KI analysiert 100.000 Studien: Klimawandel trifft schon 85 Prozent der Menschen

Ein Algorithmus hat über 100.000 wissenschaftliche Studien dahin gehend analysiert, ob sie Folgen des Klimawandels aufzeigen. Das Ergebnis ist eindeutig.

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Monreal in der Eifel im Juli 2021

(Bild: M. Volk/Shutterstock.com)

Von
  • Martin Holland

Der Klimawandel hat bereits jetzt wissenschaftlich dokumentierte Folgen auf mindestens 80 Prozent der Landfläche der Erde und für mindestens 85 Prozent der Menschheit. Das ist das Ergebnis einer KI-gestützten Analyse von 100.000 empirischen wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die das dafür verantwortliche Team nun vorstellt. "Das Ergebnis ist ein umfassendes, globales Bild der bisherigen Auswirkungen des vom Menschen verursachten Klimawandels", fassen sie ihre Arbeit nun zusammen. Dafür hat der genutzte Algorithmus aus den wissenschaftlichen Arbeiten den verantwortlichen Klimatreiber extrahiert, sowie die geografische Lage. Daraus habe man eine Weltkarte erstellen können, die räumlich hochaufgelöst individuelle Folgen des Klimawandels zusammenfasst.

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Die Gruppe um Max Callaghan vom Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change in Berlin sieht ihre Arbeit als eine Möglichkeit, im "Zeitalter von Big Literature" einen Überblick zu behalten. Basierend auf dem Begriff "Big Data" umschreiben sie damit den Zustand, dass die Forschung längst viel zu viele Daten und Erkenntnisse liefert, um als Mensch noch die Übersicht zu behalten. So wachse die Zahl der klimawissenschaftlichen Literatur exponentiell und die Zahl der Studien über Klimafolgen habe sich seit 1990 verhundertfacht. Der Rückgriff auf KI-Technik erscheint da folgerichtig. Ihr Algorithmus hat deswegen automatisch über 100.000 wissenschaftliche Paper mit Beobachtungsdaten etwa zu Temperaturveränderungen und Niederschlägen zusammengeführt. Das Ergebnis stellen sie im Fachmagazin Nature Climate Change vor.

In den automatisiert ausgewerteten Studien geht es um so verschiedenartige Themen wie die Wanderung von Schmetterlingen, Hitzetote und Veränderungen der Waldfläche, erklärt das Team der Nachrichtenagentur AFP. Nur selten würden in den Studien selbst Bezüge zum Klimawandel hergestellt, die hätten sich dann erst durch ihre Arbeit ergeben. Außerdem habe der Algorithmus aufgezeigt, dass aus Ländern mit niedrigem Einkommen weniger belastbare Nachweise für den Klimawandel kommen. Dabei würden die gesammelten Daten zu Temperaturen und Niederschlägen auch dort eine deutliche Sprache sprechen. Zwar seien diese Gebiete – vor allem in Afrika – vom Klimawandel besonders stark betroffen, aber es gebe viele blinde Flecken. Das Team nennt das Zurechnungslücke und warnt vor konkreten Konsequenzen für die Planung von Gegenmaßnahmen vor Ort.

Insgesamt lasse die KI-gestützte Metastudie keinen Zweifel daran, "dass die Klimakrise bereits fast überall auf der Welt zu spüren ist", meint Callaghan. Das sei wissenschaftlich umfassend dokumentiert, wie die Untersuchung bestätige, nur könne eben kein einzelner Mensch mehr den Überblick haben. Ihre Arbeit ist deswegen nicht nur eine weitere Bestätigung der Folgen des menschengemachten Klimawandels, sondern auch ein Ansatz für den Umgang mit der enormen Geschwindigkeit der Forschung. Während man für den ersten Klimabericht der Vereinten Nationen noch alle wissenschaftlich relevanten Studien habe lesen können, sei das heute schlicht nicht mehr möglich. So habe es zwischen 1951 und 1990 etwa 1500 relevante Studien gegeben, in den vergangenen fünf Jahren allein aber zwischen 75.000 und 85.000. Eine KI können die Analyse durch Menschen zwar nicht ersetzen, aber entscheidende Hilfe leisten.

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(mho)