Kommentar: Der neue Mac – zwischen Altbackenem und der Zukunft des Computers

Gleich drei ARM-Maschinen hat Apple in einer erstaunlich kompakten Keynote präsentiert. Es geht um nicht weniger als die Zukunft des Computers.

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In Apples Hardwarelabor gab es einiges zu tun. Hier Johny Srouji, SVP für Hardware Technologies.

(Bild: Screenshot Apple-Keynote)

Von
  • Ben Schwan

Keine 50 Minuten, dann war die Keynote rum: Apple kam in seinem Event "One more thing" wirklich flott auf den Punkt. Dass es um ARM-Macs gehen würde, war von vorneherein klar. Schließlich hatte Apple bereits im Sommer angekündigt, dass es die ersten Maschinen mit "Apple Silicon" – wie der Konzern seine eigenen SoCs im Oberbegriff mit stolzer Brust nennt – noch vor Jahresende geben werde. Dass dann gleich drei Maschinen kamen, darunter auch ein Desktop, war eine angenehme Überraschung.

Das lässt sich über deren Design allerdings nicht sagen. Apple hat sein ARM-Herz nämlich einfach in die bekannten Intel-Gehäuse gepflanzt. MacBook Air, MacBook Pro mit 13 Zoll und Mac mini mit dem brandneuen M1-Chip sehen ihren x86-Brüdern zum Verwechseln ähnlich. Gut, das MacBook Air für ARM hat keinen Lüfter mehr und auch ein leicht umgemodeltes Keyboard. Aber sonst bleibt alles beim (wiedererkennbaren) Alten.

ARM-Macs: Apples Umstieg auf eigene Prozessoren

Das war zu erwarten, schon beim Switch von der PowerPC-Architektur zu Intel ging Apple nicht anders vor. Ein wenig enttäuschend ist das schon, erwarten wir doch von einem derartigen Umschwung, wie es der ARM-Umstieg ist, eigentlich auch komplette neue Designs. Doch auf die werden wir mindestens bis 2021 warten müssen. Überhaupt betont Apple, dass der Übergang zu Apple Silicon ein mehrjähriger Prozess sein werde.

Die Maschinen an sich sind vor allem aufgrund des Prozessors M1 attraktiv; ob dieser auf dem Prozessor A14 aus iPhone und iPad Air 4 basiert, hat Apple nicht verraten. Die Vergleichswerte, die Apple in Sachen Performance zu Intel-Macs, aber auch zu preislich ähnlich einsortierten PCs nannte, klingen beeindruckend. Natürlich braucht es dafür erst einmal Nachweise per Benchmark, die der Konzern wie üblich nicht lieferte. Doch Geschwindigkeitsangaben ist bei ARM-Geräten von Apple oft zu trauen. Der Konzern optimiert sein Betriebssystem mittlerweile hervorragend an das eigene Silizium, was bei macOS 11 alias Big Sur nicht anders sein dürfte. Und rohe Kraft haben Apples ARM-Chips jede Menge.

Acht Kerne spielen nun im Mac. Vier davon sind High-Performance-Cores, vier High-Efficiency, also für die Dauerlast gedacht. Schon die High-Efficiency-Kerne sind angeblich flotter als mancher Intel-Mac im Normalbetrieb. Auch das muss erst nachgewiesen werden. Aber vielversprechend ist das alles sicherlich. Apple braucht bei GPUs nun weder Intel noch AMD noch Nvidia. Die Technik kommt im SoC mit. Bis zu 8 Grafik-Kerne sind integriert, beim billigsten MacBook Air dreht Apple einen ab. Die Neural-Engine für maschinelles Lernen ist ein Sahnehäubchen ebenso wie der neue Signalprozessor, der angeblich aus den (leider immer noch miesen) MacBook-Webcams das Optimum herausholen kann.

Bliebe noch die Software-Seite. Hier fuhr Apple schweres Entwickler-Geschütz auf, von Adobe über beliebte Independent-Firmen wie Panic bis hin zu Gaming-Developern. Alle durften ihre Begeisterung in die Kamera sagen – und die ist bei nativem Code sicherlich real. Allerdings sind, auch wenn Apple es Entwicklern mit diversen Tools recht leicht macht, die Anpassungen bestehender Apps mit Arbeit verbunden. Und die müssen die Softwarefirmen erst einmal leisten. Nicht jede hat das Geld und die Zeit dafür. Als Übergangskrücke bleibt die neue Emulationsschicht Rosetta 2 für Intel-Code. Diese läuft hoffentlich geräuschlos im Hintergrund bei den meisten Apps. Sie soll angeblich verdammt schnell sein und den Nutzern daher kaum auffallen. Auch das wird die Praxis zeigen.

Ein Anfang jedenfalls ist gemacht. Alles in allem bleibt festzuhalten, dass Apple mit den ARM-Macs intensiv an der Zukunft des Computers an sich werkelt. Tablets, Smartphones und Rechner wachsen erneut nicht zusammen, stattdessen hat jede Gattung ihre spezifischen Vorteile. Das sieht man schon daran, dass Apple weder auf die Idee kam, den neuen M1-Rechnern Mobilfunkmodule zu spendieren, noch ihnen einen Touchscreen zu verpassen. Und ehrlich gesagt ist das richtig so. Der Mac bleibt der Mac, nur beschleunigt und optimiert. Und da Apple seine Chipentwicklung nun komplett in eigener Hand hat, müssen die Nutzer auch nicht mehr auf Intel warten. Das ist doch mal was. (bsc)