Kultusminister: Schulschließungen vermeiden, Präsenzunterricht hat Priorität

Die Kultusminister hoffen auf Präsenzunterricht im kommenden Schuljahr. Digitale Lösungen sind für sie kein Ersatz. Der Bitkom ärgert sich.

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(Bild: Rido/Shutterstock.com)

Von
  • Falk Steiner
  • Kristina Beer

Die für Schulen zuständigen Kultusminister der Bundesländer wollen pandemiebedingte Schulschließungen möglichst verhindern, schließen diese für das kommende Schuljahr aber nicht völlig aus. Zudem fordern sie eine Weiterführung der bereits aufgelegten Aufholprogramme für Kinder und Jugendliche. Die Folgen der Pandemie würden in den Schulen noch länger spürbar bleiben.

Gegenüber digitalen Lösungen zeigten sich Kultusministerinnen und Kultusminister eher ablehnend. Einen Überblick über Ausstattung mit Geräten und den Einsatz digitaler Lehrformen in Schulen habe die Kultusministerkonferenz (KMK) nicht. Dies erklärten die Vertreterinnen und Vertreter der KMK am heutigen Freitag in Berlin.

Ende Juli wollen die Kultusministerinnen und Kultusminister zusammenkommen, um über den Maßnahmenkatalog für das kommende Schuljahr vor dem Hintergrund der Coronavirus-Pandemie zu beraten. Ende Juli sollen die Ergebnisse mehrerer wissenschaftlicher und politischer Gremien vorliegen, welche die Wirksamkeit vergangener Infektionsschutz-Maßnahmen evaluieren und daraufhin Empfehlungen aussprechen wollen.

Die konkreten Maßnahmenkataloge im Rahmen des Bundesrechts müssten schlussendlich die Bundesländer beschließen. Die Schulschließungen des Schuljahres 2020/21 hätten "offensichtlich sehr tiefe Lücken gerissen", sagte der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD) während der Pressekonferenz der KMK. Das betreffe nicht nur den Bildungsbereich, sondern auch den psychosozialen Aspekt. "Es geht in der Schule auch darum, dass junge Menschen in ihrer sozialen Entwicklung bestärkt werden", sagte Rabe. "Dies ist online nicht leistbar." Eine Schulschließung über sechs Wochen würde Rückstände verursachen, die wesentlich länger zum Aufholen benötigten.

Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) sagte, dass deshalb die ursprüngliche Planung, die Rückstände bis zum Schuljahr 2023/24 aufzuholen, absehbar nicht ausreiche: "Wir brauchen einen langen Atem, das wird uns noch einige Jahre beschäftigen."

Um Lernrückständen und psychosomatischen Effekten entgegenwirken zu können, bitten die Länderminister die Bundesregierung dementsprechend um eine Verlängerung des Programms "Aufholen nach Corona" über das kommende Schuljahr hinaus.

Zunächst solle dies bis Ende des übernächsten Schuljahres 2023/24 stattfinden und mit 500 Millionen Euro ausgestattet werden. Angesichts anderer Rettungspakete im Corona-Kontext sei dies keine übertriebene Summe. Anschließend soll es, so der KMK-Beschluss, eine gemeinsame Anschlussfinanzierung von Bund und Ländern für weitere Maßnahmen geben.

Zudem fordern die Länder die Ampelkoalition im Bund auf, das im Koalitionsvertrag vorgesehene sogenannte Startchancen-Programm schnell und im veranschlagten finanziellen Umfang von bis zu 1,25 Milliarden Euro zu verabschieden. Damit sollen insgesamt 8.000 Schulen durch den Bund mit gefördert werden, teils mit Investitionen, teils mit der Übernahme von Kosten für Sozialarbeit.

Anbieter von Online-Nachhilfe-Programmen und Bildungs-Plattformen hatten sich zunächst über die Auflegung des Aufholprogramms im Mai 2021 gefreut, erkannten aber schnell Hürden für ihre Teilhabe. Die "Initiative der deutschen digitalen Bildungsanbieter" (iddb) forderte deshalb zwischenzeitlich, dass auch ihre digitalen Angebote "Teil der Bildungslandschaft" werden sollten. Gegenüber bereits etablierten Schulbuchverlagen und anderen Marktteilnehmern fühlten sie sich strukturell benachteiligt.

Einen Überblick darüber, wie der Einsatz digitaler Lehrformen in der Praxis ist und wie die Ausstattung mit Geräten ist, hat die KMK nach eigener Aussage nicht. Denn je nach Bundesland sei die Unterrichtskonzeption weitgehend den Lehrkräften freigestellt und die technische Ausstattung, mit Ausnahme Hamburgs, nicht Aufgabe der Bundesländer, sondern der Kommunen.

