Kanadisches Gericht: OVHcloud aus Frankreich muss Nutzerdaten herausgeben
Das Gericht von Ontario hat OVHcloud angewiesen, bei ihm in den Rechnerwolken gespeicherte Daten zu liefern. Das wirft Fragen zur digitalen SouverÀnitÀt auf.
(Bild: Petr Smagin / Shutterstock.com)
Ein Gericht in Ontario hat gegenĂŒber dem französischen Cloud-Giganten OVHcloud angeordnet, auf auslĂ€ndischen Servern gespeicherte Daten an die kanadische Polizei herauszugeben. Die Entscheidung bringt das Unternehmen in eine ZwickmĂŒhle zwischen kanadischer Justiz und französischem Strafrecht â und hat auch die französische Regierung auf den Plan gerufen. Letztlich geht es in deren PlĂ€doyer auch um die viel beschworene UnabhĂ€ngigkeit und den Datenschutz bei europĂ€ischen Online-Anbietern.
Es ist ein Fall, der weit ĂŒber die Grenzen eines gewöhnlichen Kriminalverfahrens hinausreicht und den Kern der digitalen SouverĂ€nitĂ€t im 21. Jahrhundert berĂŒhrt. Im Zentrum steht eine scheinbar simple Anordnung: Die Royal Canadian Mounted Police (RCMP) verlangt Zugriff auf Bestands- und Metadaten, die mit vier spezifischen IP-Adressen verknĂŒpft sind. Doch diese Abonnenteninformationen und Verbindungsdaten liegen nicht in Kanada, sondern auf Servern in Frankreich, GroĂbritannien und Australien. Das juristische Tauziehen, das sich daraus entwickelt hat, droht zu einem diplomatischen Konflikt zwischen Ottawa und Paris zu eskalieren.
Auslöser: Eine Anordnung mit globaler Reichweite
Alles begann mit einer "Production Order" (Herausgabeanordnung), die der Ontario Court of Justice am 19. April 2024 auf Basis von Abschnitt 487.014(1) des kanadischen Strafgesetzbuchs erlieĂ. Die RCMP ermittelt in einem Strafverfahren mit Bezug auf schwere KriminalitĂ€t und benötigt dafĂŒr die Daten von Kunden der OVH Group SA.
Das Problem: Die Gesellschaft ist ein französisches Unternehmen mit Hauptsitz in Roubaix. Zwar gibt es eine kanadische Tochterfirma, die Hebergement OVH Inc. in Montreal, doch diese operiert als eigenstÀndige juristische Person. Wie aus den heise online vorliegenden Gerichtsakten hervorgeht, hat die kanadische Tochter keinen technischen Zugriff auf die Daten der Muttergesellschaft, die in europÀischen Rechenzentren lagern.
Dennoch entschied der Ontario Court of Justice unter Richterin Heather Perkins-McVey am 25. September, dass die französische Muttergesellschaft den kanadischen Behörden die Daten aushĂ€ndigen muss. Ihre BegrĂŒndung stĂŒtzt sich auf eine weitreichende Interpretation der "virtuellen PrĂ€senz": Da OVH weltweit agiere und Dienste in Kanada anbiete, unterliege das Unternehmen auch der kanadischen Gerichtsbarkeit â unabhĂ€ngig davon, wo die physischen Server stehen.
ZwickmĂŒhle: Gefangen zwischen zwei Gesetzen
FĂŒr OVHcloud ist dieses Urteil mehr als nur ein bĂŒrokratisches Ărgernis: es ist eine juristische Falle. Der gröĂte französische Cloud-Anbieter beruft sich in seiner Verteidigung vehement auf das nationale Recht, insbesondere auf das sogenannte Blockadegesetz (Loi nr. 68-678). Dieses Gesetz aus dem Jahr 1968, das 2022 verschĂ€rft wurde, verbietet es französischen Unternehmen und StaatsbĂŒrgern unter Strafandrohung, wirtschaftlich sensible Informationen oder Daten an auslĂ€ndische Behörden weiterzugeben â Ausnahme: eine Anfrage ĂŒber offizielle völkerrechtliche KanĂ€le.
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In einer eidesstattlichen Versicherung schildert Xavier Barriere, Unternehmensjurist bei OVH in Paris, die dramatische Lage: WĂŒrde der wichtige Verfechter europĂ€ischer DatensouverĂ€nitĂ€t der kanadischen Anordnung Folge leisten, begingen die Verantwortlichen in Frankreich eine Straftat. Ihnen drohen bis zu sechs Monate Haft und Geldstrafen von bis zu 90.000 Euro pro VerstoĂ. Ignoriert OVH jedoch das kanadische Gericht, drĂ€ut in Ontario ein Verfahren wegen Missachtung der Justiz, was ebenfalls empfindliche Sanktionen nach sich ziehen kann.
