Kommentar: Apples ökologisch verbrämte Sparkultur

Apple macht viel CO2-Gewese darum, Netzteile und Ohrhörer bei allen iPhones wegzulassen. Dass das der Marge hilft, sagt der Konzern nicht, meint Ben Schwan.

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Mehr als diese Produkte sind nicht mehr in der iPhone-Verpackung.

(Bild: Apple)

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  • Ben Schwan

Apples Ökochefin, Lisa P. Jackson, die unter Barack Obama die mächtige Leiterin der amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA war, kündigte die erstaunliche Maßnahme am Dienstag während der iPhone-Keynote höchstpersönlich an: Der Konzern wird seinen Mobiltelefonen der neuen Serie – also iPhone 12 und 12 mini und 12 Pro und 12 Pro Max – künftig weder ein Netzteil noch kabelgebundene Ohrhörer, die EarPods, beilegen.

Man habe einige "große Umweltnachrichten für das iPhone", hatte ihre Kollegin zuvor angekündigt, bevor sich Jackson vom Dach des Apple Park meldete, um zwischen Solarzellen und dem grünen Inneren des Apple-Hauptquartiers den Plan zu erläutern.

Zur Begründung holte Jackson ganz weit aus. Man habe nach Möglichkeiten gesucht, Müll zu vermeiden und weniger Material zu verwenden innerhalb seiner Produktions- und Lieferkette. Dabei sei aufgefallen, dass bereits über 700 Millionen Lightning-Kopfhörer im Umlauf seien, dabei nutzten immer mehr Menschen doch Drahtlostechnik, etwa von Apple oder Beats.

Weiterhin existierten über zwei Milliarden Apple-Netzteile auf der Welt – Third-Party-Produkte nicht eingerechnet. "Deshalb entfernen wir diese Teile aus der iPhone-Box." Das reduziere Klimagase und vermeide die Förderung und Verwendung wertvoller Materialien. Auch werde die iPhone-Box so leichter und dünner, man könne bis zu 70 Prozent mehr Produkte auf eine Palette packen. Das reduziere den CO2-Ausstoß in der Logistik.

Ein Kommentar von Ben Schwan

Mac & i-Redakteur Ben Schwan schreibt seit 1994 über Technikthemen und richtet sein Augenmerk mittlerweile insbesondere auf Apple-Geräte. Er mag das Design von Mac, iPhone und iPad und glaubt, dass Apple nicht selten die benutzerfreundlicheren Produkte abliefert. Immer perfekt ist die Hard- und Software-Welt aus Cupertino für ihn aber nicht.

Lange Rede, kurzer Sinn: Künftig liegt nur noch das iPhone samt einem Lightning-auf-USB-C-Kabel in der Verpackung, wegen der Umwelt. Unterscheidungen zwischen günstigeren und teureren Modellen werden nicht getroffen, alle iPhone-12-Modelle gleich behandelt. Zudem wird künftig auch bei iPhone 11, XR und SE 2020 so agiert, sollte man nicht noch eine alte Verpackung erwischen.

Das klingt alles zunächst sehr vernünftig und ökologisch. Allerdings lässt Apple dabei einen zentralen Punkt unter den Tisch fallen: Der Konzern hat mit der neuen Ökomaßnahme eine Möglichkeit gefunden, seine sowieso schon phänomenale und in der Branche einzigartige Marge weiter zu steigern.

Das kann man schlicht daran ablesen, dass Apple keinen Cent der Ersparnis, die durch die Weglassung bei ihm garantiert erzeugt wird, an die Kundschaft weiterzugeben scheint. Stattdessen kosten die Geräte, sofern man sie mit ihrem Vormodell vergleichen kann, so viel wie zuvor – selbst wenn Apple betont, man hätte etwa die Preise beim iPhone 12 Pro ja sogar erhöhen können, steckt ja schließlich bessere Technik drin.

Weder das Netzteil noch die EarPods sind wirklich billig gewesen. Der Wert lag zusammen bei gut 50 Euro, auch wenn Apple nun dazu übergegangen ist, die Einzelpreise zu senken, sollte die Kundschaft die einst mitgelieferte Hardware doch haben wollen. Auch von den eingesparten Logistikkosten sehen die Nutzer wohl nichts. 70 Prozent mehr Geräte auf einer Palette dürfte ebenfalls signifikant dazu beitragen, dass die Marge sich verbessert.

Schritte zur Erhaltung unseres Planeten sind an sich lobenswert, wobei man sich schon fragen kann, ob die angesichts der Größe des Apple-Konzerns und der damit verbundenen Verantwortung nicht selbstverständlich sein sollten. Zumindest müsste Apple aber auch klar sagen, dass es von solchen Maßnahmen auch finanziell profitiert. Dann wird ein Schuh draus und dem Image tut Ehrlichkeit auch keinen Abbruch. So bleibt ein schlechter Nachgeschmack, denn Apple ist kaum für kleine Preise bekannt.

P.S.: Mit dem wiederbelebten MagSafe führt Apple einen ganz neuen Ladestandard fürs iPhone 12 ein – samt vielfältigem Zubehör. Was ist eigentlich mit dessen ökologischem Fußabdruck? Aber klar, das liegt ja nicht in der Verpackung, sondern muss zusätzlich erworben werden.

(bsc)