Kampf gegen Lichtverschmutzung: Fulda und die Rhön sind Vorreiter

Viel und falsch eingesetztes Kunstlicht kann nachts zur Lichtverschmutzung führen. In Osthessen sagt man der Lichtverschmutzung den Kampf an.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 86 Beiträge

(Bild: jamesteohart/Shutterstock.com)

Von

Lichtverschmutzung wird vor allem aus der Vogelperspektive sichtbar. Sabine Frank veranschaulicht das gern mit aus einem Flugzeug aufgenommenen Bildern. Darauf sind größere Städte auch in der Dunkelheit wegen der vielen Lichtquellen deutlich zu erkennen. Wie helle Adern zeichnen sich Straßen und Siedlungen, vor allem aber Gewerbegebiete ab. Was für manch einen von oben ein Hingucker sein mag, ist für Frank am Boden der Tatsachen einfach scheußlich. Sie mag es gern natürlicher, das heißt dunkler. Wenn etwa die Pauluspromenade neben dem Fuldaer Dom spätabends nur von so viel wie nötig, vor allem weichem und klug gelenktem Licht erhellt wird, strahlt die vom Naturschutz-Gedanken beseelte Hüterin der Nacht zufrieden.

Umweltschützerin Sabine Frank (49) ist beim Landkreis Fulda angestellt und kümmert sich dort mit viel Verve um das Thema Lichtverschmutzung und den Sternenpark. Weil sie in Osthessen besonders vorbildlich damit umgehen, ist das Biosphärenreservat (BR) Rhön 2014 zum Sternenpark und Fulda Anfang 2019 als Sternenstadt von einer Fachorganisation aus den USA ausgezeichnet worden. "Sternenpark und Sternenstadt in einer Region – das ist weltweit einmalig", sagt Frank. Auch für andere Kommunen in Deutschland nehmen Fulda und Osthessen eine Vorreiterrolle an. Allein in Hessen hätten bereits Darmstadt, Rüsselsheim, Eschborn, Gelnhausen, Schlitz und andere Kommunen Interesse am Fuldaer Umgang mit Lichtverschmutzung gezeigt, berichtet Frank.

Lichtverschmutzung bezeichnet die Aufhellung des Nachthimmels durch künstliche Leuchtquellen, deren Licht in die Atmosphäre strahlt. Die Dunkelheit wird mit Kunstlicht überlagert und "verschmutzt" - dadurch sind weniger Sterne am Himmel zu sehen. Zudem schadet es der Tier- und Pflanzenwelt. Und Menschen können auch betroffen sein. Verursacht wird Lichtverschmutzung zum Beispiel durch Straßenlaternen, Werbeflächen, Schaufenster, erhellte und angestrahlte Gebäude und Anlagen, Bushaltestellen und Grünflächen. Mit Licht sorgsam umzugehen, ist aber nicht etwa ein romantischer Öko-Spleen. Es ist ein Beitrag zum Schutz vor dem Klimawandel und sorgt für eine Reihe positiver Effekte. Wärmeres und besser gelenktes Licht bedeuten weniger Beeinträchtigung für Mensch und Tier, einen freien Blick auf den Nachthimmel und schont den Geldbeutel der Kommunen. Die Stadt Fulda hat mit dem regionalen Energieversorger Tausende Leuchten in der Stadt und Region mit stromsparenden LED-Leuchten umgerüstet.

Der Energieversorger hat Frank zufolge auch eine deutschlandweit einmalige Muster-Leuchten-Straße auf seinem Werksgelände in Fulda eingerichtet. Dort reihen sich mehr als ein Dutzend Laternen mit unterschiedlichen Leuchttechniken und -mitteln aneinander. Darunter sind welche mit umweltverträglichem orangefarbenem Licht und welche mit grell blendend weißem Licht. Was vorteilhafter ist, zeigt Frank mit einem Spektrographen, einem Gerät zur Messung des Lichtspektrums. Damit wird ermittelt, wie hoch der – etwa für Insekten schädliche – Blauanteil im Licht ist. "Wir hatten schon zahlreiche Gäste aus dem In- und Ausland, die sich auf der Muster-Leuchten-Straße einen Eindruck verschafft haben, wie sich grelles und falsch gelenktes Licht auswirkt", berichtet Frank.