Unter Verweis auf den überschaubaren Mittelabfluss aus dem Digitalpakt Schule bis Ende 2021 forderte der IT-Verband Bitkom die Evaluation der bisherigen Maßnahmen und die Einberufung eines Bildungsgipfels mit Digitalschwerpunkt. Bitkom-Präsident Achim Berg unterstrich seine Kritik am bisherigen Vorgehen deutlich: "Bis Ende 2021 sind aus allen Teilen des Digitalpakts Schule lediglich 19 Prozent der zur Verfügung stehenden 6,5 Milliarden Euro abgeflossen, bezogen auf den Basis-Digitalpakt sind das gerade einmal 8,5 Prozent der zur Verfügung stehenden Mittel. Damit können wir nicht zufrieden sein. Unterricht muss heute auch digital unterstützt und Bildungsinhalte müssen auch digital vermittelt werden." Berg bezog sich in seiner Kritik sowohl auf die aktuelle Tagung der KMK als auch auf die Ergebnisse einer zeitgleich in Bonn stattfindenden Statuskonferenz, in deren Rahmen ein Erfahrungsaustausch zur Umsetzung des Digitalpakts Schule erfolgt.

Die Kultusministerkonferenz will den Einsatz digitaler Anteile und Themen selbst deutlich stärken. So soll etwa im Rahmen der Überarbeitung der Bildungsstandards für das Fach Deutsch Kompetenzen für eine sichere Nutzung im Netz zu den Standards gehören und schulabschlussrelevant werden.

"Es ist wichtig, dass Schülerinnen und Schüler zunehmend digital arbeiten", sagte die Bildungsministerin Schleswig-Holsteins und KMK-Vorsitzende Karin Prien (CDU). "Das muss man aber davon trennen, ob es sinnvoll ist, insgesamt wieder in Distanzlernphasen zu gehen." Es gehe um eine sinnvolle Kombination der Möglichkeiten. Schule sei nicht mehr dieselbe wie vor der Pandemie – aber der Einsatz digitaler Mittel sei sehr unterschiedlich ausgeprägt.

Der Druck auf die Bildungsministerien und Schulen, stärker auf digitale Angebote zu setzen, entstehe dabei auch aus einem anderen Grund: Absehbar laufen die Bundesländer in einen massiven Lehrermangel. "Wir haben in den letzten Wochen erkannt, dass die bisher diskutierten Maßnahmen nicht ausreichen werden", sagte Hamburgs Schulsenator Rabe. "Bisherige Maßnahmen beschränken sich auf das Ziel, mehr Lehrkräfte zu gewinnen." Allerdings müsste allein in Hamburg unter den gegebenen Bedingungen jeder siebte Studienanfänger Lehrkraft werden wollen, damit der Bedarf gedeckt würde. Dies sei unrealistisch.

Die Fachminister wollen hier nun den gesamten Prozess von der sogenannten Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der KMK prüfen lassen: Von der Attraktivität des Lehramtsstudiums und Referendariats über die Frage, wie Lehrerinnen und Lehrer häufiger für eine Vollzeittätigkeit zu gewinnen seien bis hin zur Anerkennung ausländischer Lehramtsqualifikationen müsse alles überprüft werden.

Angesichts der absehbaren Probleme fordert die KMK-Vorsitzende Prien dabei eine "Debatte ohne Tabus": So müsse zum Beispiel auch geprüft werden, wer an den Schulen welche Aufgabe wahrnehmen müsse – Multiprofessionalität sei eine Möglichkeit, die jetzt geprüft werden müsse.

Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), begrüßte, dass die KMK der Behebung des Lehrkräftemangels nun "die Aufmerksamkeit schenke, die dieses Thema eigentlich schon seit Jahren verdient hätte." Er wies aber auch darauf hin, dass es für den VBE unabdingbar sei, dass "die Qualität der Lehrkräfteausbildung bei der Entwicklung neuer Wege zur Gewinnung von Lehrkräften nicht beeinträchtigt werden darf".

Auch dürften die jetzigen Bemühungen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Schulen schon jetzt unter massivem Personalmangel litten. Lehrkräfte würden unter Gefährdung ihrer Gesundheit ihre zumutbare Belastungsgrenze seit geraumer Zeit ständig überschreiten. Die Politik sei daher in der Pflicht, neben langfristigen Perspektiven auch endlich Maßnahmen vorzulegen, wie eine kurzfristige Entlastung erfolgen könne.

Skeptisch zeigte sich Beckmann gegenüber dem von der KMK ausgerufenem Motto "Größtmögliche Normalität im Schuljahr 2022/2023". Von Normalität in den Schulen könne "nach wie vor keine Rede sein, auch wenn der Unterricht inzwischen überall wieder in Präsenz stattfindet." Sowohl die Schülerschaften als auch die Lehrkräfte seien von der Corona-Sommerwelle betroffen. Der VBE vermisse auch am Ende des Schuljahres 2021/2022 erneut, dass "die KMK den Gesundheitsschutz in den Schulen z. B. durch verbesserte technische Maßnahmen in den Sommerferien weiter vorantreiben will, um die Schulen zu sicheren Lernorten zu machen." Der Bundesgesundheitsminister warne bereits vor möglichen Ausweitungen der Pandemie im Herbst, die KMK setze aber "anscheinend erneut auf das Prinzip Hoffnung und lässt wenig Konkretes verlauten."

Schon vor einem Monat, erklärte Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, dass die Befürchtung um sich greife, dass ein möglicher Pandemie-Herbst- und -Winter nicht richtig vorbereitet wird. An den Schulen fehle es immer noch am professionellen IT-Support, und auch die versprochenen Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer seien weiter Mangelware. Er warnte: "Niemand kann ausschließen, dass Distanzunterricht in einer Herbstwelle wieder nötig sein könnte."

(kbe)