Kurz ausprobiert: Distribution AV Linux 2021.05.22 für Multimedia-Enthusiasten

AV Linux richtet sich mit vorinstallierten Werkzeugen an Nutzer, die Video- und Audio-Inhalte erschaffen. Wir haben die Linux-Distribution kurz angetestet.

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Der Standard-Desktop von AV wirkt schlank und aufgeräumt, aber nicht sonderlich farbenfroh. Er basiert auf Xfce und nutzt Openbox als Window-Manager.

(Bild: Screenshot)

Von
  • Martin Gerhard Loschwitz

Wenn es um das Bearbeiten von Videos oder das Aufnehmen qualitativ hochwertiger Audio-Stücke geht, dürfte den meisten Anwendern als geeignetes Betriebssystem nicht zuallererst Linux in den Sinn kommen. Typische Kritikpunkte und Vorbehalte sind fehlende Pendants zu beliebten proprietären Werkzeugen für Windows oder macOS, eher schwer bedienbare, allzu komplexe Alternativprogramme sowie eine vermeintlich fehlende Realtime-Unterstützung.

Das auf MX Linux basierende AV Linux tritt an, um Skeptikern das Gegenteil zu beweisen. Als Projekt eines eher kleinen Entwicklerteams kombiniert AV Linux einen aktuellen, speziell angepassten Linux-Kernel mit den – nach Meinung der AV Linux-Entwickler – besten Werkzeugen zur Multimedia-Bearbeitung unter Linux. Wir haben die Ende Mai erschienene Version 2021.05.22 kurz ausprobiert um herauszufinden, ob die Distribution hält, was die Entwickler versprechen.

AV Linux 2021.05.22 kurz ausprobiert (3 Bilder)

Gut ausgestattet

Ardour ist ein komplettes digitales Tonstudio für Linux, Open-Source-Software und fester Bestandteil von AV Linux. (Bild: Screenshot)

Ende 2019 entschloss sich AV Linux-Chefentwickler Glen MacArthur zum Wechsel von Debian Stretch hin zu MX Linux als Basis für seine Distribution. MX fußt wiederum auf Debian; Vorteile für Multimedia-Begeisterte ergeben sich jedoch aus seinem Fokus auf besonders hohe Stabilität und Performance in Kombination mit optisch ansprechenden und effizienten Desktops. Vor allem Audio-Enthusiasten kämpfen bekanntlich auch und vor allem mit Latenz beim Computing, etwa im Rahmen von Live-Aufnahmen.

Laut MacArthur schlägt der MX-Kernel sich hier schon besser als das Standard-Modell von Debian. Weil der Hauptentwickler allerdings noch immer nicht mit dem Standard-MX-Kernel zufrieden war, nutzt AV Linux weiterhin auf einen speziell angepassten Kernel mit diversen Realtime-Patches.

Die Verwandtschaft mit MX Linux sorgt freilich auch dafür, dass AV Linux sämtliche zu MX Linux gehörenden Tuning-Werkzeuge an Bord hat. Weniger erfahrene Anwender laufen möglicherweise Gefahr, sich in den Untiefen des AV Linux-Menüs zu verlieren, denn für nahezu jede Stellschraube des Systems gibt es hier ein entsprechendes Werkzeug zur Bearbeitung. Versierte Nutzer dürften die vielen Anpassungsmöglichkeiten hingegen eher als Vorteil empfinden.

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Der AV-Standard-Desktop ist Xfce. Als Window-Manager nutzt MacArthur allerdings nicht den zu Xfce gehörenden Window-Manager Xfwm, sondern Openbox. Der, so die Entwickler, sei nochmal deutlich ressourcensparender als das Standard-Werkzeug aus Xfce und lasse auf älteren Systemen mehr Ressourcen für Audio- und Videobearbeitung als primäre Aufgaben von AV Linux frei. Insgesamt wirkt der Desktop auch nicht wie ein typischer Xfce-Desktop: Menü, Startleiste und System-Tray sind eher so angeordnet, wie man es von Windows oder KDE her kennt. Das mag ein Zugeständnis an potenzielle Windows-Umsteiger sein, dürfte in den meisten Fällen jedenfalls wenig bis gar nicht stören.

