Kunst trifft KI: Festivalauftakt im KI-Park Heilbronn mit Science-Slam und Musik

Künstliche Intelligenz erleben ist das Motto: In Heilbronn richten Coding-Schule 42 und KI-Verband ein Burning-Man-Festival mit Science-Slam und Livemusik aus.

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KI-Festival Heilbronn: Künstliche Intelligenz erleben, 15.-17. Juli 2022
Von
  • Silke Hahn

Als Auftaktveranstaltung zum neu entstehenden KI-Ökosystem in Heilbronn findet vom 15. bis 17. Juli 2022 dort unter dem Motto "AI 4 Real" das erste KI-Festival statt. Auf dem ehemaligen Gelände der Bundesgartenschau (BUGA) im "Zukunftspark Wohlgelegen" können Gäste Künstliche Intelligenz (KI) drei Tage lang in lebensnahen Anwendungen direkt erfahren. Beispielsweise wird es darum gehen, wie KI in der Medizin oder Marktforschung zum Einsatz kommt und in welchen Anwendungen schon heute KI steckt, ohne dass man es vielleicht weiß. Start-ups und der KI-Bundesverband wollen damit nach eigenen Angaben Berührungsängste abbauen, um das hierzulande etwas skeptisch beäugte Thema Künstliche Intelligenz der Allgemeinheit besser zu vermitteln.

Das Programm des KI-Festivals bietet abwechselnd Musik und Kurzvorträge aus Forschung, Hacker-Community, IT-Unternehmen und Kommunen: In achtminütigen Beiträgen nach Art eines Science-Slam bringen Fachleute Künstliche Intelligenz auf die Bühne. Für das leibliche Wohl sorgen Food Trucks. Begleitend findet auch ein Beach-Volleyball-Turnier statt.

Über den gesamten Zeitraum des Festivals hinweg werden Praktiker aus der KI-Technik und -Industrie innerhalb von 72 Stunden drei bis fünf KI-Anwendungen für Unternehmen bauen. Anders als bei einem Hackathon ist dabei die Umsetzung das Ziel: Die Anwendungen sollen unmittelbar laufen und den Teilnehmern des Festivals praktisch etwas nutzen. Zurzeit finalisieren die Veranstalter die Endauswahl der Speaker. Schulen und Studierende sind besonders willkommen. Die Veranstaltung steht ausdrücklich nicht nur Tech-Enthusiasten, sondern allen offen und der Eintritt ist frei.

"Einfach mal tun" ist in Deutschland nicht unbedingt die Norm, obwohl die Bundesrepublik den Ruf hat, besonders in der Produktion weit vorn zu sein. Gerade in Industrie und Technik sind Kreativität und Unternehmergeist aber oft mit kleinteiligen Vorgaben und Befindlichkeiten konfrontiert, die die Spontaneität ausbremsen. Beispielsweise mit Blick auf die Zusammensetzung der Forschungsabteilungen größerer Silicon-Valley-Firmen wird außerdem deutlich, dass hier ausgebildete Ingenieure sich schon öfter zum Auswandern veranlasst sahen. Mit dem KI-Festival will eine Allianz aus Forschern und Praktikerinnen dem etwas entgegensetzen – dahinter stehen als Veranstalter Sven Körner vom KI-Bundesverband und die Heilbronner Programmierschule 42.

Citizen Developer: IT-Schule 42

Das Konzept der gemeinnützigen, gebührenfreien IT-Schule 42 stammt ursprünglich aus Frankreich und soll Programmierkenntnisse einer breiteren Bevölkerung zugänglich machen, mittlerweile gibt es zahlreiche regionale Ableger: Weltweit soll es über 30 Standorte geben, in Deutschland ist 42 neben Heilbronn und Wolfsburg auch in Berlin vertreten.

Jede Person ab 18 Jahren soll sich nach Abschluss eines Tests auf der Website als Bewerberin oder Bewerber registrieren können. Wer die erforderliche Aufmerksamkeit und logische Fähigkeiten nachweisen kann, die zum Erlernen des Programmierens nötig sind, gelangt ins "Schwimmbecken" (französisch: Piscine) und kann in einem vierwöchigen Vorkurs die Sprache C erlernen.

Nach dem Vorkurs erhalten die 42-Teilnehmer eine zwei- bis fünfjährige IT-Ausbildung mit projektbasiertem Lernen und Peer-to-Peer-Didaktik, wobei die Schülerinnen und Schüler einander gegenseitig unterstützen. Zu Beginn liegt der Fokus auf Unix und der Programmiersprache C sowie dem Implementieren einer Engine.

Das Leben, das Universum und der ganze Rest

Im weiteren Verlauf erlernen Teilnehmer unter anderem PHP, C++, OCAML und Grundlagen in Künstlicher Intelligenz, Sicherheitsthemen beziehungsweise Hacking. Wer seine Praktika erfolgreich abschließt, kann an andere Schulen des 42-Netzwerks wechseln. Als Referenten beteiligen sich namhafte internationale Developer, Politiker, aber auch beispielsweise Astronauten an dem Programm.

