Lautstarker Protest gegen Richard Stallmans Rückkehr zur FSF

Mozilla und die Gnome-Foundation gehören zu den Unterzeichnern eines Briefs, der die Entfernung von Richard Stallman aus der Free Software Foundation fordert.

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(Bild: Dkoukoul (CC BY-SA 4.0))

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Von
  • Axel Kannenberg

Die Rückkehr von Richard Stallman in den Vorstand der von ihm gegründeten Free Software Foundation (FSF) hat für einen Proteststurm in der Open-Source-Welt gesorgt. In einem offenen Brief fordern inzwischen über 2000 Unterzeichner seine sofortige Entfernung von allen Führungspositionen inklusive des von ihm begründeten GNU-Projekts sowie einen Rücktritt des derzeitigen FSF-Vorstands. Stallman werden in dem Schreiben unter anderem frauen- und transfeindliche Positionen vorgeworfen. Solche Sichtweisen hätten keinen Platz in der Tech-Welt sowie unter allen, die sich für freie Software und digitale Bürgerrechte einsetzten.

Es reiche nun mit der Toleranz für "abstoßende" Verhaltensweisen und Ideen Stallmans, meinen die Autoren des Briefs. Personen, die in entsprechenden Positionen seien, sollten die FSF und Stallmans Arbeit nicht weiter unterstützen. Ebenfalls sollten Entwickler nicht weiter zu deren Projekten beitragen. Zu den Unterzeichnern zählen Open-Source-Organisationen wie Mozilla, die Gnome Foundation und das Tor-Projekt sowie zahlreiche namhafte Einzelpersonen aus der Szene.

In einem Appendix haben die Kritiker Beispiele gesammelt, die Stallmans Fehlverhalten dokumentieren sollen. Hier finden sich Äußerungen des GNU-Erfinders über Geschlechtsverkehr mit Minderjährigen, Kinderpornographie oder auch die Empfehlung, dass schwangere Frauen Kinder mit Down-Syndrom besser abtreiben sollten. Ebenfalls wird ihm nachgesagt, dass er sich seit Langem unangemessen gegenüber Frauen verhalte.

Auch die Free Software Foundation Europe (FSFE), eine unabhängige Schwesterorganisation der FSF, forderte einen erneuten Rücktritt Stallmans. Man habe keinen Einfluss in dem Entscheidungsprozess gehabt, betonte die Organisation in einer Mitteilung, und zeigte sich enttäuscht über seine Wiederaufnahme in den FSF-Vorstand. Stallman habe keine Zeichen eines Denkprozesses oder des Bedauerns über Fehler gezeigt. Einstweilen werde man weder mit ihm noch mit der FSF zusammenarbeiten.

Eine unmittelbare Reaktion der FSF auf die massive Kritik liegt bislang nicht vor. In einer Mitteilung vom Mittwoch kündigte der Vorstand aber an, den Prozess zur Aufnahme von Vorstandsmitgliedern zu verändern. Es solle ein transparenter Ablauf sein, der unter anderem der Community die Möglichkeit gebe, an der Diskussion über Kandidatinnen oder Kandidaten teilzunehmen. Am heutigen Donnerstag solle es ein weiteres Treffen des Vorstands geben, bei dem weitere Entscheidungen erwogen werden.

Richard Stallman hatte seine Rückkehr zur FSF vergangenen Sonntag publik gemacht. "Ich plane nicht, ein zweites Mal zurückzutreten", erklärte er dabei. Stallman gründete die FSF im Jahr 1985 als steuerbefreite Wohltätigkeitsorganisation "für die Entwicklung freier Software". Er stand ihr bis zum 16. September 2019 als Präsident vor. Von seinem Vorstandsamt und dann aus dem Vorstand zurückgetreten war er nach Druck aus der eigenen Organisation. Den Anstoß dafür gaben Stallmans Kommentare zu sexuellem Missbrauch in der Affäre rund um Jeffrey Epstein und den MIT-Professor Marvin Minsky.

Dem inzwischen verstorbenen Minsky war eine sexuelle Beziehung zu einer 17-Jährigen vorgeworfen worden. Epstein habe das Mädchen dazu auf seine Insel einfliegen lassen. Stallman verteidigte Minsky auf einer internen MIT-Mailingliste und stellt infrage, dass es sich um Vergewaltigung gehandelt habe. Laut US-Medien äußerte er dabei unter anderem, dass sich die junge Frau wahrscheinlich Minsky bereitwillig präsentiert habe, weil sie unter Zwang Epsteins stand.

[UPDATE: 25.03.2021, 15:00]

Unterstützer Stallmans haben auch einen offenen Brief online gestellt. Man wolle nicht untätig zusehen, wie eine Ikone der freien Software angegriffen werde, heißt es dort. Die Unterstützer sprechen von widerwärtigen Attacken eines Mobs auf Stallman und fordern die FSF auf, nicht dem sozialen Druck nachzugeben. Stallman wieder aus dem Vorstand zu entfernen, würde der Bewegung für Freie Software erheblichen Schaden zufügen, argumentieren sie. Er sei zwar dafür bekannt, seine Ansichten nicht unbedingt diplomatisch oder rücksichtsvoll auszudrücken, doch keine der kritisierten Äußerungen sei für seine Fähigkeit entscheidend, an der Spitze einer Organisation wie der FSF zu stehen.

Aktuell haben diesen Brief über 1500 Personen unterzeichnet, große Organisationen wie beim Brief der Kritiker sind bislang nicht darunter.

(axk)