Karriereberatung: Coaching "aus der Vogelperspektive"

Karriereberater unterstützen ihre Kunden, den persönlich passenden Job zu finden. Am Ende kann das die klassische Karriere sein oder etwas ganz Neues.

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(Bild: ASDF_MEDIA/Shutterstock.com)

Von
  • Peter Ilg

Wer früher zur Karriereberatung ging, galt als schwach. "Dieses Stigma hat sich vor etwa zehn Jahren aufgelöst, seitdem wird Karrierecoaching zunehmend vorurteilsfrei in Anspruch genommen", sagt Jutta Boenig, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung und Inhaberin von Boenig Beratung in Überlingen am Bodensee. Sie hat eine psychologisch-pädagogische Ausbildung, Führungserfahrung in der Industrie und ist systemischer Coach.

Wer im Verband Mitglied werden will, muss fachliche Standards vorweisen, um aufgenommen zu werden. "Das ist wichtig, weil sich viele Erfolgsratgeber am Markt tummeln, die nicht immer unbedingt qualifiziert sind", sagt Boenig. Die Mitgliedschaft in einem etablierten Verband ist deshalb der Nachweis einer Mindestqualifikation.

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Der Mensch ist schlicht und deshalb das Grundproblem von Kunden in der Karriereberatung oft dasselbe, die Lösung aber immer individuell: "Viele sind an einem Punkt angekommen, an dem sie nicht mehr zufrieden sind", sagt Boenig. Beratung ist wie ein Boxenstopp, bei dem es darum geht, zu verstehen, wer man ist, außer der Funktion, die man hat. Dies ist eine Grundfrage im systemischen Ansatz.

Die Lösung hängt von vielen Faktoren ab, etwa dem Alter, den Zielen und einer eventuellen Familie. Die und Freunde eignen sich als Sparringspartner, wie Boenig ihre Rolle definiert, meist aber nicht als Berater, weil sie emotional beteiligt sind. "Ich bewerte nicht, sondern schaue aus der Vogelperspektive auf die Situation und stelle die richtigen Fragen", sagt Boenig. Fragen regen dazu an, Antworten zu finden.

Seit fast 25 Jahren ist Boenig Karriereberaterin. Anfangs hatte sie überwiegend Ingenieure als Kunden. Heute sind mehr als die Hälfte technische Akademiker und fast ausschließlich Männer, ab der mittleren Managementebene. Andere Berater haben sich auf Berufseinsteiger oder Frauen spezialisiert. Sie schätzt, dass der Anteil Frauen zu Männern, die zur Karriereberatung gehen, bei 40 zu 60 liegt.

Der Stundensatz der Berater liegt zwischen 120 und 600 Euro. "In den Verträgen von Managern steht heutzutage oft, dass sie Karriereberatung als eine Art Fortbildung in Anspruch nehmen dürfen und die Firma dafür bezahlt", sagt Boenig. Ebenso üblich ist das bei Trennungen mit Beratung zur beruflichen Neuorientierung, dem Outplacement.

Zwei Männer berichten offen von ihren Erfahrungen aus der Karriereberatung. Sie nennen ihre Namen, erzählen, weshalb sie zur Beratung gingen und was sie ihnen gebracht hat:

Vor etwa einem Jahr war klar, dass ich mich außerhalb meiner damaligen Firma neu orientieren würde. Rund 25 Jahre war ich in zwei amerikanischen Telekommunikationsunternehmen und nach mehreren Karriereschritten, zuletzt Vertriebsleiter für weite Teile Europas und Russlands, ist die Situation miteinander schwierig geworden. Als Konsequenz daraus haben wir einen Aufhebungsvertrag mit Outplacement vereinbart. Ich ging zur Karriereberaterin, bei der ich schon ein Jahrzehnt Kunde bin. Mein damaliger Manager hatte mich damals gefragt, ob ich zu einem beliebigen Thema gerne eine Fortbildung hätte – ich habe mich für die Karriereberatung entschieden.

Eugen Gebhard – Teilhaber eines Schweizer Start-ups

Ich bin Eugen Gebhard, 56 Jahre und Dipl.-Ing. Technische Informatik. In der ersten Karriereberatung habe ich herausgefunden, dass ich aus der Technik raus wollte und hinein in den Vertrieb und ins General Management. Als ein solcher Job in der Firma frei war, habe ich mich beworben und ihn bekommen. In den folgenden Jahren war ich in Zeiten beruflicher Neuorientierung oder einer gewissen Unzufriedenheit mit dem Status Quo immer wieder bei meiner Beraterin. Ich bin ein neugieriger und offener Mensch, der sich umschaut und umhört, um herauszufinden, wie ich meine Fragen lösen kann. Mir hat die Karriereberatung dabei maßgeblich geholfen, berufliches mit privatem zu vereinen.

Heute bin ich Director DACH bei einem Softwareunternehmen und Teilhaber eines Schweizer Start-ups. Anfänglich ging es in der Karriereberatung um rein fachliche Unterstützung, dann erarbeiteten wir die Themen ganzheitlicher, also die Verbindung zwischen Persönlichkeit und Professionalität. Mich haben die Gespräche inspiriert, gestärkt und die Ideen finden lassen, die ich für die nächsten Schritte brauchte.

Johannes Schulz – Vom Maschinenbau in den sozialen Bereich

Mein Name ist Johannes Schulz, 37 Jahre mit Bachelor in Maschinenbau und MBA in Unternehmensführung. Ich habe als Konstrukteur in einem Konzern angefangen und bin ganz klassisch die Karriereleiter hoch bis zum technischen Leiter in der Geschäftsführung. Eine Stufe davor, als Abteilungsleiter, steckte ich in einer Krise. Auf der einen Seite hatte ich einen Job, der mir großen Spaß machte und der auch sehr gut bezahlt war. Andererseits fand ich auf beruflicher und persönlicher Ebene Rahmenbedingungen vor, die es mir unmöglich machten, den Job in dieser Form weiter auszuüben. Was tun?

Um Unterstützung in der Entscheidungsfindung zu erhalten, entschied ich mich zu einer Karriereberaterin zu gehen. Ich kam zu einer Beraterin, die meine berufliche und private Situation geschickt miteinander verbunden hat und außerdem weiß, wie die Prozesse in der Wirtschaft laufen. Das ist wichtig.

Zunächst haben wir gemeinsam den Ist-Stand analysiert, dann über Träume, Interessen und Zukunftsaussichten gesprochen. Daraufhin wurde ein Weg erarbeitet, wie die gesteckten Ziele erreicht werden können. Dies geschieht vor allem dadurch, dass man intensiv an sich selbst arbeitet. Sich immer besser versteht, wer man eigentlich ist, welche Stärken und Schwächen man hat und wie die eigene Wertepyramide aussieht.

Während der Beratungen stieg ich in die Geschäftsführung auf und erfuhr später, dass der Standort, für den ich gearbeitet habe, geschlossen wird. So stellte sich mir die Frage, wie meine berufliche Zukunft aussieht. Ich hatte schon länger Interesse an einer Geschäftsführerposition im sozialen Bereich, habe mir aber nicht zugetraut, mich ohne einen Abschluss darin für einen Leitungsposten zu bewerben. Durch eine weitere Beratung konnte ich mein Profil so weit herausarbeiten, dass ich mich schlussendlich für diese Position bewarb.

Heute bin ich Geschäftsführer einer sozialen Einrichtung mit etwa 160 Angestellten.

(bme)