Linux 5.8: Bislang größtes Kernel-Update veröffentlicht

Das neue Release ist trotz seiner Größe eher vernünftig denn revolutionär. Es zeichnet sich vor allem durch eine bessere Unterstützung moderner Hardware aus.

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(Bild: Hannes Grobe/AWI / CC BY 3.0 / Wikimedia Commons)

Von
  • Oliver Müller

Mit Version 5.8 hat Linus Torvalds das bislang größte Linux-Kernel-Update freigegeben – ein Rekord, den bislang die Version 4.9 hielt. Highlights sind unter anderem die deutlich ausgebaute Unterstützung für moderne Hardware sowie umfangreiche Neuerungen und Verbesserungen von Dateisystem und Grafiktreibern.

Torvalds hatte sich bereits beim Release Candidate 1 hinreißen lassen, von einem der bislang größten Updates zu sprechen. Zum neuen "Größenrekord" merkte er allerdings an, dass die Ausgangslage bei 5.8 eine andere sei als bei 4.9. Der Kernel 4.9 war nämlich lediglich ein so großes Update, weil ein Rückstau an Änderungen in ihn einfloss.

5.8 hingegen zeichne sich durch fundamentale Entwicklungsarbeit im Kernbereich, intensive Aufräumarbeiten und viel Arbeit bei den Dateisystemen aus. 20 Prozent aller Quellcodedateien des Kernels würden angefasst. Über 15.000 Commits, rund 800.000 neue Zeilen Code und über 14.000 geänderte Dateien.

Das finale Linux 5.8 hat tatsächlich in puncto Commits gegenüber 4.9 leicht die Nase vorn. Über 924.000 Zeilen Code kamen hinzu; 371.000 fielen raus. Immerhin ein Zuwachs von 553.000 Zeilen. Fast 2.000 Entwickler trugen zu 5.8 bei. Über 300 von ihnen zum ersten Mal. Auch das ist Rekord.

In Anbetracht dieser Rekorde ist 5.8 in der Tat das bislang größte Kernel-Update. Doch plakative Superlative sind das eine, wirklicher Mehrwert das andere. Abseits von Commit-Statistiken und "lines of code" zeigt sich der neue Kernel eher als solides Standard-Release mit vielen Verbesserungen und wenigen Neuerungen.

Viel Arbeit investierten die Entwickler neben Aufräumarbeiten in die Treiber und Unterstützung moderner Hardware. Lange erwartet ist der SAGV-Support für Intel Tiger Lake und Gen12-Grafikkerne von Intel nun final verfügbar. SAVG (System Agent Geyserville) ermöglicht es dynamisch die Spannung und die Taktrate entsprechend das Energie- und Leistungsanforderungen zu regeln.

Dem Treiber AMDGPU für Grafikkarten von AMD spendierten die Entwickler die Unterstützung von "Trusted Memory Zone" (TMZ). Grundsätzlich lässt sich damit der Zugriff auf Speicherbereiche durch die CPU und andere nicht-GPU-Clients sperren. Wichtig ist das zur Wiedergabe von verschlüsselten Videos. Der Patch für TMZ war schon einige Zeit verfügbar. Jetzt hat er mit Linux 5.8 den Segen für den Praxiseinsatz erhalten. Er erfordert jedoch mindestens eine Grafikkarte vom Typ GFX9/Vega oder neuer.

Der Radeon-Treiber soll nun kritischer Hitzeentwicklung vorbeugen oder die Überhitzung zumindest besser handhaben können. Neu ist jetzt die Unterstützung von Qualcomm Adreno 405, 640 und 650 durch Open-Source-Treiber.

Der Support von TRIM-Befehlen für MMC, eMMC und SD bei modernen Betriebssystemen sollte eigentlich kein großes Thema mehr sein. Auch der Linux-Kernel unterstützt es schon seit langem in Form von DISCARD/TRIM. Dieses Verfahren war aber bislang lediglich eine zuschaltbare Option. Der Treiber für den Host-Controller entschied, ob es zum Einsatz kam oder nicht.

