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Jolla: Sailfish OS 4 mit isolierten Apps und Android 9-Support

Leszek Lesner

Sailfish 4 "Koli" ist nach einem finnischen Berg benannt.

(Bild: Jolla)

Mit der neusten Version ihres Mobilbetriebssystems gleicht Jolla dessen Bedienung immer mehr an Android an. Das erste Jolla Phone bekommt erstmals kein Update.

Das Mobilbetriebssystem Sailfish OS der finnischen Firma Jolla ist in Version 4.0 unter dem Codenamen "Koli" erschienen. Es bringt ein neues Benachrichtigungssystem sowie eine aktualisierte Browser-Engine mit und sperrt Apps in einer Sandbox ein. Der Android-App-Support startet jetzt auch Android-9-Apps. Mit Sailfish 4 gibt es erstmals kein Update für das erste Jolla Phone und Jolla hat dessen Support eingestellt.

Sailfish-Apps sind endlich in einer Sandbox eingesperrt, aber der Zugriff auf geschützte Schnittstellen kann nur ganz oder gar nicht erteilt werden.

Sailfish 4 bringt endlich eine App-Isolierung mit, wie sie in Android und iOS schon lange gang und gäbe ist. Apps dürfen erst auf Bilder, Internet, Kontakte oder andere Schnittstellen zugreifen, wenn die Nutzer ihnen die Zugriffsrechte dafür erteilen. In der jetzigen Implementierung wird die App-Isolierung nur für die von Jolla herausgegebenen Apps verwendet und ist recht primitiv umgesetzt: Fragt eine App beim Start nach Zugriffsrechten, können diese nur gesammelt, angenommen oder abgelehnt werden. Anders als bei Android und iOS sind gezielte Berechtigungen oder deren partieller Entzug nicht möglich. Erhalten Apps nicht alle angeforderten Rechte, starten diese nicht. Das erinnert an sehr frühe Android-Versionen. Nützlich ist die Übersicht aller Zugriffsrechte mit kurzer Erklärung, die man in dem globalen Einstellungsmenü für die jeweilige App findet.

Jolla aktualisiert die Unterstützung für Android-Apps auf Android API Level 28, sodass für Android 9 entwickelte Apps prinzipiell auch unter Sailfish 4 starten. Das gilt aber nur, wenn Sailfish 4 auf einem Sony Xperia XA2 oder Xperia 10 installiert ist. Dort sorgt das Update für mehr Kompatibilität mit aktuellen Apps, so wie etwa der Humble Bundle App, die nun gekaufte Spiele oder Bücher anzeigt und zur Installation anbietet. Die Android-Apps harmonieren auch mit dem neuen Benachrichtigungssystem. Laut eigenen Angaben arbeitet Jolla bereits an der Unterstützung von Android-10-Apps.

Die Jolla-Entwickler haben für Sailfish 4 das Benachrichtigungssystem überarbeitet. Die farblich deutlicher hervorgehobenen Benachrichtigungen werden nun am oberen Bildschirmrand über die ganze Breite des Bildschirms angezeigt. Bei einer ankommenden Nachricht wird zunächst nur der Titel angezeigt. Durch das Antippen auf den rechts angebrachten Pfeil erscheint die gesamte Benachrichtigung. Es gibt Aktionsknöpfe für den schnellen Aufruf von Funktionen, um beispielsweise Bildschirmfotos zu editieren und zu teilen. Die neuen Benachrichtigungen mit dem Schnellzugriff sind praktisch und ähneln jenen unter Android. Kein Wunder, dass die Aktionsknöpfe auch mit unter Sailfish 4 installierten Android-Apps funktionieren.

Benachrichtigungen enthalten jetzt Buttons, aus denen man schnell eine Aktion aufrufen kann.

In der Ereignisansicht werden die Benachrichtigungen in neuen Kategorien angezeigt, was für eine kompaktere und klare Übersicht sorgt und die Bedienung vereinfacht. Außerdem zeigt die Ansicht das aktuelle Wetter, Termine und Twitter- oder Facebook-Feeds an, soweit diese eingerichtet sind. Neu hinzugekommen ist die Option, die Ereignisansicht auch vom Sperrbildschirm aufzurufen. Längeres Antippen und Halten auf eine Benachrichtigung startet einen Bearbeitungsmodus, in dem sich per Wisch ähnlich wie bei Android die Einträge entfernen lassen. Mit einem separaten Button löscht man alle Benachrichtigungen auf einmal. Das bisher für Sailfish OS typische Pulldown-Menü entfällt. Dies dürfte nicht allen Nutzern gefallen, da Jolla hier sein besonderes Bedienkonzept verlässt und die Bedienung immer stärker Android ähnelt.

