Langwellig: Infrarotfotografie im Selbstbau

Infrarotkamera selbstgebaut

Inhaltsverzeichnis

Bei Sigma-SLRs liegt das IR-Sperrfilter leicht zugänglich vor dem Spiegelkasten.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, zu einer Infrarotkamera zu kommen: Einmal durch Einsatz spezieller Objektiv-Schraubfilter, die nur den langwelligen Rotbereich durchlassen. Angeboten werden sie unter anderem von B+W (Schneider-Kreuznach), Heliopan, Kenko (Tokina) und Hoya; preislich liegen sie je nach Durchmesser zwischen 60 und 100 Euro. Voraussetzung für den erfolgreichen Filter-Einsatz ist eine Kamera, die zumindest eine gewisse Restempfindlichkeit im nahen Infrarotbereich aufweist – wie eben die Leica M8 oder die Nikon D70 – und ein Filter-Schraubgewinde besitzt, was beides bei Kompaktkameras leider selten der Fall ist. Ob eine Kamera infrarotempfindlich ist, können Sie mit einer TV-Fernbedienung überprüfen: Im abgedunkelten Zimmer aus etwa 10 cm Entfernung ein Blatt Papier damit "anstrahlen" (z.B. einen der Lautstärke-Knöpfe gedrückt halten) und bei ca. 1/10 s Belichtungszeit und offener Blende fotografieren. Wird auf dem Foto ein heller Fleck auf dem Blatt sichtbar, ist die Kamera geeignet. Bei Kompakten oder SLRs mit LiveView-Betriebsart sollte sich der helle Fleck schon auf dem Monitor abzeichnen.

Nachteil bei Einsatz eines Filters: Eine Motivbeurteilung durch den Sucher ist wegen der sehr geringen Durchlässigkeit der IR-Filter für sichtbares Licht fast unmöglich. Außerdem erzwingt der Filter-Einsatz recht lange Belichtungszeiten, weil durch das IR-Sperrfilter des Sensors genau der hier interessierende Bereich wieder stark abgedämpft wird.

Unser Opfer: Eine ältere Nikon D70 mit dem Operationsbesteck.

Eine ausgediente Spiegelreflex lässt sich aber durch Entfernen des IR-Sperrfilterglases vor dem Sensor so modifizieren, dass sie uneingeschränkt für die Infrarotfotografie verwendbar ist. Besonders bequem haben es Besitzer einer Sigma-SLR: hier lässt sich das vor dem Spiegelkasten eingebaute Sperrfilter auch ohne Öffnen der Kamera entfernen. Ansonsten führen einige Fachwerkstätten die IR-Modifikation aus; man kann den Umbau mit etwas Mut und feinmechanischem Geschick aber durchaus selbst erledigen, wie das folgende Beispiel anhand einer alten Nikon D70 zeigt.

Nach Lösen von vier Schräubchen kann die Rückwand nach unten geklappt werden. Die Kamera sollte in dieser Arbeitsposition bleiben.

Sie benötigen lediglich zwei (hochwertige!) Kreuzschlitz-Schraubendreher der Größen PH00 und PH000, ein paar feine Baumwollhandschuhe und eine Viertelstunde lang eine ruhige Hand. Entfernen Sie zunächst Akku und Speicherkarte sowie die vier seitlichen Gehäuseschrauben der Gehäuserückwand. Dann Rückwand vorsichtig herausziehen und nach unten klappen; dabei oben beginnen, weil das Display unten mit einem filigranen Flachkabel mit der Bordelektronik verbunden ist, das Sie nach Möglichkeit nicht herausziehen sollten. Da es sehr knapp bemessen ist, sollten Sie die Rückwand mit einem Klötzchen oder einem Stück Schaumstoff abstützen.

Nun kann die mit vier größeren Schrauben befestigte Alu-Trägerplatte des Sensors gelöst werden; dabei Kamera auf dem Tisch abgelegt lassen. Die Sensor-Platte ebenfalls so auf der Rückwand ablegen, dass keine Kabelverbindungen gelöst werden müssen. Das IR-Sperrfilter ist ein grünlich schimmerndes Glas, das von einem dünnen Blechrähmchen gehalten wird. Die vier Schräubchen des Rahmens entfernen und Rahmen abnehmen. Das Filterglas kann nun vorsichtig abgehoben werden; dabei die Oberfläche nicht berühren. Eventuell "klebt" es etwas an seiner Gummi-Auflage, dann hilft das MacGyver-Universalwerkzeug (Taschenmesser).

