Klimawandel vor der Haustür: Auswirkungen auf das Wattenmeer

Das Wattenmeer ist Lebensraum unzähliger Pflanzen und Tiere. Es ist Weltnaturerbe. Und stark vom Klimawandel betroffen.

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Sandbank nahe Rottumerplaat im Wattenmeer

(Bild: Rudmer Zwerver / Shutterstock.com)

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  • Birgitta von Gyldenfeldt
  • dpa

Der Klimawandel hat das Wattenmeer erreicht. Steigende Meeresspiegel, Erwärmung, Extremwetter – all dies hat Folgen für das größte zusammenhängende Sand-Schlickwattsystem der Welt. Über mehr als 11.500 Quadratkilometer erstreckt sich das Wattenmeer von Dänemark bis in die Niederlande. Rund 10.000 Arten leben hier – von einzelligen Organismen über Algen, Muscheln und Würmer bis hin zu Robben und Schweinswalen. Die Unesco erkannte das Küstengebiet wegen seiner herausragenden geologischen und ökologischen Bedeutung als Weltnaturerbe an.

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Und dann das: Die Weltnaturschutzunion (IUCN) berichtete vor einem Jahr, das Weltnaturerbe Wattenmeer gehöre zu den betroffenen Regionen, mit einer "sehr hohen Bedrohung" durch den Klimawandel. Die Aussichten für das Überleben des Wattenmeers in der absehbaren Zukunft schätzt die IUCN aber dennoch als "gut" ein – wenn die laufenden Erhaltungs- und Schutzmaßnahmen fortgesetzt werden.

Welche Auswirkungen der Klimawandel auf die Biodiversität und die geologische Dynamik des Wattenmeeres konkret hat und welche weiteren möglichen Schutzmaßnahmen getroffen werden können, ist derzeit Thema auf dem 15. International Scientific Wadden Sea Symposium (ISWSS). Rund 180 Wissenschaftler aus Dänemark, Deutschland und den Niederlanden diskutieren seit Dienstag darüber in einer Onlinekonferenz. Eine Bilanz der Veranstaltung, die ursprünglich in Präsenz im schleswig-holsteinischen Büsum stattfinden sollte, ist für Donnerstagnachmittag geplant.

Im Fokus der Wissenschaftler sind unter anderem die Auswirkungen des Klimawandels auf die Vögel. Millionen Vögel sind jedes Jahr bei ihren Wanderungen von den Brutgebieten in der Arktis zu ihren Winterquartieren in Afrika zu Gast im Wattenmeer. Laut Nationalparkverwaltung sind die Zugbewegungen wandernder Vogelarten zeitlich mit der Verfügbarkeit von Nahrung getaktet. "Durch den Klimawandel kann diese Synchronisierung durcheinander geraten", heißt es.

Ein gut erforschtes Beispiel sei der Knutt, ein Watvogel, der das Wattenmeer als Zwischenstopp auf dem Zugweg nutzt: Wenn die Küken in den arktischen Brutgebieten schlüpften, seien viele ihrer Nahrungstiere – kleine Insekten – schon nicht mehr verfügbar. Die schlecht ernährten Jungvögel entwickelten kürzere Schnäbel. Dadurch haben sie als erwachsene Vögel Nachteile in ihren afrikanischen Winterquartieren, weil sie dort in Feuchtgebieten nach Bodenlebewesen stochern.

Bei Vögeln, die im Wattenmeer brüten, zerstören immer häufiger Sturmfluten die Gelege. Durch die Erwärmung der Meere können im Wattenmeer zudem mittlerweile auch Arten leben, die sich hier vor einigen Jahrzehnten noch nicht wohlfühlten. Doch nicht alle fremden Arten sind schädlich oder verdrängen heimische Tiere und Pflanzen. Neue Arten im Wattenmeer können sich positiv auswirken; so dient beispielsweise die Amerikanische Schwertmuschel als Nahrung für einheimische Vögel. Sie können aber auch negative Folgen haben, etwa wenn Parasiten eingeschleppt werden.

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Laut Experten des Alfred-Wegener-Instituts auf Sylt haben sich mehr als hundert eingeschleppte gebietsfremde Arten im Wattenmeer angesiedelt, ohne einen ursprünglichen Bewohner zu vertreiben. Infolgedessen hätten arten- und biogene Lebensraumvielfalt zugenommen.

Ein besonderer Lebensraum innerhalb des Ökosystems Wattenmeer, den die Experten im Fokus haben, sind die Salzwiesen. Diese entstehen an flachen, von Gezeiten beeinflussten Küsten, wenn sich dort nach jeder Flut Sedimente ablagern und sich eine Schlickschicht bildet. Ist diese Schicht dick genug, siedeln sich dort erste Pflanzen wie der Queller an. Die Wiesen werden aber weiterhin regelmäßig vom Salzwasser überschwemmt. Salzwiesen sind mehr als nur ein Lebensraum für hoch spezialisierte Tiere und Pflanzen, sie schützen nach Angaben des Landesbetriebs für Küstenschutz die Küste und Deiche bei Sturmfluten, weil sie heranrollende Wellen dämpfen. Und sie dienen als Kohlendioxid-Speicher.

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Doch wenn die Temperaturen im Zuge des globalen Klimawandels steigen, könnte das System aus dem Gleichgewicht geraten. Forscher der Universität Hamburg haben 2018 auf der Hamburger Hallig kuppelförmige "Erwärmungskammern" in unterschiedlichen Lebensräumen der Salzwiesen aufgebaut, wo verschieden starke Temperaturanstiege simuliert wurden. Erste Erkenntnisse aus dem Experiment sollten auf der Konferenz vorgestellt werden.

Ergebnisse der Konferenz sollen übrigens in die Ministererklärung der nächsten Trilateralen Regierungskonferenz der drei Wattenmeer-Anrainerstaaten einfließen. Die für Naturschutz zuständigen Ministerinnen und Minister der drei Kooperationsländer kommen alle vier Jahre zu einer Wattenmeerkonferenz zusammen. Sie beschließen bei ihren Treffen auch die Arbeitsschwerpunkte für die kommenden vier Jahre. Die nächste Wattenmeerkonferenz ist Ende 2022 in Wilhelmshaven geplant.

(jk)