Kommentar: Evernote 10 hat einen enttäuschenden Umbau hingelegt

Die neue Evernote-Version für Windows und macOS treibt viele Nutzer auf die Barrikaden. Das erinnert unseren Autor an OneNote.

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Von
  • Stefan Wischner

Als Ian Small vor ziemlich genau zwei Jahren die Führung von Evernote übernahm, versprach er den vielen Millionen Nutzern des Multiplattform-Notizprogramms, künftig auf sie zu hören. Das Unternehmen wolle sich wieder auf die jahrelang erhoffte Weiterentwicklung des Programms konzentrieren, anstatt Papiernotizbücher, Rucksäcke und Socken mit dem bekannten Elefantenlogo zu verkaufen. Das nächste Evernote sollte ein Quantensprung werden, gefüllt mit allem, was sich die treuen Fans wünschten.

Vor einigen Wochen kam nach der iOS-Version, die wenig Begeisterung hervorrief, endlich das neue Evernote für macOS und Windows heraus. Selbstbewusst hatte man ein paar Versionsnummern übersprungen und auf die 7.x die Version 10 folgen lassen.

Im Userforum von Evernote und auf anderen einschlägigen Webseiten herrscht seitdem Aufruhr. Langjährige, zahlende Poweruser, sogar solche aus dem engsten Sympathisantenkreis, drohen mit Abwanderung, zum zweiten Mal nach der unvermittelten Preiserhöhung und der Einschränkung des Gratisangebots von 2016.

Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass langjährige Nutzer einer Anwendung Probleme mit Änderungen in Design und Bedienung einer neuen Version haben. Man denke nur an die teils immer noch andauernde Kritik an Microsofts Umstellung auf die Ribbon-Menübänder mit Office 2007.

Im Fall von Evernote geht es aber nicht nur um die Änderungen an Benutzeroberfläche und Bedienung, die der Wechsel auf einen neuen Unterbau mit sich brachte. Der basiert auf dem Electron-Framework, soll künftig die Nutzererfahrung und Bedienung auf allen Plattformen vereinheitlichen und die Programmpflege vereinfachen. Die gesamte Oberfläche ist merklich träger geworden, viele Shortcuts funktionieren nicht mehr. Statt freier Auswahl von systemeigenen Fonts stehen nur noch vier nutzbare Schriften plus zwei Schmuck-Fonts zur Verfügung. Manche Aktionen brauchen nun mehrere Mausklicks; es gibt weder ein Optionen-Menü mit Einstellmöglichkeiten noch Kontext-Menüs, Notizbücher lassen sich nicht mehr farblich kennzeichnen und vieles mehr.

Viel schlimmer noch ist, dass etliche Funktionen komplett weggefallen sind, nicht nur in der kostenlosen Version, sondern auch für zahlende Nutzer. Funktionen, auf die zumindest diejenigen ihren Workflow aufgebaut haben, die Evernote nicht nur für simple Einkaufslisten oder Rezepte verwenden, sondern teilweise ihr gesamtes berufliches oder privates Leben mit dem Programm organisieren.

So lassen sich in Evernote 10 zum Beispiel keine Festplattenordner mehr überwachen, deren Inhalt (zum Beispiel gescannte Belege) automatisch in Notizen übertragen werden. Die Option, Notizbücher lokal zu speichern und nicht mit einem Cloudspeicher (übrigens von Google gehostet) zu synchronisieren, ist ebenso verschwunden wie die Möglichkeit, in freigegebenen Notizbüchern zu suchen und der Export im HTML-Format.

Es hat ganz den Anschein, dass sich das Unternehmen aus irgendeinem Grund gezwungen gesehen hat, die neue Evernote-Version im halbfertigen Beta-Stadium zu veröffentlichen. Fehlende Funktionen verspricht der Hersteller bald nachzureichen.

Möglicherweise wollte man anhand der Lautstärke der Proteste auch sehen, welche Funktionen den Nutzern am wichtigsten sind. Dazu passt auch eine Bemerkung, die Phil Libin, der vorherige CEO von Evernote, 2013 bei einem Interview mit der Los Angeles Times gemacht hat und an die sein damaliger Interviewpartner Chris O’Brien später erinnert: „Viele Nutzer verwenden nur 5% der Funktionen von Evernote; blöderweise sind es bei jedem aber andere 5%. Wenn es dieselben wären, könnten wir die anderen 95% einfach rauswerfen.“.

Ein Kommentar von Stefan Wischner

C’t-Redakteur Stefan Wischner ist seit fast 30 Jahren Fachjournalist und begeistert sich für jede Art von Produktivitäts -und Anwendungssoftware.

Bezeichnend ist, dass der Evernote-Support viele Userbeschwerden mit dem Vorschlag beantwortet, doch eine alte „Legacy“-Version zu installieren (für Windows ist das die 6.25) und gegebenenfalls parallel zu Evernote 10 zu nutzen. Auch auf der eigenen Webseite spricht das Unternehmen diese Empfehlung aus, zusammen mit dem passenden Downloadlink.

Irgendwie ähnelt diese Entwicklung stark dem Geschehen um den Konkurrenten OneNote von Microsoft: Die Desktop-Version, vormals Bestandteil von Microsoft Office bis zur 2016er-Version, wurde 2014 zunächst um eine tabletfreundliche und vereinfachte UWP-Version ergänzt, mit dem Ziel, das „Legacy“-OneNote komplett zu ersetzen. Nach vielen Nutzerbeschwerden über den deutlich geringeren Funktionsumfang des neuen OneNote verschob Microsoft das angekündigte endgültige Aus für die Office-Version. Wer möchte, kann OneNote 2016(!) weiterhin downloaden und alternativ oder parallel nutzen – ohne aktiven Support und Weiterentwicklung.

Der wesentliche Unterschied zu Evernote: Hinter OneNote steckt kein direktes Finanzierungsmodell. Das Programm ist gratis (sowohl die UWP-Version als auch OneNote 2016, wenn man Notizen nur in der Cloud speichert) und benötigt lediglich ein ebenso kostenloses Microsoft-Konto.

OneNote will Nutzer an das Microsoft-Ökosystem binden und vor allen in den USA den interessanten Education-Markt erschließen. Evernote hingegen ist direkt von seinen Nutzern und ihren Abo-Zahlungen abhängig (und wie es heißt: bislang vor allem von seinen Investoren).

In der Reaktion auf den Unmut der Nutzer ähneln sich beide wieder sehr. Beide versichern geflissentlich, intensiv daran zu arbeiten, die „Feature-Gap“ zu schließen und die vermissten Funktionen der Vorversionen schnell nachzureichen. Microsoft verspricht das bereits seit Jahren und kommt diesem Versprechen nur sehr langsam und unzureichend nach. Evernote sollte das im eigenen Interesse deutlich ernster nehmen und sehr viel schneller sein.

(swi)