Der neue Kernel führt nun den Support für ERASE/DISCARD/TRIM ein. Zugleich ist diese Funktion per Voreinstellung aktiv und das für alle Host-Controller verbindlich. Selbstverständlich ist das Feature aber auch nur dann nutzbar, wenn das Speichermedium TRIM unterstützt.

Zudem ist nun der Zugriff auf Informationen aus dem Replay Protected Memory Block (RPMB) über das sysfs-Dateisystem möglich. Der RPMB ist ein mit eMMC4 eingeführter Datenbereich, der gegen Replay-Attacken geschützt ist. Der Zugriff auf den RPMB über sysfs ist in Linux 5.8 möglich, wenn die betreffende Hardware mindestens die eMMC-Spezifikation 5.1 implementiert.

Die in Linux 5.7 aufgenommene Variante des exFAT-Treibers von Samsung bekam in Version 5.8 einige Bugfixes und Optimierungen. Neben Aufräumarbeiten wurde das Logging verbessert und der Entry-Cache optimiert. Als neues Feature unterstützt der exFAT-Treiber nun auch "Boot Region Verifikation". Damit lassen sich Boot-Sektoren über Checksummen prüfen. Dieses Feature ist Bestandteil der exFAT-Spezifikation seitens Microsoft. Mit Version 5.8 rückt der Kernel somit näher an Microsofts Vorstellung von exFAT heran.

Auch ext4 erfuhr einen Hausputz. Das Aufräumen förderte einige Bugs zutage, und Performance-Probleme und einige Race-Situationen konnten beseitigt werden. Kleineren Dateisystemen konnten zudem in der Vergangenheit die Blöcke ausgehen, weil sie zuvor reservierte Inodes nicht korrekt nutzen konnten. Dieses in mballoc() beheimatete Problem gehört jetzt der Vergangenheit an.

Das bereits in 5.7 um neue Kompressionsverfahren erweiterte Flash-Friendly File System (F2FS) erhielt mit LZO Run-Length Encoding (LZO-RLE) einen weiteren Kompressionalgorithmus. LZO-RLE verspricht eine ähnlich hohe Kompressionsrate wie LZO bei höherer Performance. LZO selbst hatte zugunsten von LZ4 im vorherigen Linux-Release erst den Thron als Default-Algorithmus frei gemacht. Nun buhlen mit LZO, LZO-RLE. LZ4 und Zstd gleich vier Kompressionsalgorithmen um die Gunst des Administrators.

Xen 9pfs und SMB3 profitieren von Performance-Verbesserungen. Der btrfs-Code wurde entrümpelt und an mehreren Stellen optimiert. Zudem ist das Direct-I/O von btrfs nun über die iomap-Schnittstelle erreichbar.

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Bei der CPU-Unterstützung hat sich ebenfalls etwas getan. Unter anderem wurde der neue AMD Energy Driver aufgenommen, so dass das Hardware-Monitoring nun auf die Energy-Sensoren von Zen- und Zen2-Prozessoren zugreifen kann. Zudem kann mit dem Support für Zen/Zen2 RAPL die Leistungsaufnahme dieser Prozessoren geregelt werden.

Auch für den kürzlich vorgestellten AMD Ryzen 4000 "Renoir" unterstützt Linux 5.8 die Temperaturüberwachung. Zudem bietet der neue Kernel support für einige neue ARM SoCs und baut im RISC-V-Umfeld weiter aus.

Im USB-Umfeld wartet Linux 5.8 mit einigen Treiber-Updates für USB-C auf. Außerdem unterstützt der Kernel nun Intel Tiger Lake Thunderbolt. Auch abseits von x86 kommt Thunderbolt. So unterstützt Linux nun Thunderbolt auch auf ARM.

Die Kernel-Entwickler haben auf dem Weg zu 5.8 ohne Zweifel gute und viel Arbeit geleistet. Die Änderungen und Neuerungen finden sich zumeist tief im System. Keine der vielen Neuerungen bringt allerdings entscheidend Performance oder krempelt die Art um, wie man Linux benutzt. Abgesehen von der Größe des Updates präsentiert sich Linux 5.8 daher als Standard-Release von hoher Qualität. Die konsequenten Aufräumarbeiten und das Vereinheitlichen stellen immerhin die Weichen für die Zukunft.

(ovw)