Linux 5.18 kommt als "kleine Revolution"

Der neue Linux-Kernel kommt mit dem kontroversen Hardware-Abo von Intel, leitet das Ende von ReiserFS ein und wechselt erstmalig zu einem neueren C-Standard.

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Aufmacher Linux-Kernel 5.18

(Bild: Charles Bergman / shutterstock.com)

Von
  • Oliver Müller
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In der Nacht von Sonntag auf Montag entließ Linus Torvalds den neuesten Spross 5.18 des Linux-Kernels in die Welt. Der neue Kernel war im Vorfeld als zwar umfangreiches, aber dennoch "nur" als Wartungs-Release gehandelt worden. Beim näheren Blick sind abseits von Treiber-Updates und Bugfixes dennoch einige interessante Neuerungen hinzugekommen, von denen einige richtungsweisend sind und manche sogar recht kontrovers diskutiert werden.

Linux 5.18 bietet das nötige Stück Code an, um Intels "Software Defined Silicon" (SDSi) nutzen zu können. SDSi ist ein Mechanismus zum Freischalten von Hardware-Features von zukünftigen Prozessoren des Chip-Herstellers aus Santa Clara. Der neue Linux-Kernel bietet hierfür einfache Operationen an, um einerseits Authentifizierungszertifikate in die CPU zu installieren und andererseits Eigenschaften (Capability) in der Hardware freizuschalten. Die Zertifikate dienen als Schlüssel, um das Freischalten der jeweiligen Hardware-Eigenschaften überhaupt zu ermöglichen. Erst wenn das passende Zertifikat installiert ist, lässt sich die jeweilige Capability aktivieren und nutzen.

Wird zu oft versucht, ein falsches Zertifikat zu installieren, sperrt die Hardware alle weiteren Versuche. Hierzu führt die Hardware einen Zähler, der beim Überschreiten eines Wertes keinen weiteren Versuch mehr zulässt. Erst nach einem Kaltstart kann ein neuer Freischaltanlauf gewagt werden.

Intel versucht, damit einem alten Geschäftsmodell wieder neues Leben einzuhauchen. Im Großrechnerumfeld war und ist es üblich, Systeme zwar Hardware-seitig voll ausgestattet zu liefern. Den nutzbaren Leistungsumfang definieren aber erst die gekauften Lizenzen. Über Microcode-Updates kann so der Mainframe-Hersteller Hardware aktivieren, deaktivieren oder sogar umwidmen. Ähnlich verhält es sich bei SDSi. Sind die passenden Zertifikate, also Lizenzschlüssel installiert, können gewisse Hardware-Bestandteile zugeschaltet und genutzt werden.

Welche Hardware-Eigenschaften das betreffen wird, ist aktuell noch unklar. Ebenso ist nicht ersichtlich, ob Lizenzen dauerhaft vergeben werden, oder ein Abonnementmodell kommen wird. Letzteres könnte mit Modellen liebäugeln, wie sie sich im Automotive-Bereich bereits abzeichnen. So lässt sich etwa ein Hardware-seitig voll ausgestatteter Tesla nur dann vollumfänglich nutzen, wenn die betreffenden Features freigeschaltet sind. Die Freischaltdauer kann an ein Abo geknüpft sein.

Dieses Modell brachte die Gemüter der Linux-Community in Wallung. Open-Source soll der Anwenderin und dem Nutzer volle Transparenz und Kontrolle über das System geben. Mit dem Lizenzmodell à la SDSi ist das grundsätzlich immer noch so. Der nutzbare Umfang ist aber dehnbar.

Wer Linux zudem mit Nachhaltigkeit als Grundgedanken auf älterer Hardware nutzt, steht vor neuen Fragen und Herausforderungen. Wie lange können Features bei älteren Prozessoren zugekauft werden? Wie lange können Abos verlängert werden? Das rüttelt am Open-Source-Weltbild und ruft philosophische Debatten auf den Plan.

So wurde der neue Treiber für SDSi im Vorfeld sowohl in der Community, aber auch im Beiträgen in Fachmedien breit behandelt. Beispielsweise bei LWN, das mit dem Blickwinkel der freien Software auf das Thema schaut. The Register fragt hingegen ganz praktisch, was denn SDSi freischalten werde beziehungsweise was hinter einer "Paywall" stehen wird. Eine konkrete Antwort fand das britische IT-Nachrichtenportal jedoch nicht.

Gegen die Aufnahme des SDSi-Treibers in den Kernel spricht technisch gesehen wenig. Die Funktionsweise des Treibers ist sehr einfach, da auch die Schnittstelle in die Hardware sehr simpel ist. Die philosophische Diskussion wiegt schwerer. SDSi befeuert in der Community die Forderung nach Open-Source-Hardware. Freie Software solle auf freie Hardware.

Auch stellt daher mancher die Frage, ob ein SDSi-Treiber im Linux-Kernel überhaupt etwas zu suchen habe. Das Argument ist aber rein theoretischer und philosophischer Natur. Praktisch gesehen würde ein Rauswurf des SDSi-Treibers das Problem auch nicht lösen. Der Treiber ist so einfach, dass ihn jeder Distributor oder Hardware-Vendor in seinen eigenen Kernel aufnehmen könnte.

Wo die Reise mit dem "Nachkaufen" von Hardware-Features hingeht, ist aktuell unklar. Schließlich hält sich Intel bezüglich der zuschaltbaren Eigenschaften bislang bedeckt. Zudem ist unklar, ob andere Hersteller wie AMD nachziehen. Neu ist das Hardware-Lizenz-Thema auch bei Linux nicht. Auf dem IBM-Mainframe System z ist Linux für s390x mit dem Thema auch konfrontiert. Allerdings zielt Intel in die Heimatarchitektur von Linux, welches auf dem i386 entstand. Zudem läuft das Gros der Linux-Systeme auf den von x86 abgeleiteten Prozessoren. Die Open-Source-Szene hat das als Weckruf verstanden. Das Thema wird die Community abseits des SDSi-Treibers noch länger beschäftigen. Ob es tatsächlich neuen Schwung in die Open-Source-Hardware bringt, wird nicht zuletzt davon abhängen, wie Intels Pläne konkret aussehen.