Protest aus Paris: Ministerien schalten sich ein
Der Fall hat inzwischen die höchsten Ebenen der französischen Verwaltung erreicht. Das französische Wirtschaftsministerium, genauer gesagt der dort angsiedelte Service de l'Information StratĂ©gique et de la SĂ©curitĂ© Ăconomiques (SISSE), der die Einhaltung des Blockadegesetzes ĂŒberwacht, hat sich in zwei Briefen unmissverstĂ€ndlich positioniert.
Im ersten Schreiben vom Mai 2024 und einem noch detaillierteren zweiten Schreiben vom Januar 2025 warnte der SISSE: Eine direkte Datenherausgabe an die RCMP wÀre illegal. Die Behörde bestÀtigte, dass die angeforderten Informationen unter den Schutzbereich des Gesetzes fallen und eine Umgehung der internationalen VertrÀge eine Verletzung der französischen SouverÀnitÀt darstelle.
Auch das französische Justizministerium intervenierte am 21. Februar. Darin sicherte es den kanadischen Kollegen eine "beschleunigte Bearbeitung" zu, sofern sie den offiziellen Weg ĂŒber ein Rechtshilfeersuchen wĂ€hlen wĂŒrden. Paris signalisierte Kooperationsbereitschaft â unter Einhaltung der Spielregeln. OVH hat die Daten bereits gesichert, sie liegen bereit. Doch die RCMP sowie die kanadische Staatsanwaltschaft beharrten auf der direkten Herausgabe â und das Gericht in Ontario folgte ihnen.
Berufungsantrag: Kampf ums Prinzip
Gegen die Entscheidung von Perkins-McVey hat OVH Ende Oktober ĂŒber AnwĂ€lte der Kanzlei Miller Thomson Berufung beim Ontario Superior Court of Justice eingelegt. Der Antrag auf gerichtliche ĂberprĂŒfung liest sich wie eine Vorlesung ĂŒber internationales Recht. Die Juristen argumentieren, dass die erste Instanz fundamentale Prinzipien ignoriert habe: Kanadische Gerichte sollten Anordnungen vermeiden, die BĂŒrger befreundeter Staaten zwingen, im eigenen Land Straftaten zu begehen. Dies gelte gerade, wenn mit einem Rechtshilfeabkommen eine legale Alternative existiere.
Die kanadische Tochterfirma könne nicht einfach fĂŒr die Daten der französischen Mutter haftbar gemacht werden, betonen die AnwĂ€lte. Die Ausdehnung kanadischer Befugnisse auf die einschlĂ€gigen auslĂ€ndischen Server ĂŒberstrapaziere die nationalen Hoheitsrechte.
"Die Antragsteller wĂŒrden irreparablen Schaden erleiden, bevor das Berufungsgericht den Fall ĂŒberhaupt hören könnte", heiĂt es in dem Dringlichkeitsantrag auf Aussetzung der Vollstreckung. Denn Perkins-McVey setzte die Frist zur Datenherausgabe auf den 27. Oktober. Ohne einen sofortigen Stopp der Anordnung mĂŒsste OVH sich entscheiden, welches Gesetz es brechen will.
PrĂ€zedenzfall fĂŒr die Cloud-Branche
Der Ausgang dieses Verfahrens wird in der Tech-Branche genau beobachtet. Sollte die kanadische Rechtsauffassung Bestand haben und eine "virtuelle PrĂ€senz" ausreichen, um direkten Zugriff auf Daten in Europa zu erzwingen, wĂŒrde dies das GeschĂ€ftsmodell vieler internationaler Cloud-Anbieter in Frage stellen. EuropĂ€ische Unternehmen werben oft mit dem Schutz vor dem Zugriff auslĂ€ndischer Behörden wie etwa durch den US Cloud Act. Ein Urteil, das kanadischen Polizisten den direkten "Durchgriff" nach Frankreich erlaubt, wĂŒrde dieses Versprechen aushöhlen.
Die Ironie des Falles liegt darin, dass beide Seiten dasselbe Ziel verfolgen: Die AufklĂ€rung von Straftaten. Frankreich hat die Daten gesichert und will sie herausgeben â aber eben nur auf dem Dienstweg. Kanada will die Daten schnell und ohne bĂŒrokratische HĂŒrden. Nun liegt der Ball beim Ontario Superior Court. Er muss entscheiden, ob die Effizienz einer polizeilichen Ermittlung schwerer wiegt als die Gesetze eines souverĂ€nen Partnerstaates und die IntegritĂ€t internationaler Abkommen. US-Hyperscaler wie Amazon mit AWS, Microsoft mit Azure und Google Cloud lachen sich derweil ins FĂ€ustchen: Diesmal stehen nicht sie, sondern die europĂ€ische Konkurrenz in puncto DatensouverĂ€nitĂ€t mit dem RĂŒcken zur Wand.
(fds)