Der Name "42" ist eine Hommage an Douglas Adams und sein Buch "Per Anhalter durch die Galaxie", in dem der Supercomputer Deep Thought als Antwort auf die Frage aller Fragen (nach "dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest") nach langen Rechenvorgängen statt einer komplizierten Antwort diese Zahl ausgab.

Weiterführende Informationen bietet die Website von 42 Heilbronn. Wer sich für die Wurzeln und das Konzept interessiert, findet auf der Webseite von 42.fr auch auf Englisch Hinweise.

Geschäftsführer von "42 Heilbronn" ist Thomas Bornheim, der zuvor 14 Jahre lang in verschiedenen Positionen bei Google arbeitete. Bornheim hatte Literatur, Geschichte und Philosophie studiert. Gemeinsam mit dem promovierten Informatiker und KI-Firmengründer Sven Körner kam Bornheim die Idee, einen "Burning Man" in Deutschland zu veranstalten. Wer davon noch nichts gehört hat: Burning Man ist ein alljährliches, mehrtägiges Kunst-Festival in der Black-Rock-Wüste in Nevada, das seine Ursprünge in einem kleinen Event am Strand von San Francisco hatte, wo 1986 der erste Burning Man mit 20 Teilnehmern stattfand. Mittlerweile kommen regelmäßig rund 80.000 Teilnehmer zu der Veranstaltung (in der Pandemie fiel sie aus). Traditionellerweise wird zum Abschluss des Events eine hölzerne, überlebensgroße Statue verbrannt.

Ob bei dem Heilbronner "Burning Man für KI" (so Sven Körner) etwas Ähnliches geplant ist, ist der Redaktion nicht bekannt. Die Veranstaltung soll nach Aussagen ihrer Veranstalter jedenfalls "KI auf den Boden bringen" und Vermittlung ohne elitäres Gehabe oder Messecharakter betreiben. Für die Gestaltung der Kurzvorträge haben die antretenden Künstler, Wissenschaftlerinnen und Hersteller freie Hand – solange es jargonfrei bleibt, konkret und inspirierend ist. Die Veranstalter rechnen mit etwa 1.800 Besuchern, wobei die Veranstaltung für bis zu 8.000 Menschen zugelassen ist. Das Programm gestalten DJs, Bands und Vortragende aus Technik-Start-ups, Kommunen und Industrie, wobei verschiedene Branchen vertreten sein werden. Ein Teil des Programms soll auch online verfügbar sein, wobei der Schwerpunkt vor Ort stattfindet, wo es laut den Veranstaltern neben den Vorträgen Exponate und "kleine KI-Erlebniswelten" zu erkunden gibt.

"Zukunftspark Wohlgelegen": Das KI-Festival findet in Heilbronn vom 15.-17. Juli 2022 auf dem ehemaligen Gelände der Bundesgartenschau statt.

(Bild: Sven Körner)

Die Veranstalter zeigen sich ergebnisoffen: Es handelt sich um einen Testballon. So sagte Sven Körner gegenüber heise Developer, dass man sich anschauen werde, wie es läuft. Bei entsprechender Resonanz soll 2023 eine größere KI-Messe und -Konferenz stattfinden. Die Ausgangsbasis dafür scheint in Heilbronn im bundesweiten Vergleich besonders günstig zu sein, da hier eine große Bereitschaft zur Übernahme der Kosten gegeben ist: Im Sommer 2021 hatte Heilbronn einen Standortwettbewerb des Landes Baden-Württemberg gewonnen und erhält vom Wirtschaftsministerium des Landes bis zu 50 Millionen Euro an Finanzierung. Davon profitiert offenbar auch das Festival, das keine Eintrittspreise erheben muss.

Heilbronn baut zurzeit auf einem 25 Hektar großen Teil des Geländes der ehemaligen Bundesgartenschau einen KI-Innovationspark (offizielle Bezeichnung: "IPAI – Innovation Park Artificial Intelligence"), der bis 2025/26 planmäßig fertig sein wird und Raum für 5.000 Menschen bieten soll. Das Festival feiert auch die bevorstehende Teileröffnung: Das baden-württembergische Wirtschaftsministerium hatte einem vorzeitigen Start offenbar zugestimmt, wie der Lokalpresse zu entnehmen war. Erste Räumlichkeiten sind bereits in Betrieb genommen, und die Finanzierung des Projekts steht laut den Ausrichtern dank der von Land und Kommune geteilten Finanzierung. Die gemeinnützige Dieter-Schwarz-Stiftung hat sich demzufolge bereitgefunden, das Anliegen eines KI-Campus in der Region zu fördern und bei Bedarf Zuschüsse zu leisten. Auch hier scheint sich die Mentalität "Einfach mal machen" abzuzeichnen.

Die südwestdeutsche Lokalpresse hatte das Thema im Vorfeld bereits aufgegriffen, unter anderem hatten SWR Aktuell und Echo24 Heilbronn berichtet. Für diese Meldung hat heise Developer direkt mit den Veranstaltern gesprochen. Wer das KI-Festival besuchen möchte, findet das Programm und weitere Hinweise zu den Teilnehmern und Speakern auf der Festival-Website.

(sih)