Bericht: Geflüchtete als Versuchskaninchen für Kryptogeld, Blockchain und Web3

Eine Forscherin findet wenig Gutes an Feldversuchen in aller Welt, bei denen Blockchain-Technik die Lage von Geflüchteten verbessern soll. Sie fordert ein Ende.

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Wer Worldcoin möchte, muss einem Iris-Scan mit dem "Orb" zustimmen.

(Bild: Worldcoin)

Eine britische Anthropologin kritisiert, dass experimentelle Blockchain-Techniken aktuell häufig an Geflüchteten und anderen Menschen mit wenig Geld getestet würden. Für einen ausführlichen Bericht hat Margie Cheesman von der Universität Cambridge Bezahl-, Währungs- und Identifikationsprojekte untersucht, die an marginalisierte Gruppen gerichtet sind. Mit nicht vorab getesteter Technik sollen für die Menschen grundlegende Dienste bereitgestellt werden, ohne dass die sozialen und ökonomischen Probleme bedacht würden, denen sich diese Personen gegenübersehen, kritisiert sie. Gleichzeitig würden die Menschen, die sich so schon in einer ungünstigen Position befinden, damit neuen Risiken ausgesetzt. Sie fordert ein Ende der Projekte.

Erstellt hat Cheesman den Bericht für das Minderoo Centre for Technology and Democracy, das sich an der Universität Cambridge dem Verhältnis zwischen digitaler Technik, der Gesellschaft und unserem Planeten widmet. Analysiert hat sie mehrere Projekte, die vor allem auf Blockchain-Technik beruhen und mehrheitlich als Web3 beworben werden. Unternehmen und Startups testeten solche Dienste demnach etwa in Flüchtlingslagern, wo Vorgaben zu Steuern, Datenschutz und die Zusicherung von Bürgerrechten nur in geringerem Umfang gelten würden. Geflüchtete und Menschen mit wenig Geld seien deswegen zu den hauptsächlichen Versuchspersonen für Web3-Experimente geworden, schreibt sie. Welche Folgen das für diese Menschen hat, sie noch nicht absehbar und lasse sich aktuell erst erahnen.

Cheesman führt etwa das Projekt Worldcoin auf, das den Anspruch hat, ein gerechtes, universelles und weltweites Grundeinkommen schaffen, das auf einer Kryptowährung beruht. Tests hat es demnach bereits in 24 Staaten gegeben, aber noch gibt es kein Datum für eine Freigabe und keine Angaben dazu, wie viel das Geld einmal wert sein soll. Es soll an keine nationale Währung gebunden sein. Während der Tests haben die Verantwortlichen 450.000 hochaufgelöste Fotos von Körpern, Gesichtern und Augen von Menschen gesammelt. Solche personenbezogenen Daten würden auch bei anderen Projekten zur Identifizierung gesammelt, wodurch unter anderem die Gefahr von Überwachung erhöht werde.

Beim Projekt Sarafu mehrerer Rotkreuzverbände in Kenia gehe es um Blockchain-basierte Gutscheine, mit denen die Teilnehmenden Dienstleistungen und Waren erwerben können. Je häufiger jemand Sarafu benutzt, desto mehr "Belohnungen" in der Kryptowährung gibt es. Alle Transaktionen damit werden demnach auf der Blockchain festgehalten, was Geschwindigkeit, Sicherheit und Transparenz erhöhen soll. Banken in Kenia würden das Projekt aber kritisieren, weil es die Landeswährung entwerte. Wenn Sarafu-Gutscheine irgendwo nicht akzeptiert werden, müssten sie in die lokale Währung umgetauscht werden, was Geld kostet und die Risiken erhöht. Hinzu komme, dass oft unklar bleibe, was bei fehlgeschlagenen Transaktionen zu tun sei.

Weitere vorgestellte Projekte stammen vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, der Hilfsorganisation Oxfam, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) und der EU. Problematisch sei unter anderem, dass die zugehörigen Anwendungen oft in englischer Sprache gehalten seien. Wer sich dann Hilfe suchen müsse, sei anfällig für Betrügereien. Ferner seien für den Umgang mit der experimentellen Technik Fähigkeiten nötig, die die Menschen von den gewohnten Zahlungsmitteln nicht kennen würden. Die Verantwortung dafür würde aber auf sie verlagert. Schließlich arbeiten die Verantwortlichen oft mit Start-ups zusammen, die die Technik bereitstellen. So sei die Firma IrisGuard in den Besitz von 2,7 Millionen Iris-Scans syrischer Geflüchteter gelangt.

Auf Basis des Berichts fordert Cheesman, dass Web3-Techniken – "vor allem nicht getestete Kryptowährungen" – nicht zu Versuchszwecken marginalisierten Gruppen aufgedrängt werden sollten. Wer keine Alternative habe, könne dem schlecht widersprechen, auch wenn damit unerwünschte Konsequenzen und Risiken verbunden sind. Öffentliche Institutionen sollten zusammenarbeiten, um Web3-Unternehmen zu überprüfen, fordert sie weiter. Schließlich sei eine kritische und evidenzbasierte Erforschung der Techniken nötig, um die behaupteten Vorteile von Blockchains in Bezug auf Dezentralisierung, Datenschutz und Vertrauenswürdigkeit entkräften zu können. Der 38-seitige Bericht ist online abrufbar.

(mho)