Eher dürften manche Nutzer Anstoß daran nehmen, dass der AV Linux-Desktop ab Werk recht farblos und trist daherkommt. Wer Fan des "Dark Mode" ist, ist mit dem Standard-Openbox-Theme möglicherweise gut bedient. Wer es etwas bunter mag, muss auf ein anderes Desktop-Theme umschalten – leider liegt der Distribution erst gar kein deutlich helleres Theme bei.

Wie steht es nun aber ganz konkret um die Audio- und Videofähigkeiten des Systems? Ein Blick in das "Multimedia"-Menü verdeutlicht schnell, dass AV Linux sich in der Tat an Profis in Sachen Multimedia richtet. Audacity, mit dem auch Gelegenheits-DJs zurechtkommen, liegt dem System ganz selbstverständlich bei. Profis brauchen aber mehr Features – und so hat AV Linux unter anderem gleich zwei vorinstallierte Digital Audio Workstations (DAW) an Bord: das Open-Source-Programm Ardour einerseits und das proprietäre Harrison Mixbus andererseits. Ardour lässt sich ohne Einschränkungen nutzen, Mixbus funktioniert als Demo-Version, für die sich auf der Website des Herstellers eine Lizenz erwerben lässt. Selbst exotische Audio-Codecs, die der Nutzer womöglich für seine Arbeit braucht, sind im System vorinstalliert.

Auch in Sachen Integration separater, zur professionellen Audiobearbeitung benötigter Hardware nimmt AV Linux dem Anwender viel Arbeit ab. Es stehen ab Werk JACK, ALSA sowie PulseAudio zur Verfügung – und diese sind auch so eingerichtet, dass Ardour und Co. sie erkennen. Ganz gleich, wie der Admin die Hardware also ansteuert, sollte sie in AV Linux zuverlässig nutzbar sein. Und Ardour und Mixbus sind nur zwei Beispiele des Audio-Sortiments in AV Linux: Zum Lieferumfang gehören etwa auch ZynAddSubFX, Shuriken oder der Drum-Sampler Sitala.

Ebenfalls vielseitig zeigt sich AV Linux in Sachen Videobearbeitung. Neben Standard-Tools wie dem VLC-Media-Player oder MPV finden sich etwa auch der für KDE konzipierte Video-Editor Kdenlive sowie eine Fülle von Werkzeugen, um verschiedene Video-Formate zu demuxen, zu dekodieren oder zu enkodieren. Auch der Ripper und Konvertierer HandBrake gehört fix zum Lieferumfang von AV Linux. Für Freunde von 3D-Modellierung und 3D-Effekten bietet Blender einen riesigen Funktionsumfang, den man als Anwender allerdings auch bedienen können muss.

Ihr Paket runden die AV Linux-Entwickler mit diversen Werkzeugen ab, um Audio- und Videodateien mit Standard-konformen Tags zu und wenn nötig mit grafisch ansprechenden Grafiken zu versehen. GIMP und InkScape liegen der Distribution daher ebenso bei wie die Bildverwaltung Shotwell.

Obgleich durchaus auch "Alltags-Werkzeuge" wie Firefox, Thunderbird oder LibreOffice vorinstalliert sind, ist der Schwerpunkt von AV Linux auf Audio- und Videobearbeitung angesichts seines auf hohe Performance getrimmten Unterbaus und der Fülle an mitgelieferten Profi-Werkzeugen im "Multimedia"-Ordner des Start-Menüs unverkennbar.

Nutzer, die mit diesen Werkzeugen umzugehen wissen und ihre Arbeit oder ihr ambitioniertes Hobby-Projekt gern mit einem Linux-System bestreiten wollen, finden in AV Linux eine extrem potente Distribution, die ihnen von vornherein eine Menge Installations- und Konfigurations-Arbeit abnimmt. Die Unterstützung für Spezialhardware und die konsequente Optimierung auf Effizienz sorgen überdies dafür, dass es für gute Ergebnisse nicht des neuesten "Rechenknechts" mit 64-Kern-CPU bedarf.

Die Entwickler stellen AV Linux als bootbare ISO-Datei mit Live-Modus auf ihrer Website zur Verfügung. Wer AV Linux lieber installieren möchte, startet aus dem Live-Modus heraus die Installationsroutine über das Kontext-Menü des Desktops. Das Passwort für den Sysadministrator "root" lautet, ebenso wie das des "demo"-Nutzers, "demo".

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(ovw)