Viele Kommunen in Osthessen unterstützen das Konzept zur Reduzierung von Lichtverschmutzung. Bilder aus dem osthessischen Silges etwa zeigen das besonders gut. Doch bis Städte und Gemeinden mitziehen, bedarf es noch Überzeugungsarbeit. Vor allem auch bei Firmenbesitzern, die ihre Gebäude und Anlagen oftmals auch nachts gleißend hell in Szene setzen. "Völlig überflüssig und für mich als halbe Schwäbin auch Geldverschwendung", meint Frank.

Auch Hausbesitzer dekorieren Grundstück und Garten nicht selten mit allerhand (überflüssigen) Lichtern, die nicht nur Gartenbewohnern, Bäumen und Pflanzen, sondern auch dem sozialen Frieden schaden können. Frank berichtet: "Ich habe immer wieder Beschwerden von Leuten auf dem Tisch liegen, deren Nachbarn rücksichtslos Licht machen und damit die Nachbarschaft terrorisieren. Licht ist ja auch ein Störfaktor für Menschen." Licht ist im Bundesimmissionsschutzgesetz als Umwelteinwirkung definiert. "Kann genauso schädlich sein wie Lärm und Gestank", erklärt Frank. Eine Übersicht gibt eine Lichtverschmutzungskarte.

Um Inhaber von Gewerbeflächen und Privatgrundstücken zu informieren, zu sensibilisieren und bestenfalls zum Umdenken zu bringen, hat Frank mit Unterstützern Planungshilfen für verschiedene Zielgruppen erstellt. Dort wird erläutert wie umweltverträgliche Beleuchtung von öffentlichen Straßen, Wegen, und Parkplätzen, Häusern und Gärten, Arbeitsstätten, Parkplätzen und Werbeanlagen sowie Sportstätten aussehen kann. Auch das Umweltministerium in Wiesbaden ist schon auf die Initiativen aufmerksam geworden und hat den Ball aufgenommen. Ministerin Priska Hinz (Grüne) sagte: "Wir wollen die überbordende Lichtverschmutzung eindämmen und damit einen Beitrag zum Schutz und Erhalt der Artenvielfalt leisten."

Doch allein unter der Prämisse der Freiwilligkeit die Vision einer allumfassend umweltverträglicheren Beleuchtung umzusetzen, wird wohl schwer. Frank ermuntert deshalb die Politik, die technischen Vorgaben für einen verantwortungsvollen Umgang mit Kunstlicht über die bestehenden Bestimmungen in die richtigen Bahnen zu lenken. "Die Genehmigungsbehörden können über die Bebauungspläne verbindliche Festsetzungen zur Vermeidung von Lichtimmissionen machen", sagt Frank. Auch in Verfahren für Baugenehmigungen könne man viel regeln. "Es geht nicht darum, den Menschen das Licht zu verbieten und zu reglementieren. Aber wenn es übertrieben wird und das Ortsbild beeinflusst wird, braucht es eine gute Handhabe."

Im nicht weit entfernten Bad Hersfeld zum Beispiel wird mit anderen Mitteln der Lichtverschmutzung entgegengewirkt. Im Stiftsbezirk zum Beispiel erstrahlen Laternen erst, wenn sich auch Passanten nähern – smarte Beleuchtung nennt sich das.

Und selbst an Orten, an denen Beleuchtung lebenswichtig ist, wird das Thema Lichtverschmutzung mitgedacht. An Deutschlands größtem Flughafen in Frankfurt werden seit Jahren die Leuchten auf LED-Technik umgerüstet. "Sie haben eine längere Lebensdauer, bringen weniger Streuverlust mit sich und können punktgenauer strahlen", erklärt Dieter Hulick, Fraport-Sprecher für den Flug - und Terminalbetrieb. Aber die Sicherheit stehe bei der Beleuchtung immer noch an oberster Stelle. "Beim Anflug der Maschinen spielt sie eine extrem wichtige Rolle. Darüber hinaus sind Beleuchtungsstärken im Luftverkehr natürlich vorgegeben", erläutert Hulick.

(olb)