Klimaneutralität: Deutschland braucht über 200 Milliarden Euro Wagniskapital

Die Tech for Net Zero Allianz hat die Investitionschancen für Klimatechnologien in Deutschland bis 2030 abgeschätzt. Der Finanzierungsbedarf ist demnach hoch.

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Zur Klimaneutralität ist es noch ein langer Weg.

(Bild: Pongthorn S/Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl

Die Entwicklung und Optimierung neuer und bestehender Klimatechniken wird für den Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft unerlässlich sein. Davon gehen die Verfasser einer Studie aus, die die Allianz Tech for Net Zero am Dienstag veröffentlicht hat. Sie schätzen darin den Bedarf an Risikokapital ab, den Deutschland für "saubere" Techniken etwa für die CO2-Abscheidung hat, und kommen auf durchschnittlich benötigte 22,7 Milliarden Euro pro Jahr bis 2030 für das Wachstum einschlägiger Start-ups. Insgesamt müssen Investoren so über die nächsten zehn Jahre rund 200 Milliarden Euro Wagniskapital in den Markt pumpen.

"Der größte Teil der CO2-Emissionssenkungen, die erforderlich sind, um die Klimaziele für 2030 zu erreichen, wird durch heute bereits verfügbare Technologien erreicht werden", schreiben die Autoren unter Verweis auf die Internationale Energieagentur. Deren rasche Einführung erfordere aber Investitionen in eine Vielzahl neuer Unternehmen, "die die dringend benötigten Klimatechnologien auf den Markt bringen werden". Darüber hinaus erfordert das Erreichen des globalen Ziels, die Treibhausgas-Emissionen bis 2050 auf netto null zu drücken, "enorme Innovationssprünge". Fast die Hälfte der Reduktionsverfahren seien aktuell in der Demo- oder Prototypenphase.

"Die Dekarbonisierung der gesamten Wirtschaft ist eine enorme Chance für neue Climate-Tech-Startups und Wagniskapitalinvestitionen", heißt es in der Analyse. Letztere seien entscheidend, "um das Risiko bahnbrechender Technologien zu schultern".

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Startup- und Wachstumsfinanzierungen können laut der Untersuchung dazu beitragen, den technologischen Reifezyklus einschlägiger neuer Firmen von üblicherweise 25 auf etwa 10 Jahre zu verkürzen. Eine solche Beschleunigung sei nötig, um positive Auswirkungen auf das Klima bereits bis 2030 zu erreichen. Ziel der Investitionen müsse es auch sein, die Kosten für technologische Verbesserungen zu senken und deren Potenzial für Wirtschafts- und Beschäftigungswachstum zu nutzen.

Deutschland sehen die Forscher als Europas größte Volkswirtschaft und Technologiestandorte in einer besonderen Rolle, um eine klimaneutrale Zukunft zu verwirklichen. Die Bundesrepublik sei nach wie vor der größte Treibhausgas-Verursacher in Europa, auch wenn sie den Ausstoß zwischen 1990 und 2019 um 35 Prozent reduziert habe.

Das Land nimmt den Experten zufolge zudem eine gute Position ein, um bei der Kommerzialisierung vieler bahnbrechender Klimatechnologien zu führen. Die Bundesregierung habe sich zum Ziel gesetzt, die Klimaneutralität – vor vielen anderen Industrieländern – bis 2045 zu erreichen. Der ambitionierte Einsatz von Klimaschutztechniken könne es der hiesigen Wirtschaft daher erlauben, Marktführer und Exporteur in diesem Bereich zu werden.

Die Analyse stützt sich auf detaillierte Marktprognosen etwa des Beratungshauses Cap Gemini, um die Chancen für Climate-Tech-Unternehmer und Risikokapitalfonds zu ermitteln. Im Detail benötigen neue klimatechnische Lösungen demnach jährliche Investitionen in Höhe von 5,9 Milliarden Euro im Energiesektor, 6,3 Milliarden Euro in der Industrie und 3,1 Milliarden Euro im Gebäudebereich. Auf den Verkehrssektor entfallen 4,5 Milliarden Euro, 3 Milliarden auf die Landwirtschaft und den Lebensmittelsektor.

Das Bündnis Tech for Net Zero haben die von Bill Gates gegründete Dachorganisation Breakthrough Energy und die Deutsche Energie-Agentur (dena) initiiert. Ihr gehören aktuell 26 Einrichtungen an, darunter Firmen, Investorengruppen, Forschungsinstitutionen und Denkfabriken.

(olb)