Human Robot Interaction: Wie feministisch müssen Roboter sein?

Forscherinnen haben untersucht, welche Geschlechter Robotern zugeordnet werden und wie Roboterinnen auf sexistische Beleidigungen reagieren sollten.

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(Bild: Katie Winkle et.al.)

Von
  • Hans-Arthur Marsiske
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Das Zusammenspiel von Mensch und Roboter steht im Mittelpunkt der Konferenz Human-Robot Interaction (HRI), die sich in dieser Woche ursprünglich im japanischen Sapporo treffen wollte. Wegen der Corona-Pandemie wurde sie ins Internet verlagert. Zu den Themen die am ersten Tag auf dem Programm stehen, gehört die Bedeutung der Geschlechtlichkeit bei Robotern.

So stellt Giulia Perugia (TU Eindhoven) eine Studie zur Wahrnehmung von Geschlecht und Alter bei humanoiden Robotern vor, die sie zusammen mit Kolleginnen und Kollegen von der University of Siena durchgeführt hat. Die leitende Fragestellung dabei war, inwieweit die Entwickler von Robotern, die selbst eine weitgehend homogene Gruppe darstellen, ihre Vorstellungen und Vorurteile in die Gestaltung einfließen lassen. Die Forscher wollten insbesondere wissen, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Grad der Menschenähnlichkeit eines Roboters und dem zugeordneten Geschlecht und Alter. Außerdem wollten sie die äußeren Merkmale identifizieren, durch die diese Zuordnung beeinflusst wird.

Grundlage der Studie war die Datenbank ABOT (The Anthropomorphic Robot Database), in der derzeit mehr als 250 humanoide Roboter erfasst sind. 153 Versuchspersonen waren aufgefordert, jeden Roboter, der ihnen gezeigt wurde, hinsichtlich seines Alters (auf einer Skala von eins bis hundert) und seines Geschlechts (feminin, maskulin, neutral, jeweils auf einer 7-Punkte-Skala) einzuschätzen.

Die große Mehrzahl der Roboter wurde als maskulin oder neutral (ohne Geschlechtsmerkmale) eingestuft, eine Minderheit als feminin und keiner als androgyn (mit Merkmalen beider Geschlechter). Männer stuften Roboter dabei generell eher jünger und femininer ein als Frauen. Je menschenähnlicher der Roboter wirkte, desto eher wurde ihm ein Geschlecht zugeordnet. Das Vorhandensein von Manipulatoren wie Armen, Beinen und Händen führte zu höheren Altersschätzungen, ausgeprägte Gesichtszüge dagegen zu niedrigeren. Manipulatoren wurden auch grundsätzlich als männlich eingestuft, die Gestaltung des Gesichts oder der übrigen Oberfläche des Roboters dagegen eher mit Weiblichkeit in Verbindung gebracht.

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Hohes Alter und Kindheit seien bei den gegenwärtigen Designs humanoider Roboter unterrepräsentiert, so Perugia. Das könne damit zusammenhängen, so die Vermutung, dass die Roboter den Eindruck von Kompetenz und Präzision vermitteln sollen.

Auch feminine und androgyne Roboter seien unterrepräsentiert. Auffällig sei insbesondere das vollständige Fehlen androgyner Roboter. Die Forscher sind unschlüssig: Liegt das an den Entwicklern, die Roboter nur als männlich, weiblich oder neutral gestalten? Oder ist die Idee der Zweigeschlechtlichkeit so tief in den Menschen verwurzelt, dass sie nicht in der Lage sind, einem Roboter gleichzeitig männliche und weibliche Merkmale zuzusprechen? Die Zuordnung des Geschlechts sei in jedem Fall stark von gängigen Stereotypen geprägt: Als weiblich wurden etwa ausgeprägte Wimpern, Frisuren und Kleidung wahrgenommen. Für die Zuschreibung von Männlichkeit waren dagegen die Manipulatoren wichtig, die den Robotern Handlungsmacht ermöglichen.

Wie aber lassen sich Roboter gestalten, die Geschlechtsstereotype in Frage stellen, statt sie zu verstärken? Weil ihre Studie mehr Fragen als Antworten aufgeworfen hat, haben die Forscher ihre Daten unter dem Titel ROBO-GAP (humanoid ROBOts - Gender and Age Perception) frei zugänglich gemacht in der Hoffnung, damit weitere Studien anstoßen zu können.

Eine Studie, die in die gleiche Richtung weist, folgt im Tagungsprogramm gleich im Anschluss: Katie Winkle (Royal Institute of Technology, Stockholm) beschäftigt sich mit der Frage, wie ein Roboter auf sexistische Beleidigungen reagieren sollte. Als Ausgangspunkt dient in ihrem dem Vortrag eine Szene, in der ein weiblich gestalteter Roboter Mädchen dazu ermuntert, sich mehr mit Robotik zu beschäftigen, woraufhin ein Mann rüde dazwischen ruft: "Halt die Klappe, du blöde Idiotin! Mädchen gehören in die Küche!"

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Als mögliche Antworten des Roboters standen neben einer neutralen, die von Sprachassistenten wie Siri gewählt werden würde ("Dazu sage ich nichts"), eine argumentative ("Das stimmt doch gar nicht, weil…") und eine aggressive ("Du bist hier der Idiot! Mit dir würde ich ohnehin nicht arbeiten wollen"). In einer früheren Studie hatte sich gezeigt, dass die argumentative Variante insbesondere von weiblichen Versuchspersonen bevorzugt und die neutrale am meisten abgelehnt wurde. Das von Winkle als "feministisch" bezeichnete Verhalten habe den Roboter in den Augen der Versuchsteilnehmer zudem als glaubhafter erscheinen lassen und zu einer effektiveren Interaktion beigetragen.

Allerdings, so Winkle, berühre das Experiment kulturelle Normen, die von Land zu Land stark variieren. Daher wurde es noch einmal in drei Ländern (Schweden, USA, Japan) wiederholt, in denen das Interesse an Robotik generell stark ausgeprägt ist, die sich aber hinsichtlich der Geschlechterbeziehungen deutlich unterscheiden: So belegt Schweden im Global Gender Equality Ranking des World Economic Forum derzeit den fünften Platz, während die USA auf Platz 30 und Japan auf Platz 120 folgen.

Es zeigte sich, dass in allen drei Ländern der argumentierende Roboter bei Männern und Frauen am besten abschnitt. Kleinere Unterschiede gab es nur bei der Frage, ob der Roboter sich für seine Haltung rechtfertigen sollte: Das wurde von allen weiblichen Versuchspersonen in Schweden und den USA abgelehnt, während in Japan mehrere Teilnehmerinnen des Experiments dafür waren.

Winkle sieht in der Studie daher eine weitere Bestätigung dafür, dass eine deutliche und begründete Kritik an sexistischem Verhalten die Glaubwürdigkeit eines Roboters erhöht. Für eine bessere und ethisch akzeptable Interaktion zwischen Mensch und Roboter sei ein feministisches Roboterdesign erforderlich.

(mho)