Lieferdienst Gorillas: Beim Einhorn-Startup hängt der Haussegen schief​

Proteste, Streiks und Betriebsratsgründung: Mitarbeiter des nicht unumstrittenen Startups wehren sich gegen Arbeitsbedingungen und Entlassungen.

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Schöne neue App-Economy: Lieferdienstmodels bei den Gorillas.

(Bild: Gorillas)

Von
  • Volker Briegleb

Beim Lebensmittellieferdienst Gorillas haben zahlreiche Angestellte die Arbeit niedergelegt. Die Streikenden protestieren gegen die Entlassung eines Kollegen und werfen dem Management die Behinderung der laufenden Betriebsratsgründung vor. Am Mittwochabend haben rund 50 Mitarbeiter ein Warenlager in Berlin-Mitte blockiert und Auslieferungen verhindert. Für den Donnerstag sind weitere Aktionen angekündigt, am Vormittag wurde ein Auslieferungslager in Prenzlauer Berg blockiert.

Bei dem Berliner Startup mit Milliardenbewertung hängt der Haussegen schief. Ein Teil der rund 1500 Berliner Mitarbeiter, die Lebensmittel packen und liefern, will einen Betriebsrat gründen. Das Management unterstützt das offiziell, dennoch werfen die Mitarbeiter der Unternehmensleitung vor, die Gründung zu behindern. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und Verdi sowie die Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union (FAU) unterstützen die Betriebsratsgründung.

In der vergangenen Woche hatten die Organisatoren der Betriebsratsgründung zu einer Mitarbeiterversammlung eingeladen, um einen Wahlvorstand zu wählen. Das ist bei der Neugründung eines Betriebsrats der erste Schritt. Ist ein Wahlvorstand bestellt, kann er dann die Wahl des eigentlichen Betriebsrats durchführen. Die Organisatoren sprechen davon, dass rund stimmberechtigte 150 Mitarbeiter an der Betriebsversammlung teilgenommen haben.

Dabei hat es Streit darüber gegeben, wer Zutritt zu der Mitarbeiterversammlung erhält. Das Gesetz sieht vor, dass Mitarbeiter bei einer Betriebsratsgründung unter sich bleiben können. Leitende Angestellte darf der Zutritt zu den Versammlungen verwehrt werden. Doch gehen – nicht nur in diesem Fall – die Vorstellungen, was ein leitender Angestellter ist, auseinander.

Nach der Wahl des Wahlvorstand schickte die Geschäftsführung eine E-Mail an alle Mitarbeiter, in der sie ihre Unterstützung der Wahlen betonte. Zugleich zeigte sich das Management "geschockt", dass einigen Mitarbeitern der Zugang zur Versammlung verwehrt worden sei. Die Organisatoren sagen gegenüber heise online, das nur leitende Angestellte nicht zugelassen wurden. Sie hätten Angestellte belästigt und versucht, sich heimlich Zutritt zu verschaffen.

Dem widerspricht das Unternehmen. "Dies ist so nicht korrekt", sagt ein Sprecher gegenüber heise online. "Wir können bestätigen, dass ungefähr 60-70 Personen von den Organisatoren nicht zur Betriebsratswahl zugelassen wurden. Dabei handelt es ausschließlich um Gorillas MitarbeiterInnen ohne Personalverantwortung. Diese hätten somit zur Wahl zugelassen werden müssen."

Die Organisatoren werfen der Geschäftsleitung vor, die Betriebsratsgründung systematisch zu behindern. "Gorillas unterstützt die Gründung des Betriebsrats voll und ganz", erklärt hingegen der Sprecher. Das Unternehmen arbeite "nach wie vor mit den Organisatoren zusammen." Die Organisatoren werfen der Geschäftsleitung dagegen vor, sie habe versucht, einen der Initiatoren zu entlassen.

Die aktuellen Streiks richten sich gegen Vertragsbedingungen und – so sehen es die Streikenden – willkürliche Entlassungen. Neue Kollegen hätten derzeit sechs Monate Probezeit bei Einjahresverträgen, erklärt ein Arbeitnehmervertreter gegenüber heise online. Die streikenden Mitarbeiter fordern eine kürzere Probezeit und ein Warnsystem, um willkürliche Entlassungen zu verhindern, sowie die Wiedereinstellung eines Kollegen.

Die Kündigung des Mitarbeiters, dessen Wiedereinstellung gefordert wird, sei "ausschließlich verhaltensbedingt" gewesen, erklärt der Unternehmenssprecher. "Wie in allen Unternehmen gibt es auch bei Gorillas klare Richtlinien, wenn es um Fehlverhalten geht, welches zu einer Kündigung führen kann. In dieser Woche wurde nach Fällen groben Fehlverhaltens die Entscheidung getroffen, den Vertrag eines Mitarbeiters innerhalb seiner Probezeit zu kündigen."

Gorillas wurde 2020 gegründet und gilt als eines der heißesten deutschen Startups. Es geht um einen Milliardenmarkt. In einer Finanzierungsrunde Anfang des Jahres konnte der Lieferdienst 240 Millionen Euro von Investoren einsammeln und wird so mit rund einer Milliarde Euro bewertet – was in der Startup-Welt den seltenen "Einhorn"-Status bedeutet. Viele der Mitarbeiter des Startups haben einen Migrationshintergrund, es wird Englisch gesprochen.

Das Geschäftsmodell von Gorillas ist die hyperlokale Lebensmittellieferung. In nur zehn Minuten liefert das Startup die Dinge des täglichen Bedarfs, die man in einer App bestellen kann. Dafür betreibt das Unternehmen zahlreiche kleine Lager im Stadtgebiet, von denen aus die Fahrradkuriere die Bestellungen ausliefern. Das Unternehmen expandiert stark und ist in 18 deutschen Städten sowie in Frankreich, Italien, den Niederlanden und Großbritannien unterwegs.

"Gorillas ist bewusst kein Teil der Gig-Economy", erklärt der Sprecher weiter. "Alle Gorillas-Mitarbeiter, inklusive der Rider und Warehouse-Mitarbeiter sind vertraglich in Fest- oder Teilzeitanstellung, was ihnen geregelte Arbeitszeiten, Krankenversicherung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Aufstiegsmöglichkeiten und ein sicheres Einkommen bietet." Auch Mitarbeiter, die an den Aktionen beteiligt sind, sagen, dass sie eigentlich gerne für Gorillas arbeiten, fordern aber bessere Bedingungen,

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Doch sind die Gorillas nicht unumstritten. In Berlin hat das Unternehmen teils leerstehende Ladenlokale in Wohnvierteln für seine Auslieferungslager angemietet. Anwohner klagen über Belästigungen durch die täglich Anlieferung der Lebensmittel, blockierte Gehwege und Lärm. Einen Standort in Berlin hat das Unternehmen nach Anwohnerprotesten geschlossen.

Anfang Mai hatte Gorillas mit einem Datenleck für Schlagzeilen gesorgt. Über eine Million Bestelldaten von 200.000 Kundinnen und Kunden waren öffentlich abrufbar. Die Datensätze enthielten Namen, Telefonnummer, E-Mail-Adresse und physikalische Adresse der Bestellungen sowie die bestellten Produkte und das Ablaufdatum der Kreditkarte, falls damit bezahlt wurde.

(vbr)