Nach Entfernen des IR-Sperrfilters (vorn links) ist die D70 uneingeschränkt Infrarot-tauglich.

Für nebenstehendes Foto haben wir die elektrischen Verbindungen zur Trägerplatte gelöst, was ansonsten tunlichst unterbleiben sollte: Die Subminiatur-Foliensteckverbinder lassen sich kaum wieder vernünftig zusammenfügen, ohne das komplette Unterteil der Kamera zu zerlegen. Sollten sie doch aus den Steckbuchsen herausgerutscht sein, muss vor dem Einstecken eine Klemmung gelöst werden, die durch einen Schieber oder eine Klappmechanik bewerkstelligt wird. Teilweise herausgerutsche Folienkabel können Kurzschlüsse verursachen und die Kamera-Elektronik beim Wiedereinschalten zerstören.

Sie können nun entscheiden, ob die Kamera universell benutzbar bleiben oder nur noch IR-geeignet sein soll: In letzterem Fall schneiden Sie ein Stück unbelichteten Diafilms auf die Größe des Filterglases zurecht (29,5 × 25 mm²) und setzen dieses als "Tiefpass" anstelle des Sperrfilterglases ein. Schwarzer Diafilm, etwa aus einem unbelichteten Endstück, lässt Infrarot fast ungehindert passieren und ist als Filtermaterial überaus preiswert. Außerdem liegt das Dia-Filter"glas" nicht im Strahlengang des Suchers, der damit (fast – aber dazu später) uneingeschränkt benutzbar bleibt.

Ein für das Auge völlig schwarzer Diafilm ist IR-fotografiert fast unsichtbar.

Ansonsten setzen Sie das Rähmchen einfach wieder auf und die Kamera in umgekehrter Reihenfolge zusammen. Der Sensor besitzt ein eigenes Deckglas, so dass ein Ersatz des Filters durch ein Klarglas-Scheibchen überflüssig ist. Auf jeden Fall das Sperrfilterglas gut geschützt aufbewahren, falls die Kamera irgendwann wieder zurückgebaut werden soll. Beim Fixieren der Sensor-Trägerplatte auf bündigen Sitz mit den Kunststoff-Anschlägen rechts und unten achten.

Alternativ kann man (je nach Kamera) den Diafilm-Filterstreifen auch in den Spiegelkasten hinter den Verschluss klemmen, wenn man ihn etwas größer zuschneidet. Dazu versetzt man die Kamera in den Modus "Manuelle Sensorreinigung" oder macht eine "Bulb"-Langzeitaufnahme; beide Optionen geben den Weg zum Sensor frei. Man kann den Filmstreifen dann für das Experimentieren mit externen Filtern oder anderen Filterfolien leichter entfernen.

Gerade bei der D70 empfiehlt es sich, bei Arbeiten am Sensor entgegen den Angaben des Herstellers nach dem Öffnen des Verschlussvorhangs und des Spiegels einfa den Akku zu entfernen. Spiegel und Verschluss werden rein elektrisch betrieben. Ohne Akku kann der Verschluss bei der Arbeit definitiv nicht versehentlich geschlossen und dadurch zerstört werden.

Kleine Anmerkung: Zugegebenermaßen haben wir uns mit der D70 ein besonders einfach umzubauendes Modell ausgesucht. Der Astro-Fotograf A. Roeckelein beschreibt auf seiner Webseite sehr ausführlich den deutlich aufwendigeren Umbau einer Canon EOS 350, auch unser Leser Markus Keinath hat etliches zum Thema auf seiner recht umfangreichen Foto-Bastelseite zusammengetragen. Daneben findet man die meisten Kamera-Umbauanleitungen in astronomischen User-Foren, viele befassen sich allerdings nur mit der Umrüstung von Webcams. Mit der Infrarotempfindlichkeit nicht umgebauter Kameras beschäftigt sich zum Beispiel die Seite http://www.jr-worldwi.de/photo/index.html?ir_comparisons.html.

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