Kryptogeldmining in den USA: Kraftwerksbetreiber entdecken das Schürfen

Warum seinen Strom ins Netz einspeisen, wenn man ihn auch für Bitcoinmining verwenden kann, scheinen sich manche Kraftwerksbetreiber in den USA zu sagen.

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Fruchtbares Feld, glückliche Menschen, Atomkraftwerk: So wirbt der Versorger Energy Harbor, der eine neue Bitcoinmining-Farm mit Strom versorgen will.

(Bild: Harbor Energy)

Von
  • Axel Kannenberg

In den USA scheinen die Betreiber von Kraftwerken zunehmend das Kryptogeld-Mining als Geschäftsfeld für sich zu entdecken. Angesichts der Kritik an der Klimabilanz beim Bitcoin-Schürfen um klimafreundlichen Anstrich, was auch eine Energiequelle beinhaltet, von der man sich hierzulande forciert verabschiedet: die Atomkraft.

So will laut Bericht von Datacenter Dynamics der Energieversorger Talen Energy einen Rechenzentrums-Kampus direkt an seinem Kernkraftwerk Susquehanna Steam Electric Station im US-Bundesstaat Pennsylvania errichten. Zwei Geschäftsfelder will man dabei über seine eigens gegründete Tochterfirma Cumulus bedienen: Hyperscale-Computing und Kryptogeldmining. Die Anlage werde zunächst Mitte 2022 als 164-MW-Rechenzentrum starten, die Kapazität solle dann auf 300 MW wachsen.

"So wie die Stromnachfrage bei Rechenzentren und Kunden aus der Kryptobranche wächst, steigt auch der Bedarf nach CO2-freien Energiequellen", zitiert Datacenter Dynamics aus einer Präsentation von Talen Energy. Demnach wirbt der Energieversorger mit verlässlicher, günstiger und emissionsfreier Energie, die die Erzeugungs-Schwankungen erneuerbarer Energien vermeide, und sieht sich dabei bestens für seine Kundschaft aufgestellt. Einen Ankerkunden für den Kryptogeldbereich soll es bereits geben.

Energy Harbor, ein Betreiber von fünf Atomkraftwerken in den USA, teilte wiederum mit, einen fünf Jahre währenden Versorgungsdeal mit der Firma Standard Power abgeschlossen zu haben, die Minern Infrastruktur anbietet. Ab Dezember soll dann Strom für ein Mining-Rechenzentrum im Bundesstaat Ohio fließen, das auf dem Gelände einer alten Papiermühle eingerichtet werde. So könne klimafreundlich nach Coins geschürft werden.

Und sollte es die Stromversorgungslage in Ohio erfordern, dann werde Standard Power auch zeitweise den Betrieb einstellen, damit die Energie woanders hinfließen kann, versprechen die beiden Geschäftspartner in ihrer Pressemitteilung. Angaben zum Lieferumfang wurden nicht gemacht.

Erst kürzlich machte auch das Gaskraftwerk Greenidge Power Plant im US-Bundesstaat New York Schlagzeilen. Ein Investor hatte das stillgelegte Kraftwerk gekauft, wieder in Betrieb genommen und verwendet den erzeugten Strom für eine Bitcoin-Mining-Farm, was zu Protesten und Umweltsorgen bei den Anrainern der Anlage führte. Stand Februar 2021 habe man binnen eines Jahres 1186 Bitcoins mit durchschnittlichen Kosten von 2869 US-Dollar pro Coin erzeugt. Derzeit liegt der Bitcoinkurs bei rund 32.000 US-Dollar.

Eine Ausweitung von Kraftwerks- und Miningkapazitäten vor Ort ist bereits geplant. Außerdem soll noch in diesem oder dem nächsten Jahr ein zweite Miningfarm in einer ehemaligen Druckerei im Bundesstaat South Carolina ans Netz gehen. Greenidge bezeichnete die Anlage als klimaneutral – zwei Drittel des Bedarfs sollen aus Atomstrom kommen, für den Rest aus offenbar nicht so emissionsarmen Quellen wolle man Zertifikate als Ausgleich kaufen. Beim Gaskraftwerk setzt Greenidge ebenso auf Zertifikate, um Klimabewusstsein zu demonstrieren.

Auch die Albany Engineering Corp., die das älteste Wasserkraftwerk der USA restauriert und wieder in Betrieb genommen hat, experimentiert mit Bitcoin-Mining auf gebrauchter Hardware. Nur so sei die alte Maschinerie überhaupt noch profitabel zu betreiben, erklärten die Macher der Zeitung Times Union: Die Einspeisung des Stroms ins nationale Netz werde mit rund 3 US-Cent je Kilowattstunde vergütet, beim Bitcoin-Mining falle das Dreifache ab.

Spätestens seitdem Chinas Behörden konzertiert gegen die Miningfarmen vorgehen, verlagert sich das Mining in andere Länder. In den USA scheint sich ein regelrechter Boom abzuzeichnen; vielleicht nimmt das Land schon bald die führende Rolle ein, die einstmals China mit über zwei Dritteln der Schürfkapazität des Bitcoinnetzwerks innehielt. Mehrere US-Miningfarm-Betreiber kündigten jedenfalls massive Zukäufe an Hardware an. Und der in den Vereinigten Staaten beheimatete Schürf-Pool Foundry USA vereint auf sich inzwischen auch schon fast 10 Prozent der Hashingleistung des Bitcoin-Netzwerks.

Laut jüngsten Schätzungen der Universität Cambridge nahm der Anteil Chinas an der globalen Miningleistung übrigens schon vor den Maßnahmen gegen die Miner ab. Im September 2019 lag der Anteil demnach noch bei 75 Prozent und verringerte bis April 2021 bei 46 Prozent. Die USA legten im gleichen Zeitraum von 4 auf fast 17 Prozent zu. Als Nummer drei folgt laut den Zahlen Kasachstan mit rund 8 Prozent.

(axk)