Einsparung von Ressourcen wie Papier und Energie. Die restlichen 27 Prozent denken hingegen, dass Digitalisierung Nachhaltigkeit behindert. Diese Ansicht ist insbesondere bei noch wenig digitalisierten Betrieben sowie kleineren Unternehmen verbreitet.

Für IKT-Anbieter gibt es die gute Nachricht, dass 24 Prozent aller österreichischen Unternehmen planen, in den nächsten zwölf Monaten in Online-Präsenzen, mobilen Datenzugriff, Online-Konferenzen, IT-Sicherheit, Buchhaltungssoftware und/oder Auslagerung von IT-Anwendungen zu investieren. Angesichts der kritischen Lage bei IT-Sicherheit ist eine Investitionsabsicht bei 24 Prozent der Firmen zwar wenig, doch vor einem Jahr waren es gerade einmal 18 Prozent.

Mastermind und ADL haben von Mitte April bis Mitte Mai Telko-Entscheider und Mitentscheider aus 805 Unternehmen aus ganz Österreich telefonisch befragt. Sie wurden repräsentativ nach Unternehmensgröße, Region und Branche ausgewählt.

(ds)