Die Ereignisansicht mit den Benachrichtigungen: Links die alte Variante aus Sailfish OS 3.4, rechts das überarbeitete Layout mit den neuen Überschriften.

Jolla aktualisiert, wie bereits mit Sailfish OS 3.4 [1] begonnen, abermals die Engine des Webbrowsers, der jetzt mit “Gecko“ Version 60 arbeitet. Selbst diese Version ist bereits vor fast drei Jahren erschienen und damit veraltet. Dennoch führt das zu höheren Ladegeschwindigkeiten und Kompatibilität mit aktuellen Webseiten. Außerdem verfügt der Browser jetzt auch über längst gängige Sicherheitsfeatures wie das Blocken von Popups oder Cookies. Webseiten wie OpenStreetMaps kann man nun Zugriff auf die aktuellen Standortdaten gewähren, aber der Zugriff auf Kamera und Mikrofon fehlen weiterhin. Daher lässt sich ein Videochat im Browser, etwa über Jitsi, nicht verwenden.

Im Browser lassen sich Cookies und Popups blockieren und der Zugriff auf Standortdaten gewähren.

Die neue Lesezeichenverwaltung ist übersichtlicher und verfügt über eine Suchfunktion. Erstmals kann man den Browserverlauf anzeigen lassen und einzelne Webseiten daraus löschen. Webseiten lassen sich als PDF abspeichern. Die Einstellungen des Browsers öffnet man an Ort und Stelle statt wie bisher umständlich über die systemweite Einstellungen-App.

Über das Browsermenü ruft man Lesezeichen, Verlauf und Einstellungen auf oder speichert die geöffnete Webseite als PDF ab.

In dieser Einstellungen-App haben die Entwickler Systemfunktionen, Apps und Konten in Reitern voneinander getrennt, wodurch man schneller die gewünschte Einstellung findet. Für VPN-Verbindungen kann man festlegen, dass diese automatisch während des Systemstarts aufgebaut werden.

Auch andere Sailfish-Apps hat Jolla überarbeitet. Auf Wunsch scannt die Kamera-App QR-Codes und zeigt den darin hinterlegten Text an. Diese Funktion muss man aber erst in den Einstellungen aktivieren. Im Kalender kann man für Termine Zeitzonen festlegen und dieser zeigt bei Synchronisierungsproblemen eine deutliche Warnung an. In der E-Mail App ist JavaScript endlich standardmäßig deaktiviert, was für mehr Sicherheit beim Lesen von HTML-Mails sorgt.

Mit Sailfish OS 4.0 stellt Jolla nach 7 Jahren die Unterstützung für ihr erstes Smartphone ein. Das Ende 2013 erschienene Smartphone [2] kam mit einem Dual-Core Snapdragon 400 Prozessor mit 1GB RAM und innovativen "The Other Half"-Hardwaremodul-Konzept. Von der Community wurden dafür zum Beispiel Zusatz-Akku, Solarladetechnik oder Tastatur entwickelt. Jolla zog sich Ende 2015 von der Hardwareentwicklung zurück, nachdem ein mit Crowdfunding finanziertes Tablet nicht an alle Unterstützer ausgeliefert [3] werden konnte und die Firma in finanzielle Schwierigkeiten brachte.

Jolla bietet Sailfish OS 4 als kostenlose Community-Version für die Geräte Jolla C, Jolla Tablet, GeminiPDA, sowie Sony Xperia XA2 und Xperia 10 Serie an. Die Laufzeitumgebung für Android-Apps ist aber nur in der kostenpflichtigen Variante Sailfish X für die Sony-Modelle enthalten und kostet einmalig 49,90 Euro. Wer mehr über Sailfish OS und insbesondere die neue Version erfahren möchte, findet weitere Informationen in Jollas Blogeintrag zu Sailfish OS 4 [4].

(ktn [5])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-5057956

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/news/Jolla-Sailfish-OS-3-4-Mehrbenutzerbetrieb-und-Updates-fuer-Browser-sowie-E-Mail-4929470.html
[2] https://www.heise.de/meldung/Erstes-Smartphone-mit-Sailfish-OS-1866099.html
[3] https://www.heise.de/meldung/Jolla-Viele-Entlassungen-und-unsichere-Zukunft-des-Tablets-3008831.html
[4] https://blog.jolla.com/koli/
[5] mailto:ktn@heise.de